Brisantes Dossier von Bhutto Neue Vorwürfe der Opposition bringen Pakistans Regierung in Bedrängnis

Die Umstände der Ermordung von Benazir Bhutto werden immer dubioser. Die pakistanische Oppositionsführerin wollte angeblich kurz vor ihrem Tod US-Abgeordneten ein Dossier über geplante Wahlfälschungen der Regierung übergeben. Auch die tatsächliche Todesursache ist nach wie vor umstritten.


Islamabad - Benazir Bhutto hatte am vergangenen Donnerstag, dem Tag des Attentats, eine Pressekonferenz geplant, bei der sie Pläne zur Manipulation der Parlamentswahlen aufdecken wollte. Dies berichtete einer ihrer Mitstreiter von der pakistanischen Volkspartei PPP, Senator Latif Khosa.

Trauer um Benazir Bhutto: Brisantes Dossier über Wahlfälschungen
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Trauer um Benazir Bhutto: Brisantes Dossier über Wahlfälschungen

Bhutto habe Beweise veröffentlichen wollen, die ein Komplott des Geheimdienstes und der Wahlkommission belegten, so Khosa. Der tödliche Anschlag am Donnerstagabend in Rawalpindi habe diese Enthüllungen verhindert.

Bhutto habe die Beweise in Form eines 160-Seiten-Dokuments auch zwei US-Parlamentariern überreichen wollen, die sich in der vergangenen Woche in Pakistan aufhielten. Die Namen der amerikanischen Abgeordneten nannte Khosa allerdings nicht. Es soll sich nach Angaben der "Times" aber um den Demokraten Patrick Kennedy und um Arlen Specter von den Republikanern handeln. Die beiden Politiker bestätigten demnach bislang nur, mit Bhutto am Tag des Anschlags zum Essen verabredet gewesen zu sein.

Laut "Times" steht in dem Bericht angeblich, der pakistanische Geheimdienst betreibe einen Unterschlupf in Islamabad, von dem aus die Wahl zugunsten der Muslimliga manipulierte werden solle. Die Muslimliga unterstützt Präsident Musharraf. Finanziert werde das Haus in einem Innenstadtbereich der Hauptstadt mit Hilfsgeldern aus den USA. Ein Sprecher der Regierung dementierte die Vorwürfe allerdings. Präsident Pervez Musharraf kündigte für morgen eine Rede an die Nation an. Über den Inhalt der Rede machte sein Sprecher keine Angaben.

Der Zeitung zufolge kamen aus den USA seit 2001 mindestens zehn Milliarden Dollar, die der pakistanischen Armee im Kampf gegen den Terror helfen sollten. Teile der Gelder könnten dem Bericht zufolge für andere Zwecke verwendet worden sein. Kritiker sagen, Musharraf benutze die Hilfen, um die Truppen an der Grenze zu Indien zu verstärken. Andere Gelder seien bei Privatleuten verschwunden.

Die neuen Berichte passen zu den dubiosen Darstellungen der Todesumstände der Oppositionsführerin. So behauptete die Regierung zunächst, Benazir Bhutto sei nicht erschossen worden, sondern an den Folgen einer Explosion gestorben. Videodokumente legen jedoch einen anderen Hergang der Tat nahe.

Eine Aufnahme, die dem britischen Channel 4 zugespielt wurde, untermauert die Schussverletzungs-These. In dem Film sind drei Schüsse zu hören, Sekundenbruchteile später bewegen sich Bhuttos Kopftuch und Haare nach oben, was darauf hindeutet, dass sie von Projektilen getroffen wurde. Dann sackt die Oppositionspolitikerin, deren Oberkörper aus dem Schiebedach ihres Wagens ragt, in sich zusammen. Erst danach detoniert die Bombe.

Um die Todesumstände endgültig zu klären, rief Bhuttos Witwer Asif Ali Zardari die Uno und Großbritannien um Hilfe an. Oppositionspolitiker fordern eine unabhängige internationale Untersuchung des Mordes, was die Regierung von Präsident Pervez Musharraf bisher jedoch ablehnt.

Ein Sprecher des pakistanischen Innenministeriums wollte heute zur Todesursache Bhuttos nichts mehr sagen. Man wolle zunächst den offiziellen Abschlussbericht der Ärzte abwarten, bevor man sich erneut zu diesem Thema äußere.

Der US-Nachrichtensender CNN zitierte allerdings aus dem offiziellen medizinischen Bericht. Darin sei nichts über die bislang aktuelle Regierungstheorie zu finden, Bhutto sei durch die Explosion gegen das Schiebedach geschleudert worden und dadurch gestorben. Vielmehr sei dort eine "offene Kopfverletzung mit Schädelbruch, die zu einem Herz-Lungen-Versagen führte" als Todesursache angegeben.

Wahlen werden verschoben

Die Opposition wehrt sich nun gegen die Verschiebung der Wahl, die für den 8. Januar angesetzt war. Die endgültige Bekanntgabe des neuen Wahltermins ist für Mittwoch geplant. Ursprünglich sollte die Entscheidung darüber bereits gestern fallen. Mitglieder der Partei von Pakistans Präsident Pervez Musharraf hielten es für wahrscheinlich, dass die Wahl um bis zu zwei Monate verschoben wird.

Bhuttos Partei hat ihre Teilnahme an der Abstimmung zugesagt, sich aber gegen eine Verschiebung des Wahltermins ausgesprochen: "Das pakistanische Volk soll über seine Zukunft entscheiden, und der Zeitpunkt dafür ist jetzt", so Bhuttos Witwer Asif Zardari, der neuer Co-Vorsitzender der PPP ist, in einer gemeinsamen Stellungnahme mit dem Chef der zweiten großen Oppositionspartei, Nawaz Sharif.

Die beiden Politiker weiter: Die Wahl müsse wie geplant am kommenden Dienstag stattfinden. "Das wäre nicht nur ein Tribut an Benazir Bhutto, sondern auch eine Bestätigung der demokratischen Grundwerte, für die sie gestorben ist."

Angesichts der wütenden Proteste gegen Musharraf nach dem Anschlag auf Bhutto in der vergangenen Woche könnte die Opposition mit einem klaren Sieg rechnen, wenn die Wahl wie geplant am 8. Januar stattfindet. Die Regierung verweist bei ihrer Entscheidung für einen späteren Wahltermin jedoch auf im Zuge des Protests zerstörte Wahlunterlagen.

Die USA bezeichneten eine kurze Verschiebung der Parlamentswahl indes als akzeptabel, sollte die Mehrheit der pakistanischen Parteien dem zustimmen. Sollte der Urnengang jedoch unbefristet aufgeschoben werden, sei dies ein Grund zur Sorge, sagte US-Außenamtssprecher Tom Casey.

Bhuttos Sohn Bilawal Bhutto Zardari verließ am Dienstag mit seinen beiden Schwestern Pakistan. Der 19-Jährige ist zwar Nachfolger seiner Mutter als Chef der PPP, sein Vater aber ist als Co-Vorsitzender für die täglichen Amtsgeschäfte zuständig. Eine Sprecherin der Partei sagte, Bilawal Bhutto Zardari sei auf dem Weg nach England, um sein Studium in Oxford fortzusetzen.

sef/ffr/AFP/Reuters/dpa



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