Brexit-Poker mit EU Briten erwägen Steuerdumping

Die britische Regierung rüstet sich für die Brexit-Verhandlungen mit der EU: Berater von Premierministerin Theresa May schlagen vor, Firmensteuern drastisch zu senken, berichtet die "Sunday Times".

Theresa May, EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker
AFP

Theresa May, EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker


Vor den Verhandlungen über einen EU-Austritt sickern erste Drohszenarien der britischen Regierung durch. Laut "Sunday Times" könnte Premierministerin Theresa May eine drastische Senkung der Unternehmensteuer ankündigen, wenn die Europäische Union zentrale Forderungen zu Finanzwirtschaft und Handel nicht erfüllen will. Damit könnten Firmen aus der EU nach Großbritannien gelockt werden.

Der Vorschlag stamme von Mays Beratern, berichtete die Zeitung. Vier Monate nach dem Brexit-Votum gibt es in Großbritannien Befürchtungen, die anderen EU-Länder könnten einen harten Kurs fahren.

Im Zentrum steht die für das Land besonders wichtige Finanzbranche. Die britischen Banken, Versicherer und Hedgefonds befürchten, dass sie nach einem Brexit die Erlaubnis verlieren, ihre Dienste in der gesamten Union anbieten zu dürfen (Passporting). Außerdem will May den freien Handel mit der EU so weitreichend wie möglich erhalten.

Banken drohen damit, das Land zu verlassen

"Wir haben ziemlich gute Karten, die wir ausspielen können, wenn sie uns Schwierigkeiten machen", zitierte die Zeitung eine namentlich nicht genannte Person, die mit den Überlegungen der Regierung vertraut sei. Sollten die verbliebenen EU-Staaten das Passporting verweigern oder hohe Handelszölle planen, könne Großbritannien seinen maßgeblichen Satz für die Unternehmensteuer von derzeit 20 auf zehn Prozent kappen.

Verkehrsminister Chris Grayling äußerte sich überzeugt, dass der Handel zollfrei bleiben werde. Dazu werde es vernünftige Vereinbarungen geben. Dies sei im Interesse beider Seiten, sagte er der BBC.

Nach dem Willen der verbleibenden EU-Staaten sollen die Verhandlungen erst aufgenommen werden, wenn die Briten den Austritt offiziell beantragt haben. Das soll May zufolge bis Ende März 2017 geschehen.

Vor diesem Hintergrund wollen britische Großbanken das Land bereits Anfang nächsten Jahres verlassen, wie der Chef des Lobbyverbandes BBA, Anthony Browne, der Zeitung "Observer" sagte. Kleinere Geldhäuser planten sogar einen Abzug noch vor Weihnachten.

cte/Reuters



insgesamt 201 Beiträge
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kjartan75 23.10.2016
1. Haha, guter Witz...
Sollen die Briten das ruhig machen. Ich frage mich dann nur, wie sie ihren Haushalt dann retten wollen. Schon am Freitag wurde bekannt, dass die Schulden höher sind als gedacht und dass man vom Erreichen des Haushaltsziels meilenweit entfernt ist. Ich bin gespannt, wie die Sozialausgabenkürzung und Steuererhöhung für Privathaushalte sich dann in der britischen Bevölkerung bemerkbar machen wird. Durch die Kappung und Entkopplung von der Inflationssteigerung der benefits für die ärmere britische Bevölkerung (diejenigen, die mehrheitlich für den Austritt gestimmt haben), wird die ansteigende Inflation in den nächsten Jahren zum ernsthaften Problem. Nur zu, liebe Tories, viel Spaß beim Runterwirtschaften :)))
Katzazi 23.10.2016
2. Unternehmenssteuern halbieren ...
Unternehmenssteuern zu halbieren hört sich schon recht drastisch an. Das hat ja ziemlich weitreichende Folgen. Zum einen müssen die Steuern die dadurch wegfallen erstmal wieder eingeholt werden. Und bis sich entsprechend viele neue Firmen angesiedelt haben, dürfte es durchaus noch etwas dauern. Insbesondere, wenn für die Firmen andere Faktoren weiterhin mit Unsicherheit verknüpft sind oder sie eben wo anders trotzdem bessere Konditionen für andere Bereiche, als die Steuer haben. -- Zum anderen kann das auch innenpolitische Folgen haben. Wenn nämlich gleichzeitig "normale" Steuern erhöht werden (müssen), um das Senken der Unternehmenssteuern zu kompensieren.
Roland Bender 23.10.2016
3. Das ist ja albern
Sollte Großbritannien so in die Vertragsverhandlungen mit Brüssel und den 27 verbliebenen EU Staaten gehen, dann machen sie eine Bauchlandung. Am Ende müssen die eine Charmoffensive starten, sonst wird es schlicht keinen Deal geben. Die können vielleicht uns Deutschen mit niedrigeren Unternehmenssteuern kommen aber was interessiert das - sagen wir die Slowakei. Wenn die sich erpresst fühlen, schalten sie auf Stur. Und dann können die Briten einpacken. Nebenbei Bemerkt macht sich in der EU gerade sowas wie ein Goldrausch breit. Viele Länder werben um britische Firmen und viele britische Firmen denken auch über Umzug nach. Das wird die Verhandlungen - nun sagen wir - deutlich verzögern. Für Länder wie Polen oder Ungarn, die eher national eingestellt sind und in deren Richung Produktionsstätten verlagert werden könnten, wenn ´Großbritannien ein Zugang zum Binnenmarkt verwehrt wird, wird es sehr attraktiv sein, den Zugang zum Binnenmarkt überhaupt nicht oder nur sehr spät zu gewähren.
suedseefrachter 23.10.2016
4.
Das wäre klasse dann würd ich sofort nach England auswandern!
bigsur1 23.10.2016
5. Steuersenkung, na und?
GB ist doch auf dem Weg ein souveräner Staat zu werden. Ob uns dies nun gefällt oder nicht. Wer sollte denn dann später diesen souveränen Staat dann später davon abhalten jederzeit Unternehmenssteuern herunterzufahren oder nach oben zu setzen? Ich vermute nicht, dass irgendein Abkommen einen souveränen Staat dazu zwingen kann seine Steuersätze nach eigenen Wünschen zu gestalten. Allerdings gilt dies sicherlich dann auch für die Staaten der EU
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