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Snowden-Dokumente: Briten betrieben Wirtschaftsspionage in Italien

Von , Rom

Britischer Premier Cameron, italienischer Amtskollege Letta: Glasklarer Auftrag zur Wirtschaftsspionage Zur Großansicht
DPA

Britischer Premier Cameron, italienischer Amtskollege Letta: Glasklarer Auftrag zur Wirtschaftsspionage

Die amerikanisch-britischen Abhördienste haben auch in Italien massenhaft Daten abgegriffen. Die Spitzel sollten Politiker überwachen - aber auch Unternehmen. Der Auftrag der Londoner Regierung war eindeutig: Spionage zum "Wohle der britischen Wirtschaft".

Als sich US-Außenminister John Kerry und Italiens Ministerpräsident Enrico Letta diese Woche in Rom trafen, sei es freundschaftlich und offen zugegangen, hieß es. Einvernehmlich wurde über Libyen, Syrien und Afghanistan geplaudert und, ach ja, einige Minuten ging es wohl auch um die leidige NSA-Spionageaffäre.

Um vollständige Aufklärung bat der Hausherr. Er wolle sehen, was sich machen lasse, versprach der Amerikaner. Aber es gebe nun einmal die Gefahr des Terrorismus und deshalb müsse man "das richtige Gleichgewicht zwischen Sicherheitsinteressen und dem Datenschutz finden". Letta nahm es entspannt hin, fuhr anderntags nach Brüssel, um sich dort im Kreise seiner EU-Amtskollegen pflicht- und pressegemäß ein wenig aufzuregen. Dabei hätte er allen Grund zu echter Empörung.

Italien als britisches Zielgebiet

Mehr noch als viele andere Länder stand Italien im Zentrum der globalen Lauschangriffe. Das belegen neue Dokumente aus dem Fundus des Ex-NSA-Mitarbeiters Edward Snowden, die an diesem Freitag vom italienischen Magazin "L'Espresso" präsentiert wurden. Demnach gehörte Italien im Rahmen der illegalen transatlantischen Abhörpartnerschaft zwischen Washington und London zum Arbeitsgebiet des britischen Geheimdienstes GCHQ (Government Communications Headquarters). Die Briten hatten für den Einsatz des Tempora-Programms von ihren Oberen einen weiten Auftrag mit auf den Weg bekommen.

Sie sollten alles zusammentragen, was

  • "die politischen Absichten der ausländischen Regierungen" betrifft, deshalb wurden auch in Italien die Regierung und viele Parlamentarier abgehört;

  • die Weitergabe "nuklearer, bakteriologischer oder chemischer Waffen an feindliche Staaten" angeht; dazu müsse man am besten jeden technologischen Austausch global unter Kontrolle halten und sich interessante Technologien sehr genau anschauen;

  • außerdem "dem Wohle der britischen Wirtschaft" dient; das ist ein glasklarer Auftrag zur Wirtschaftsspionage.

In Sizilien ganz Europa abgehört

Im britischen Visier waren bei ihrem Italien-Einsatz aber nicht nur die dortigen Politiker und Unternehmen. Denn in Sizilien hätten sie die Chance, auf etliche der wichtigsten Kommunikationsstränge zuzugreifen, die Europa mit Asien, Australien, dem Nahen Osten und Amerikas Ostküste verbinden. Gewaltige Unterseekabel, die Telefonate, E-Mails und sonstige Datenpakete rund um den Globus transportieren. Die Leitung "FLAG Europe-Asia" zum Beispiel ist 26.000 Kilometer lang - in Palermo kommt man gut dran.

Das Abzweigen der Datenströme könnte allerdings auch in Großbritannien geschehen sein - sowohl FLAG Europe-Asia als auch das Kabel namens SeaMeWe-3 landen auch in Großbritannien an. SeaMeWe-4, ein weiteres Kabelsystem, das "L'Espresso" explizit erwähnt, verläuft von Palermo aus - dort gibt es auch einen Knotenpunkt vonFLAG Europe-Asia - zur Küste Nordafrikas, von dort aus weiter durch den Persischen Golf, zu mehreren arabischen Staaten, nach Indien und Südostasien.

Dass die Briten im Rahmen des Tempora-Programms Internet-Inhalte auf eigenem Grund und Boden abzweigen und zwischenspeichern, ist seit Monaten bekannt.

Geschah das Abzapfen dennoch mit Hilfe der italienischen Dienste? Womöglich haben italienische Geheimdienste bei dem Datenklau geholfen oder es zumindest toleriert. Ausweislich der neuen Snowden-Akten gab es nämlich einen Vertrag mit den Briten, der es den Diensten der abgehörten Länder erlaubt, Zugang zu den dabei gewonnen Daten zu bekommen. Natürlich nur zu denen, die dafür von den Briten herausgerückt werden. Im Gegenzug sollen die solcherart beschenkten nationalen Geheimdienste bei Bedarf den Briten behilflich sein, etwa die Netze anzuzapfen.

Die Geheimdienstler in Rom haben das natürlich sofort dementiert. Keine Kenntnis, schon gar keine Mithilfe und keine Indizien, dass seine Regierung in Rom ausgespäht worden sein könnte, behauptet der zuständige Staatssekretär Marco Minniti sogar jetzt noch.

Das Volk lacht

Und die Italiener, das Volk? Das regt sich nicht auf, sondern lacht über Minniti, über die schale Empörung von Regierungschef Enrico Letta und das politische Geplapper in Rom. Jeder im Lande weiß doch, dass dort so ziemlich alles abgehört wird, was irgendjemanden interessieren, irgendwem nutzen oder schaden könnte. Von den eigenen staatlichen Abhörern oder, wenn die nicht geschickt genug sind, von "befreundeten" Diensten oder gar von privaten Firmen in öffentlichem Auftrag.

Auch der vierfache Regierungschef Silvio Berlusconi wurde offensichtlich regelmäßig abgehört. Und ein großer Teil der Beute, Mitschnitte von Tausenden Telefonaten, landete irgendwann in den Medien. Zum Vergnügen oder Entsetzen der Leser.

Mitarbeit: Christian Stöcker

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insgesamt 211 Beiträge
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1. na klar
TangoGolf 25.10.2013
Zitat von sysopDPADie amerikanisch-britischen Abhördienste haben auch in Italien massenhaft Daten abgegriffen. Die Spitzel sollten Politiker überwachen - aber auch Unternehmen. Der Auftrag der Londoner Regierung war eindeutig: Spionage zum "Wohle der britischen Wirtschaft". http://www.spiegel.de/politik/ausland/briten-geheimdienst-gchq-betrieb-wirtschaftsspionage-in-italien-a-929995.html
sicherlich ein Skandal, aber überraschend? Das wäre es höchstens, wenn das nicht ohnehin die allermeisten Länder machen würden.
2. optional
lronmcbong 25.10.2013
Genau, wozu die Aufregung. 1.) Selbst wir in Deutschland haben ja ein Supergrundrecht und 2.) selbst wenn die italienische Wirtschaft am Boden liegt, weil die Briten ihnen ihre Erfindungen und Patente ausspionieren - kein Problem. Deutschland hilft euch allen aus!
3. Eu?
an-i 25.10.2013
...auflösen. Aber nicht wegen dem €, sondern wegen der Unfähigkeit gemeinsame Politik zu betreiben...
4. Ich sag's gerne nochmal:
helle1712 25.10.2013
jedes ausgespähte Land bzw. jede abgehörte Hauptstadt sollte die Straße, an der die jeweilige US-Botschaft liegt, in Edward-Snowden-Straße umbenennen. Zum ewigen Gedenken der Dienste unserer lieben Verbündeten.
5. Wirtschaftsspionage in einem Land...
Ex-Kölner 25.10.2013
...dessen Wirtschaft darniederliegt und Ausschnüffeln von Regierungen, die sich alle naslang zerlegen - das muß er sein, der berühmte britische Humor
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