Britische Charme-Offensive Federputz soll Iraker milde stimmen

Die britischen Soldaten tun derzeit offenbar alles, um der irakischen Bevölkerung klar zu machen: "Wir sind die Guten". Um sich von den Amerikanern und deren "Cowboy-Methoden" abzusetzen, greifen sie mitunter gar zum traditionellen Kopfputz. Doch der Riss zwischen den Verbündeten hat bereits die Regierungsebene erreicht.


Britischer Soldat mit Traditions-Kopfputz: Irakische Kinder sind begeistert
DPA

Britischer Soldat mit Traditions-Kopfputz: Irakische Kinder sind begeistert

London - Entsetzt äußerten sich britische Soldaten und Regierungsvertreter über die jüngsten Vorfälle, bei denen US-Soldaten irakische Zivilisten erschossen hatten - so etwa gestern, als an einem Checkpoint Frauen und Kinder getötet wurden. Solche Tragödien, heißt es, erschwerten die Bemühungen, die Herzen der Iraker zu erreichen. Auf die Frage, ob dies die irakische Bevölkerung gegen die Alliierten aufbringe, antwortete der britische Militärsprecher Chris Vernon der die Londoner Zeitung "The Times": "Das ist in der Tat der Fall." Auch gegenüber anderen Blättern bemühten sich britische Militärs nicht sonderlich, den Eindruck zu vermeiden, sie hätten es bei Nadschaf besser gemacht als die Amerikaner.

Die Angst vor irakischen Selbstmordattentaten tut unter britischen Soldaten offenbar ihr Übriges. Um sich von den aggressiven Checkpoint-Kontrollen der Verbündeten abzusetzen, haben die britischen Royal Marines in vier südirakischen Städten ihre Helme gegen Mützen ausgetauscht. Oberstleutnant Mike Riddell-Webster griff zur schottischen Tellermütze mit rotem Federbusch. Sein Kollege, Hauptmann Robert Sandford, sprach im "Daily Telegraph" von ersten Erfolgen der Operation Kopfputz: "Amüsement" sei die meistbeobachtete Reaktion unter den Irakern gewesen. Mittlerweile seien die Menschen weniger ängstlich gegenüber den britischen Truppen. Die Amerikaner vermummen sich dagegen weiterhin immer mit Helm, Schutzbrille und Halstuch.

Das Verhältnis zwischen dem britischen Premierminister Tony Blair und US-Präsident George W. Bush bekommt offenbar erste Dellen. Das rücksichtslose Vorgehen der Amerikaner gegen irakische Zivilisten, ihre diplomatischen Attacken gegen Syrien und Iran lassen die britische Regierung unamüsiert zurück. Schon zitiert die "Times" einen Schlüssel-Berater des britischen Premierministers Tony Blair mit der Aussage, es gebe "haarfeine Risse" im britisch-amerikanischen Verhältnis. Die Differenzen seien sowohl militärischer als auch politischer Natur.

USA: "Jeder Iraker wird als Gegner angesehen"

Britische Quellen berichten in der "Times", dass sie ihre Erfahrungen im Umgang mit der Zivilbevölkerung in langen Jahren in Nordirland gewonnen hätten. "Es gibt keinen Zweifel, dass diese Erfahrungen, und auch die aus den Friedensmissionen in Bosnien, Kosovo und Sierra Leone, den Briten die Kunst der Beherrschung beigebracht haben." Aus dem Pentagon heiße es dagegen, jeder Iraker werde nach dem Selbstmordattentat vom Wochenende als Gegner angesehen, bis er das Gegenteil bewiesen habe.

Sind sich offenbar nicht mehr ganz so einig: Tony Blair und George Bush
REUTERS

Sind sich offenbar nicht mehr ganz so einig: Tony Blair und George Bush

Belastet worden sei das Verhältnis auch durch mehrere Zwischenfälle, bei denen britische Soldaten versehentlich von Amerikanern unter Feuer genommen worden waren. Ein britischer Soldat sprach nach der Attacke eines US-Flugzeugs auf eine britische Panzerkolonne von "Cowboy-Methoden". Daneben verträten die Regierungen in Washington und London laut "Times" unterschiedliche Positionen hinsichtlich der Behandlung von Kriegsgefangenen, der Uno-Rolle im Nachkriegs-Irak und des Nahost-Friedensprozesses.

Unterschiedliche Ansichten zur Nahost-Politik

Wenn US-Präsident George W. Bush seine Versprechungen zur Veröffentlichung eines "Fahrplans" für den Friedensprozess nicht einhalten sollte, wäre dies ein ernsthafter Bruch, der die Dinge in Zukunft verändern würde, zitierte die Zeitung den namentlich nicht genannten Berater Blairs.

Entzweit sind die beiden Regierungen auch über Drohungen von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld gegen Iran und Syrien, berichtete die "Times". Der britische Außenminister Jack Straw hat in der BBC einen Angriff seines Landes auf Syrien oder Iran nach Ende des Golfkriegs ausgeschlossen. Großbritannien jedenfalls werde sich keinesfalls daran beteiligen. Auch Straw warnte aber Syrien vor einer Unterstützung des Irak.

Der britische Minister reagierte damit auf verschiedene Äußerungen amerikanischer Politiker, die den Eindruck erweckt hatten, sie wollten sich nach einem Sieg über den Irak als nächstes Syrien und Iran vornehmen. Rumsfeld hatte die Regierung in Damaskus ausdrücklich davor gewarnt, den Irak mit militärischer Ausrüstung zu unterstützen. Iran wurde von US-Präsident George W. Bush schon vor geraumer Zeit gemeinsam mit dem Irak und Nordkorea auf einer "Achse des Bösen" platziert.

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