Britische Euro-Kritiker: Euer Empire und wir

Faule Menschen, kaputte Sozialsysteme und maulige Deutsche, die keine Lust mehr auf ihre historische Schuld haben - so beschrieb Niall Ferguson im SPIEGEL die drohende Auflösung Europas. Seltsame Thesen, findet Matthias Matussek. Will der britische Euro-Kritiker gar Geld aus Germany?

Occupy-Protest in Frankfurt: Europa als Lachnummer und Soap Opera Zur Großansicht
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Occupy-Protest in Frankfurt: Europa als Lachnummer und Soap Opera

Seit Angela Merkel die Eiserne Lady Europas ist und die Wirtschaftswunder-Deutschen die Führung in Europa übernommen haben, stehen die britischen Leitartikler Kopf. Die Euro-Krise befeuert die Leidenschaften auf der rezessionsgeplagten Insel, wie es sonst nur der Fußball tut. Es geht wie immer um Sieg und Niederlage und sowieso um offene historische Rechnungen.

Erst mal sind sie vernehmlich erleichtert, die Insulaner, dass sie ja eigentlich nicht zu Europa gehören. Sie sitzen auf dem Zaun. Der Euro - ein "brennendes Haus ohne Türen, ein Wahnsystem", wie ihn Außenminister William Hague nannte. Eine Reihe von Tory-Abgeordneten würde lieber heute als morgen aus der EU austreten.

Sie verstehen sich nach wie vor als Weltreich, unsere britischen Nachbarn, auch wenn ihnen die Welt abhanden gekommen ist. Aber das kompensieren sie dadurch, dass sie gerne in Kriege ziehen, an der Seite ihres amerikanischen Cousins.

Es gibt, soweit ich es erkennen kann, zwei Lager auf der Insel. Die einen sagen: Gott sei Dank haben wir das Pfund. Die anderen sagen: geschieht dem Kontinent recht. Alle zusammen sagen: Irgendwie ist Deutschland schuld.

Noch sind die Ratschläge, die von jenseits des Kanals kommen, recht disparat. Die einen fordern von den Deutschen, dass sie den Euro retten (in der stillen Hoffnung darauf, dass sich die Krauts die Finger verbrennen).

Doch im wesentlichen gibt der "Telegraph" die Richtung vor: Nicht Griechenland, sondern Deutschland ist das Problem und gehört ausgeschlossen aus der Euro-Zone. Im Ernst. Warum? Darum: Die Deutschen haben die Euro-Zone destabilisiert mit ihrer Lohndisziplin, ihrer rücksichtslosen Produktivität, die die sattsam bekannte Panzermentalität verrät. Der "Spectator" argumentiert ähnlich ("Schimpft nicht auf die Griechen"). Und die "Financial Times" stöhnt über die Deutschen, die "nicht wissen, was sie wollen".

Für das Insel-Publikum legt "Vanity Fair"-Autor Michael Lewis die Deutschen auf die Couch und analysiert ihr Seelengeknäul aus "Geld, Exkrementen und Nazivergangenheit".

Doch den vorläufig lustigsten Beitrag haben nun Sie, lieber Niall Ferguson, im SPIEGEL geliefert, denn Sie haben den deutschen Beitrag zu Europa auf die Füße gestellt. Historisch eingeordnet. Und, na klar, die Weltkriege ins Spiel gebracht.

Unter Helmut Kohl verstanden es die Deutschen "noch als ihre moralische Pflicht", für Europa zu zahlen. Aber das sei nun wohl vorbei. Das mit der Moral. Und der Pflicht. Aber prima, dass wir noch mal darüber reden konnten, denn wir reden gerne darüber, egal in welchem Zusammenhang, ob es jetzt der Fußball ist oder der Euro.

"Don't mention the war"

Wir alle kennen John Cleeses Stechschritt-Parodie "Don't mention the war"! Es muss Ihnen eine Wonne gewesen sein, ihn zu erwähnen, den Krieg. Ich sehe Sie grinsen. Ich tue es auch. Sie errechnen eine deutschen Europa-Zuschuß, der bisher in etwa der Reparationssumme der Versailler Verträge entspricht. Wie interessant! Und wie sehr uns das weiterhilft!

Zunächst war es durchaus originell, Sie, den smartesten Nachlassverwalter des britischen Empire, den TV-Stationen heutzutage aufbieten können, um Ihre Meinung zur deutschen Malaise zu bitten. Das ist so, als liefere man sein krankes Lieblingsschaf zur Begutachtung bei einem Metzger ab. Bei einem, der Schafe nicht sonderlich mag.

Weder die im Osten, noch im Westen. Der deutsche Delinquent habe die Nase voll, schreiben Sie mit grimmiger Fürsorglichkeit. Seit Jahren würden die "Westdeutschen ihre Landsleute in Leipzig fürs Nichtstun bezahlen". Das allerdings, Niall, ist nicht mehr ganz up to date. Mittlerweile wird auch in Leipzig gearbeitet. Und in Bochum gibt es Arbeitslose. Insgesamt aber längst nicht so viele wie auf Ihrer Insel.

Sie sind nun mal ein meinungsstarker Typ. Als ich Sie 2004 traf, hatten Sie gerade ein Buch geschrieben, in dem Sie die Amerikaner ermahnten, entschlossener Krieg zu führen, im Irak und anderswo, kurz: sich wie eine ordentliche Weltmacht zu benehmen, wie es die Briten doch vorexerziert hätten zwischen 1850 und 1950 im Empire.

Zu uns Deutschen meinten Sie - London brummte damals in der selbstbewussten "Cool Britannia"-Bankenblase - bei uns gäbe es zu viel Regulierungen für die Wirtschaft, zu viel Wohlfahrtsstaat, zu viele Fesseln fürs Bankenwesen. Im Gegensatz zum Finanzcrash, den Sie damals noch nicht vorhergesehen hatten, haben Sie aber, wie Sie nun im SPIEGEL schreiben, die "Degeneration" des Euro aufs Jahr genau vorhergesagt.

De-Generation als Generationenproblem

Hm. Was meinen Sie mit Degeneration? Tatsächlich die Grätsche des Euro? Zunächst mal offenbar überhaupt nicht. Zunächst mal meinten Sie, viel trivialer, lediglich das, was alle Welt unter einem demografischen Problem versteht, nämlich eine alternde Bevölkerung, kostspielige Sozialsysteme, aufgetürmte Schulden für die nachwachsende Generation, De-Generation als Generationenproblem, das alle treffen wird, die Amerikaner, die Briten, ja selbst die Chinesen in spätestens der übernächsten Generation.

Ich habe den Eindruck, lieber Niall, Sie sind nicht so ganz bei der Sache an diesem Punkt. Das kommt erst, wenn Sie ein wenig später dann doch den "Stammtisch" bedienen, wie es Jürgen Kaube in der "FAZ" bereits festgestellt hat.

Kaube macht mit Recht auf den paradoxen Umstand aufmerksam, dass es ausgerechnet angelsächsische Ökonomen wie Ferguson und amerikanische wie Krugman und Rogoff sind, die den Europäern die Leviten lesen, und dabei ganz vergessen, dass ihre eigene Nation wegen hoffnungsloser Überschuldung (weit größer als die griechische) kürzlich vor der Zahlungsunfähigkeit stand.

Sie wiederum, lieber Niall Ferguson, machen vollmundig unter anderem mangelnde Arbeitsdisziplin auf dem Kontinent aus. Sie sorgen sich nun mit antieuropäischem Populismus plötzlich um die Deutschen, die nicht die "Griechen dafür bezahlen wollen, dass sie auf Lesbos nichts tun." Wieso eigentlich auf Lesbos? Am schönsten nichts tun kann man doch auf Ios!

Europa als Lachnummer und Soap Opera

Europa ist für Sie und Ihre Landsleute eine Lachnummer, eine Soap Opera, die von der Frage bewegt wird, ob "Angela mit Nicolas" kann oder "Silvio erneut mit heruntergelassenen Hosen erwischt wird". Allerdings muss ich sagen, Mister Ferguson, dass die Ehedramen und Peitschenskandale im Unterhaus für mich in meinen Londoner Korrespondententagen immer einen beträchtlichen Unterhaltungswert hatten.

Letztlich aber ist alles - ob Euro oder Empire oder Fußball - für einen Briten immer und zuvörderst eine Sache des Stolzes. Sie sehen "eine europäische Delegation zu einer demütigenden Reise nach Peking" aufbrechen, um Geld zu erbetteln. Pah! Bei den Chinesen!

Dort werden die Europäer dann von Jin Liqun, dem Vorsitzenden des Staatsfonds, gemaßregelt, als hätte er bei Ihnen, Mr. Ferguson, abgeschrieben: Der Wohlfahrtsstaat mit seinen Arbeitsmarktregulierungen habe zu "Faulheit und Trägheit verleitet".

Gut, dass es all das nur in Europa und nicht auf der Insel gibt. Gut, dass auf der Insel alle immerzu unter Entbehrungen arbeiten wie in China in den letzten 20 Jahren. Das sind die Tugenden, mit denen Sie Ihr Weltreich gehalten haben, bis heute! Und wenn Not am Mann wäre, würden Sie sich an Ihre ehemaligen amerikanischen Kolonien wenden, die sich doch jolly good gemacht haben in den vergangenen 200 Jahren. Ach, die haben auch nichts mehr? Die sind verschuldet bei den - Chinesen?!

Egal. Wer Sie über Deutschlands historische Schulden und Europa und die Welt philosophieren hört, mag nicht glauben, dass es auf der britischen Insel einen Finanzcrash gegeben hat, der sich der Deregulierung der Banken verdankte, oder staatliche Rettungspakete, die zur Überschuldung geführt haben, oder brennende Straßen in London, oder insbesondere das Gespenst einer Rezession und die Notwendigkeit, über die nächsten drei Jahre 150 Milliarden Euro einzusparen.

Ungefähr ein Drittel dieses Betrags, 55 Milliarden, ist übrigens gerade bei uns durch einen Zufall aufgetaucht. Wissen Sie was, Niall Ferguson, Wirtschaftshistoriker, Harvard-Professor, Fernsehmoderator? Wir reichen den Betrag einfach weiter an Ihre kleine Insel in der Nordsee, und Sie verbuchen das als Reparationszahlungen für die letzten beiden Kriege.

Aber nun wirklich: Don't mention the war ever again!

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insgesamt 372 Beiträge
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1. Eigentlich wollen Sie alle nur
huberwin 12.11.2011
das die Europäische Notenbank fleißig Geld nachdruckt und immer wieder in den Kreislauf pummpt. Und dies bitte unbegrenzt solange noch genug Papier da ist. So schön nach dem Motto ...du hast Schulden bei der Bank, macht doch nichts, schreib doch einen Scheck aus.
2. Bizare Thesen , ...
47/11 12.11.2011
... das mag schon sei, aber immer mit dem Hintergedanken, die anderen sind schuld an den eigenen Problemen . Und wenn es um Geld geht, na , da gräbt man auch mal eine Leiche aus !Hauptsache, man kann sein verlogenes Image uns seine kriminelle Kolonialpolitik hochhalten !!!
3. Eine schöne Glosse :)
Mentar 12.11.2011
Vielen Dank für einige vergnügliche Leseminuten, Herr Matussek. Es ist schon wirklich sagenhaft, was man so von der Insel lesen darf...
4. Einbahnstraße
weltbetrachter 12.11.2011
Ich glaube, das den Leuten in England dieses EUROPA so ziemlich egal ist. Hauptsache viel Fördermittel abgreifen und den England-Rabatt nicht abschaffen. --- Alles andere ist nicht die Sache der Engländer sondern allein Angelegenheit der Kontinentalstaaten.
5. Aber klar doch !!!
Spinatwachtel 12.11.2011
Zitat von sysopFaule Menschen, kaputte Sozialsysteme und maulige Deutsche, die keine Lust mehr*auf ihre historische Schuld haben*-*so beschrieb Niall Ferguson im SPIEGEL die drohende Auflösung Europas. Bizarren Thesen, findet Matthias Matussek.*Will der*britische Euro-Kritiker*gar Geld aus Germany? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,797247,00.html
Stupid geman money ist überall beliebt! Und - die Briten sind m. E. niemals bereit, zu Europäern zu mutieren. Sie sind und bleiben Insulaner. Schräg, liebenswert, britisch halt. Ich mag sie, die Briten, solange sie keinen Krieg führen, sondern statt dessen Tee trinken, gärtnern, spintisieren, und uns mit schwarzem Humor beglücken!
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