Britische Konservative Blond lockt Tories nach links

Arme zu Aktionären machen! Supermarktketten zerschlagen! Mit provokanten Vorschlägen will Tory-Vordenker Phillip Blond das Image der britischen Konservativen aufpeppen. Der Parteichef zeigt Interesse - doch an der Thatcher-treuen Basis rumort es.


London - Der Mann, der die britischen Tories neu erfinden will, sieht aus, als sei er gerade erst aufgestanden. "Sorry, ich hatte nur drei Stunden Schlaf", sagt er. Schnell kommt er jedoch zum Thema. "Das Thatcher-Paradigma ist am Ende", sagt er. Nach 30 Jahren Neoliberalismus unter den Premierministern Margaret Thatcher, John Major, Tony Blair und Gordon Brown sei Großbritannien reif für etwas Neues.

Wofür genau? Da arbeitet der unausgeschlafene Mann gerade dran. Seit Januar ist Phillip Blond Direktor des Projekts für progressiven Konservatismus an der Londoner Denkfabrik Demos. Sein Schreibtisch steht in einer ehemaligen Fabriketage am Südufer der Themse. Von hier steuert der 42-Jährige seine Medienkampagne für eine Rückbesinnung der Konservativen auf ihre Wurzeln vor 1979 - dem Jahr, als Margaret Thatcher die Regierung übernahm.

Thatcher, sagt er, sei immer noch der Referenzpunkt der meisten Tories und der Öffentlichkeit, wenn sie an die die Partei denken. Dabei gebe es eine viel breitere konservative Tradition als nur den Glauben an freie Märkte. Die will Blond wiederbeleben. Konservative, sagt er, müssten sich wieder um die normalen Leute kümmern. An die Stelle des Thatcherismus müsse ein neuer "Volkskapitalismus" treten.

Der Zeitpunkt könnte nicht besser gewählt sein. Das angelsächsische Kapitalismusmodell steckt in der tiefsten Sinnkrise seit Jahrzehnten, und die Tories stehen kurz davor, nach zwölf Jahren Labour-Regierung die Macht im Land zurückzuerobern.

Im Herbst soll Blonds Buch "Red Toryism" erscheinen, eine Art Manifest für die neue Ära. Darin plädiert er unter anderem dafür, Märkte zu relokalisieren und den ärmeren Schichten Zugang zu Kapital zu verschaffen. Postämter sollen zu einem parallelen Bankensystem ausgebaut werden, welches die lokale Wirtschaft mit Kredit versorgt. Arbeiter und Angestellte sollen an ihren Unternehmen beteiligt werden. "Es reicht nicht, dass das einzige Eigentum der Leute ihr Haus ist", sagt Blond.

Versöhnung mit den Gewerkschaften

Blond will die Konservativen sogar mit den Gewerkschaften versöhnen, die Thatcher systematisch zerschlagen hatte. Beim Aufbau eines neuen Stakeholder-Kapitalismus könnten die Arbeitnehmervertreter eine wichtige Rolle spielen, sagt er.

Grundsätzlich sieht die Red-Tory-Philosophie vor, lokale Einheiten zu stärken - als Versicherung gegen weitere Krisen. Die Globalisierung habe Großbritannien zu abhängig von außen gemacht, ist Blond überzeugt. Monopole wie die großen britischen Supermarktketten sollen zerschlagen werden. Dafür sollen der Bäcker, der Fleischer und der Gemüsehändler wieder Einzug auf der High Street halten.

Es sind radikale Utopien, die bisher eher von der politischen Linken zu hören waren. Etliche sind halbgar und halten einem Realitätstest nicht stand. Billige Massenprodukte werden nicht aufgrund der Finanzkrise verschwinden, und an der Mitarbeiterbeteiligung haben sich schon Legionen von Praktikern die Zähne ausgebissen.

Tory-Chef Cameron: Fordert wie Querdenker Blond einen "Kapitalismus mit Gewissen"
AP

Tory-Chef Cameron: Fordert wie Querdenker Blond einen "Kapitalismus mit Gewissen"

In den Diskussionsforen der Website ConservativeHome wird der rote Tory denn auch bereits heftig angegriffen. Rot sei die Farbe des Blutvergießens, schimpfte ein Blogger in seiner Wut über so viel sozialistischen Schwachsinn. Es ist wohl auch kein Zufall, dass Nicht-Parteimitglied Blond bisher vor allem in linksliberalen Blättern wie dem "Independent" oder dem "Guardian" publizieren durfte.

Camerons Wandlung zum progressiven Konservativen

Doch zeigt der Tory-Parteivorsitzende David Cameron reges Interesse an dem Querdenker. Als Blond das Projekt bei Demos startete, hielt Cameron die Eröffnungsrede. Und bei seinem Auftritt beim Weltwirtschaftsforum in Davos klang der Parteichef kürzlich so, als habe Blond etliche Passagen der Rede verfasst. Er forderte einen "Kapitalismus mit Gewissen" statt "Märkten ohne Moral". Es sei Zeit, vibrierende lokale Märkte zu schaffen - selbst wenn das bedeute, sich großen Konzernen in den Weg zu stellen. Und man müsse auch die Armen rekapitalisieren, nicht bloß die Banken.

Bereits seit seiner Wahl zum Parteichef im Dezember 2005 ist der smarte Eliteuni-Absolvent bemüht, sich als progressiver Konservativer zu verkaufen. Die Finanzkrise bietet nun zahlreiche Gelegenheiten für die ProgCons, wie sie in Anlehnung an die amerikanischen NeoCons genannt werden.

In der Frage der Banker-Boni ging Cameron, der Spross einer Bankerfamilie, sogar weiter als Premier Gordon Brown und forderte kategorisch, dass kein Bankmitarbeiter mehr als 2000 Pfund erhalten dürfe. Vergangene Woche kündigte der Tory-Chef an, den Stadträten mehr Macht geben zu wollen und die Bürgermeister in den größten britischen Städten nach dem Vorbild von London direkt wählen zu lassen. Unter Thatcher war der Verantwortungsbereich der Kommunen stark beschnitten worden.

Blond ist kein offizieller Berater von Cameron, aber er steht in Kontakt mit dessen Leuten. Man reagiere gegenseitig auf Ideen, beschreibt Blond das Zusammenspiel. Er bezeichnet sich als "unabhängigen Intellektuellen". Bis vor kurzem hat der Philosoph und Theologe noch Vorlesungen an der University of Cumbria gehalten. Mit dem Schlagwort der "roten Tories" sorgt er nun für Furore. Das Magazin "Prospect" machte gleich eine Titelgeschichte daraus: Das Cover zeigte eine Bildmontage von Margaret Thatcher mit der Mütze von Che Guevara.

Camerons Bürgeragenda sei die erste wirkliche Innovation in der britischen Politik seit 30 Jahren, behauptet Blond. Blair und Brown hätten den Thatcherismus einfach fortgesetzt. Das New-Labour-Gerede von der Chancengleichheit habe allein dazu geführt, dass die obere Mittelschicht ihren Vorsprung habe ausbauen können. "Ihre Maxime lautete: Wachstum um jeden Preis", sagt Blond.

Margaret Thatchers langer Schatten

Die Konservativen setzen nun wieder auf Moral und Verantwortung. Blond empfiehlt, dass sie sich insbesondere die Kartelle der Großkonzerne vorknöpfen, die aufgrund mangelnder Kontrolle in vielen Bereichen entstanden seien. Altlinke wie der Labour-Abgeordnete Jon Cruddas sind begeistert.

Die Frage ist, ob die Wähler ausgerechnet den Tories die Kritik am freien Spiel der Märkte abnehmen. Thatchers Schatten ist immer noch lang. Cameron müsste gewillt und stark genug sein, einen Paradigmenwechsel gegen die Interessengruppen in seiner Partei auch durchzusetzen. Für seine Bankersprüche hat er sich bereits scharfe Kritik aus der Londoner City anhören müssen.

Camerons Banker-Bashing schmeckt nach Opportunismus. Blond jedoch sagt, es sei integraler Bestandteil seiner Agenda für einen neuen Kapitalismus. Cameron sei es ernst damit, mit der Mentalität der achtziger Jahre zu brechen. Während Thatcher noch den berühmten Satz gesagt hatte, es gebe keine Gesellschaft, will Cameron nun im Namen der Gesellschaft den Markt regulieren.

Auch Blond glaubt nicht, dass eine Tory-Regierung tatsächlich Supermarktketten zerschlagen wird. "Aber sie können die Wettbewerbsgesetze verschärfen und kleine Händler in den Stand versetzen, sich gegen die Großen besser zu behaupten".



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Seite 1
Christian60 23.02.2009
1. Schuldenentlastung
Zitat von sysopSupermarktketten zerschlagen, Gewerkschaften wiederbeleben, Arme zu Aktionären machen: Mit provokanten Vorschlägen will Tory-Vordenker Phillip Blond das Image der britischen Konservativen aufmöbeln. Der Parteichef zeigt Interesse - doch an der Basis rumort es. Welche Chancen hat solch neues konservatives Denken in Großbritannien?
Ausgezeichnete Vorschläge! Lass uns erst mit der vollkommenen Schuldenentlastung der Klein und Mittelverdienern anzufangen. Also ein allgemeines schulden "Pardon" gefolgt durch einen Neuanfang. Wer das verspricht wird die nächsten Wahlen mit höchster Wahrscheinlichkeit auch gewinnen. Dies würde für die Torys einen 180 Grad Richtungswechsel bedeuten. Na ja die kommunistische Elite des Sowjet Imperiums inkl. Ost-Europa wurde ja auch über Nacht zum Extremkapitalisten vor ca. 20 Jahren. Wirtschaftlich hat die Mehrheit nichts mehr zum Verlieren. Schon deshalb sollte man die neusten Vorschläge der Torys ernsthaft nehmen.
Morotti 23.02.2009
2.
Zitat von sysopSupermarktketten zerschlagen, Gewerkschaften wiederbeleben, Arme zu Aktionären machen: Mit provokanten Vorschlägen will Tory-Vordenker Phillip Blond das Image der britischen Konservativen aufmöbeln. Der Parteichef zeigt Interesse - doch an der Basis rumort es. Welche Chancen hat solch neues konservatives Denken in Großbritannien?
Wie ist das mit einer Partei zu machen, die überaltert ist und nicht auf der Höhe der Zeit ist. Wenn ich so an den Vordenker der SPD ( Glotz ) denke, würde die SPD auch anders da stehen. Aber Vordenker bleiben das was sie sind: Vordenker Was ist mit Europa, wo auch die Partei zu tiefst gespalten ist? Das ist Stimmenfang, der es nicht lohnt, darüber weiter Nachzudenken. Nein , dass sind untaugliche Versuche so schön wie es sich auch anhört, um an die Macht zu kommen.
Hugh Theo 22.07.2009
3. good Lord...
Zitat von sysopSupermarktketten zerschlagen, Gewerkschaften wiederbeleben, Arme zu Aktionären machen: Mit provokanten Vorschlägen will Tory-Vordenker Phillip Blond das Image der britischen Konservativen aufmöbeln. Der Parteichef zeigt Interesse - doch an der Basis rumort es. Welche Chancen hat solch neues konservatives Denken in Großbritannien?
Aber das ist doch hanebüchener Unsinn, was dieser Philip Bond da vom Stapel lässt. David Cameron wird einen Teufel tun und diesen “Tory Vordenker” (wo haben Sie das denn her?) ernst nehmen. Niemals werden diese abstrusen Ideen, die Sie als “neues konservatives Denken” titulieren, auch nur ansatzweise bei den Tories diskutiert werden. Es ist auch völlig unnötig, denn Gordon Brown’s New Labour ist ein garantiertes Auslaufmodell. Alles, was nötig ist, um im nächsten Jahr ans Ruder zu kommen, ist, diesen Haufen einfach weiter gewähren zu lassen. Da braucht man gar kein Image aufzumöbeln, um sich als wählbare Alternative zu präsentieren. William Hague hat es mit seiner Rede am Dienstag vorgemacht - eine Rückkehr der Realpolitik und eine Abkehr von der Geldvernichtungsmaschine EU. Was glauben Sie, wie die Stimmung hier im Lande ist? Da braucht man keinen Philip Bond, um sich interessant zu machen, sondern gestandene Tories, die sich auf die Tradition konservativen Denkens berufen.
kdshp 23.07.2009
4.
Zitat von sysopSupermarktketten zerschlagen, Gewerkschaften wiederbeleben, Arme zu Aktionären machen: Mit provokanten Vorschlägen will Tory-Vordenker Phillip Blond das Image der britischen Konservativen aufmöbeln. Der Parteichef zeigt Interesse - doch an der Basis rumort es. Welche Chancen hat solch neues konservatives Denken in Großbritannien?
Hallo, na da müssen wir uns in D keien sorgen machen denn die konservativen fahren D ja erst vor die wand.
MaxG. 05.10.2009
5.
Die Tories können im Prinzip vorschlagen was sie wollen, wenn man sich mal anschaut wie Browns Stuhl wackelt. Was an den Vorschlägen konservativ sein soll, müsste mir allerdings noch mal einer bei Gelegenheit erklären.
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