Shitstorm-Bekämpfung: Camerons schnelle Twitter-Eingreiftruppe

Von , London

Premier Cameron: Twitter-Eingreiftruppe gegen unkontrollierbare Gerüchte Zur Großansicht
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Premier Cameron: Twitter-Eingreiftruppe gegen unkontrollierbare Gerüchte

Die britische Regierung wurde auf Twitter schon mehrfach blamiert, nun bläst die Downing Street zum Gegenangriff. Eine schnelle Eingreiftruppe soll Shitstorms entschärfen, bevor sie entstehen. Abgeordnete werden zum Massen-Twittern aufgerufen - eine fragwürdige Strategie.

Es war eine jener Politiker-Anekdoten, die sich im kollektiven Gedächtnis einbrennen. Im vergangenen Oktober wurde der britische Finanzminister George Osborne im Zug nach London mit einem Zweite-Klasse-Fahrschein auf einem Platz in der ersten Klasse erwischt. Laut Augenzeugen gab es mit dem Schaffner eine Diskussion über einen Upgrade. Noch bevor Osborne in London aus dem Zug ausstieg, hatte sich die Nachricht in Windeseile im Internet verbreitet - über den Kurznachrichtendienst Twitter.

In der Downing Street erinnern sie sich mit Schrecken an jenen Tag. Stundenlang wurde Osborne im Internet als Schwarzfahrer verhöhnt, bevor er seine Version der Geschichte darstellen konnte. Als er schließlich mitteilen ließ, dass einer seiner Mitarbeiter gleich nach dem Einsteigen zum Schaffner gegangen sei, um den fälligen Aufschlag zu entrichten, war der Schaden längst angerichtet.

Um solche Zwischenfälle künftig zu vermeiden, richtet die Downing Street nun eine schnelle Twitter-Eingreiftruppe ein. Das berichtete der "Guardian" am Montag. Das Team, angesiedelt in der Presseabteilung des Premiers David Cameron, soll die sozialen Netzwerke beobachten und Gerüchte austreten, bevor sie unkontrollierbar werden.

Zentral gesteuerte Parteipropaganda

"Jede Minute, die vergeht, verbreitet sich das Gift durch das System", zitiert der "Guardian" einen ranghohen Cameron-Mitarbeiter. "Man muss das sehr schnell neutralisieren."

Obendrein will die Regierung einzelne Journalisten mit exklusiven Infos versorgen, damit diese sie sogleich per Twitter verkünden können. Camerons Spin-Doktoren setzen laut "Guardian" darauf, dass die Westminster-Korrespondenten sich gern für PR-Zwecke instrumentalisieren lassen, weil sie aus ihrer Redaktion unter Druck stehen, Neuigkeiten auch zu twittern.

Auch die konservativen Unterhaus-Abgeordneten werden in die Twitter-Offensive mit eingebunden. Schon seit einiger Zeit werden sie angehalten, Parteibotschaften aus der Zentrale en masse weiterzutwittern.

Auf einer Social-Media-Konferenz in London wurden am Montag allerdings Zweifel an dieser Strategie laut. Während Twitter-Beobachter heutzutage als Muss jeder Kommunikationsabteilung gelten, könnte sich die zentral gesteuerte Parteipropaganda als kontraproduktiv erweisen. "Es ist eine furchtbare Idee, wenn Abgeordnete im selben Moment dieselbe Botschaft versenden", sagte Jamie Bartlett von der Denkfabrik Demos. Twitter sei schließlich kein Rundfunk-Medium.

Man könne auf Twitter nicht einfach nur die Parteilinie runterbeten, sagte auch die Labour-Abgeordnete Stella Creasy. Das fänden die Follower "irritierend". Stattdessen müsse man sich engagieren, als denkender Mensch sichtbar sein.

Kaum ein Politiker kann mit Twitter umgehen

Der richtige Umgang mit Twitter ist eins der ungelösten Rätsel des modernen Politikbetriebs - in London wie auch in Berlin. Zwar haben viele Abgeordnete inzwischen ein Konto. Doch was getwittert wird, ist häufig nichtssagend. Da werden Parteifreunde für Reden gelobt oder Eigenwerbung für Veranstaltungen gemacht. Echte Gedankenanstöße, oder gar Kritisches zur eigenen Partei, seien so gut wie nicht zu finden, kritisierten die Konferenz-Teilnehmer.

"Twitter ist der ewige Traum der Politiker", sagte "Times"-Kolumnist David Aaronovitch. "Endlich direkter Kontakt zum Wähler, ohne die Medien als Mittler". Das Problem sei: "Kaum ein Politiker kann mit Twitter umgehen. Es ist unglaublich, wie langweilig sie sind."

Die meisten Abgeordneten hätten immer noch Angst vor Twitter, sagte Aaronovitch. Das sei zu einem gewissen Grad verständlich: Schließlich sei noch nie jemand dank seiner Twitter-Sprüche gewählt worden, aber viele hätten schon wegen eines verunglückten Tweets zurücktreten müssen. Auf der anderen Seite sei es aber der "absolute Tod", wenn man Parteibotschaften weiterleite.

Es ist eine schwierige Gratwanderung. Langweiler werden geächtet. Aber wer auf Biegen und Brechen lustig sein will, tut sich auch keinen Gefallen. Das Wichtigste sei es, authentisch zu sein, sagte Alberto Nardelli, Gründer der Twitter-Nachrichtenplattform Tweetminster.

Wie man souverän mit Twitter umgeht, zeigte am Wochenende der finanzpolitische Sprecher der Labour-Opposition, Ed Balls. Er hatte 2011 einmal die Eingabemaske verwechselt und versehentlich seinen Namen getweetet. Plötzlich lasen seine Follower die Botschaft "Ed Balls". Die Nachricht wurde zu einem jener sinnfreien Gags, für die das Netzwerk berüchtigt ist. Tausende Male wurde sie weitergeleitet. Der Kult erreichte seinen Höhepunkt am vergangenen Sonntag. Witzbolde hatten den Tag zum "Ed Balls Day" ausgerufen. Erneut twitterten Zehntausende die Nachricht "Ed Balls". Der Labour-Politiker zeigte Humor - und machte selbst bei dem Spiel mit. Zumindest einige Sympathiepunkte dürfte er damit gesammelt haben.

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
thinkrice 30.04.2013
Twitter - Der größte Schwachsinn unserer Zeit. Jeder grenzdebile Affe kann seine Meinung in 140 Zeichen packen und kommt nicht einmal in die Verlegenheit seine Meinung begründen zu müssen. Passend für eine Zeit in der Schein Alles und Integrität Nichts ist. Am Interessantesten und gleichzeitig am Lächerlichsten finde ich folgende Aussage aus dem Munde einer Labour-Politikerin: ---Zitat--- "Stattdessen müsse man sich engagieren, als denkender Mensch sichtbar sein." ---Zitatende--- Engagieren über Twitter? Ist eine 140-Zeichen Nachricht, ein Schwimmen im entgeistigten Strom der Konsummassen, bereits ein Zeichen für Engagement? Kann man mit einer Twitter-Nachricht überhaupt als denkender Mensch in Erscheinung treten oder scheint man einfach nur ein denkender Mensch zu sein? Gehört zu einer postulierten Meinung nicht immer auch eine Begründung um als denkender Mensch zu gelten?
2. fein, fein...
memento_mori 30.04.2013
...der Bürger mit seinen stark eingeschränkten Möglichkeiten wird als Feind der herrschenden Politik identifiziert. Twitter ist doch auch nur ein Ventil. Oder hätte es Herr Cameron (stellvertretend für viele andere) lieber, wenn sich das Volk ein anderes Ventil sucht...?
3.
rennix 30.04.2013
Zitat von thinkriceTwitter - Der größte Schwachsinn unserer Zeit. Jeder grenzdebile Affe kann seine Meinung in 140 Zeichen packen und kommt nicht einmal in die Verlegenheit seine Meinung begründen zu müssen. Passend für eine Zeit in der Schein Alles und Integrität Nichts ist.
Ich nutze Twitter täglich und finde es eine hervorragende Möglichkeit, sich schnell informieren und unterhalten zu lassen. Ich folge vor allem den Tweets von Wissenschaftlern und Künstlern. Lassen Sie sich von "nur 140 Zeichen" nicht verwirren. Oftmals wird im Tweet lediglich ein kurzer Abriss gegeben und die ausführlichen Essays verlinken auf weiterführende Websites. Bitte nicht immer gleich alles rundheraus ablehnen nur weil es (relativ) neu ist. Es kommt immer darauf an, wie man ein solches Medium benutzt. Das nennt man Medienkompetenz. Da hilft es, nicht allzu engstirnig und borniert zu sein.
4. twitter= schwachsinn
baspm 30.04.2013
in einer debilen gesellschaft voller schein vor sein gesteuert von exzentrikern, die nur ihr aufmerksamkeitsdefizit kompensieren müssen, ist twitter das optimale instrument für die manipulation der degenerierten. und die lassen sich doch zu gerne darauf ein weils einfach ist und assoziale hetze mittlerweile gesellschaftfähig ist. information ist doch nur noch leeres gequatsche der meinungsmacher, die der grossen mehrheit nach dem schnabel quatschen weil es lukrativ ist. wen interessierts.
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