Britische Regierungsdokumente: Maggies gesammelte Gemeinheiten

Von , London

Die Parallelen zur aktuellen Politik sind verblüffend: Wie Premier Cameron heute kämpfte schon Margaret Thatcher mit leeren Kassen. 30 Jahre alte Dokumente enthüllen jetzt, wie kompromisslos die Eiserne Lady dabei vorging.

Neue Thatcher-Papiere: Sparkurs, Spesen und Krawalle Fotos
AP

Margaret Thatcher war sauer. Der für die öffentliche Verwaltung zuständige Minister Michael Heseltine hatte dem Unterhaus verraten, wie viel die Renovierung der Downing Street Nummer Zehn nach ihrem Einzug gekostet hatte. 1836 Pfund waren es insgesamt, darunter 464 Pfund für neue Bettwäsche und 19 Pfund für ein neues Bügelbrett.

Ihr politischer Instinkt sagte der Premierministerin, dass diese Ausgaben sie öffentlich angreifbar machten. Darum schrieb sie in handschriftlichen Vermerken an ihre Beamten, sie werde die Bettwäsche selbst besorgen. Schließlich bewohnten sie und ihr Mann Denis nur ein Schlafzimmer in der Regierungswohnung. Auch ein "hervorragendes Bügelbrett" habe sie noch zu Hause stehen. Das werde sie mitbringen. Die auf Regierungskosten angeschafften Sachen sollten wieder ins Lager zurück.

Die Rechnungen mit Margaret Thatchers Notizen sind in Regierungspapieren aus dem Jahr 1981 zu finden, die nach 30 Jahren unter Verschluss an diesem Freitag vom Nationalarchiv in London freigegeben wurden. Sie bestätigen das Image der sparsamen Hausfrau, das Thatcher zeitlebens kultivierte. Geradezu unverschämt musste ihr die Anfrage des Ministers für Wales erscheinen, der für die Renovierung seiner Zwei-Zimmer-Dienstwohnung in Cardiff 26.000 Pfund veranschlagte. "Holen Sie weitere Kostenvoranschläge ein", beschied sie ihn. Am Ende kosteten die Handwerker-Arbeiten 12.000 Pfund.

Thatchers Schatzkanzler erwog den "organisierten Niedergang Liverpools"

Neben neuen Anekdoten zu Thatchers Sparsamkeit zeigen die Dokumente vor allem verblüffende Parallelen zwischen 1981 und 2011. Wie die aktuelle Regierung von Premierminister David Cameron stritt auch das Thatcher-Kabinett über einen harten Sparkurs und kämpfte mit Unruhen in den Großstädten.

Nach den Krawallen im Liverpooler Stadtteil Toxteth im Juli 1981 empfahl Minister Heseltine massive Investitionen in Liverpool und anderen Städten, um den orientierungslosen Jugendlichen eine Perspektive zu geben. Schatzkanzler Geoffrey Howe sprach sich intern dagegen aus und schrieb in einem Vermerk: "Ist das nicht so, als würden wir Wasser bergauf pumpen? Sollten wir nicht lieber den "organisierten Niedergang" (Liverpools, Anm. der Red.) planen?"

Thatcher schlug sich auf die Seite Heseltines, er wurde ihr Sonderbeauftragter für Liverpool. Doch statt der geforderten hundert Millionen Pfund bekam er laut "Guardian" nur 15 Millionen Pfund, mit der Maßgabe, diese Zahl nicht öffentlich zu verbreiten. Schließlich sollte nicht der Eindruck entstehen, man belohne die Randalierer auch noch. Der frühere Schatzkanzler Howe sagte am Freitag in einem BBC-Interview, er erinnere sich nicht daran, je Liverpool aufgegeben zu haben.

Die konservative Regierung setzte damals vor allem auf Law and Order, um mit den Krawallen fertig zu werden. Nach den Unruhen im Londoner Stadtteil Brixton im April 1981, bei denen 200 Polizisten verletzt wurden, warnte Londons Polizeichef die Premierministerin, dass er ohne neue Ausrüstung nicht für die Sicherheit bei der königlichen Hochzeit von Prinz Charles und Diana Spencer im Juli garantieren könne.

Laut den nun frei gegebenen Dokumenten forderte er Wasserwerfer, Gummigeschosse und Schlagstöcke für seine Männer. Diese Waffen waren bis dahin auf die Unruheprovinz Nordirland beschränkt. Der Verteidigungsminister wehrte sich gegen die Aufrüstung der Polizei, schließlich gab es aber doch neue Gewehre und Schlagstöcke. Die Wasserwerfer allerdings blieben für Nordirland reserviert, eine Regel, die bis heute gilt.

Thatcher setzte Atomraketen gegen Widerstand ihres Kabinetts durch

1981 war ein schwieriges Jahr für Thatcher. Die Arbeitslosigkeit bewegte sich auf die Drei-Millionen-Marke zu, der Sparkurs war unpopulär und selbst in ihrem Kabinett war sie umstritten. Erst der Falklandkrieg im folgenden Jahr machte die Premierministerin zur unangreifbaren Nationalheldin.

Laut den Regierungspapieren waren zwei Drittel ihres Kabinetts 1981 auch gegen die Anschaffung des milliardenteuren Atomraketen-Systems Trident. In einem Vermerk an Thatcher forderte Verteidigungsminister John Nott eine öffentliche Debatte über das US-Waffensystem, weil zwei Drittel der konservativen Partei und zwei Drittel des Kabinetts gegen den Kauf seien. Thatcher hatte den Deal jedoch längst mit US-Präsident Jimmy Carter vereinbart - ohne die Zustimmung ihres Kabinetts. Die Bewaffnung führte damals zu Massendemonstrationen von Hunderttausenden Atomgegnern.

Ein weiteres Problem für die Thatcher-Regierung stellte in jenem Jahr der Besuch des neugewählten französischen Staatspräsidenten François Mitterrand dar. Als ranghöchster Minister begleitete ihn nämlich Verkehrsminister Charles Fiterman, ein Kommunist.

Das stellte Thatchers Mitarbeiter vor eine protokollarische Herausforderung, schließlich wollte ihre antikommunistische Chefin mit Kommunisten nichts zu tun haben. "Man könnte Mister Fiterman an einen Tisch setzen, der so weit wie möglich von der Premierministerin und Präsident Mitterrand entfernt ist, obwohl er der ranghöchste Minister ist", schlug Thatchers Kabinettschef vor. "Ich stimme zu", antwortete Thatcher. So wurde Fiterman an einen anderen Tisch verbannt.

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insgesamt 45 Beiträge
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1. Nur das Geld dort holen wo es ist
huberwin 30.12.2011
das können unsere lieben konservativen Politiker leider nicht. Gesammelte Gemeinheiten für den normalbürger fallen ihnen dagegen allen laufend ein. Wünsch ein glückliches Jahr fürs Geldeinsammeln.
2. privatisieren...
denkdochmalmit 30.12.2011
Zitat von sysopDie Parallelen zur aktuellen Politik sind verblüffend: Wie Premier Cameron heute kämpfte schon Margaret Thatcher mit leeren Kassen. 30 Jahre alte Dokumente enthüllen jetzt, wie kompromisslos die Eiserne Lady dabei vorging. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,806422,00.html
Thatchers Staaatsbegräbnis soll privatisiert werden... Thatchers Staatsbegräbnis soll privatisiert werden | Telepolis (http://www.heise.de/tp/blogs/8/151119)
3. Ohne Thatcher wäre das Königreich schlechter dran...
Ex-Kölner 30.12.2011
...und das schreibe ich als Konservativenhasser. Fakt ist: Als Thatcher antrat, lag die englische Industrie schon darnieder. Teils aus Unvermögen, teils aber auch wegen zu mächtiger, auf Randale gebürsteter Gewerkschaften. Das selbe Spiel bei der englischen Eisenbahn: Wenn man auf Dieselloks auf einem Heizer besteht, ist irgendwas falsch. Das englische, gutgemeinte Gesundheitssystem mit seiner Kostenlosversorgung für alle und alles war ebenfalls ein Faß ohne Boden. Lange Rede kurzer Sinn: Es mußte was passieren. Daß Frau Thatcher übers Ziel hinausgeschossen ist: keine Frage. Die britische Bahn hat sie nachhaltig ruiniert; zu schwache Gewerkschaften sind genauso schlecht wie zu starke. Dennoch frage ich mich, was die Alternative gewesen wäre. Hätte Labour versucht, schmerzhafte Reformen durchzuführen, wären sie sofort abgewählt worden...
4. Society? There is no society!
ogniflow 30.12.2011
Zitat von denkdochmalmitThatchers Staaatsbegräbnis soll privatisiert werden... Thatchers Staatsbegräbnis soll privatisiert werden | Telepolis (http://www.heise.de/tp/blogs/8/151119)
Auch der linksliberale "Guardian" steht einer Privatisierung des Begräbnisses positiv gegenüber, gibt aber zu bedenken: "Nach den schlechten Erfahrungen mit der Privatisierung der britischen Bahn ist zu befürchten, daß die Beerdigung mit 8 Stunden Verspätung beginnt!"
5. Denkt doch mal...
denkdochmal 30.12.2011
Zitat von sysopDie Parallelen zur aktuellen Politik sind verblüffend: Wie Premier Cameron heute kämpfte schon Margaret Thatcher mit leeren Kassen. 30 Jahre alte Dokumente enthüllen jetzt, wie kompromisslos die Eiserne Lady dabei vorging. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,806422,00.html
Regierungschefs/innen z.B. in Deutschland habe geschworen, nein, nicht viele "gute" Freunde zu machen, sie haben geschworen, den Nutzen des deutschen Volkes zu mehren und Schaden von ihm zu wenden. Wenn die "Iron Lady" auch manches übertieben hat, man hätte unserer verehrten Calamity Angie doch einmal ein Seminar bei ihr verschaffen sollen, bevor die Demenz Frau Thatcher so übel getroffen hat...
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