Britische Studie Angriff auf Iran würde Tausende Tote bedeuten

Tausende tote Soldaten und Zivilisten, und danach eine Dauerkrise im gesamten Nahen Osten: Eine britische Studie kommt zu dem Schluss, dass ein Luftschlag gegen Irans Nuklearanlagen enorme Risiken birgt.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Die Bomben würden ohne vorherige Warnung fallen. Abgeworfen würden sie von Kampfjets, die auf Flugzeugträgern im Persischen Golf stationiert sind, und von Langstreckenbombern, die in Großbritannien starten. Wahrscheinliche Ziele: der iranische Forschungsreaktor in Teheran, Nuklearanlagen in Isfahan, Natans, Arak und Buschir. Auch forschungsrelevante Universitätseinrichtungen würden ins Visier genommen. Tausende tote iranische Soldaten, Hunderte getötete Zivilisten: Das wäre die Bilanz der Angriffswelle, die sich vier bis fünf Tage hinziehen könnte.

Militärparade in Teheran: Was, wenn der Iran einfach alles wieder aufbaut?
AP

Militärparade in Teheran: Was, wenn der Iran einfach alles wieder aufbaut?

So sieht das Anfangs-Szenario für einen möglichen US-Militärschlag gegen das iranische Nuklearprogramm aus. Aufgeschrieben hat es in einer jüngst veröffentlichten Studie der britische Konfliktforscher Paul Rogers, für den Think-Tank "Oxford Research Group", es heißt: "Iran: Konsequenzen eines Krieges".

"Eine diplomatische Lösung der fundamentalen Differenzen zwischen Washington und Teheran ist immer noch möglich, wird aber zunehmend unwahrscheinlich", schreibt der Universitätsprofessor in der Einleitung. Dabei gehört der Autor keineswegs zu den Kriegstreibern: Die "Oxford Research Group" hat sich der Lösung internationaler Konflikte durch gewaltfreie Mittel verschrieben.

Einen Zeitrahmen für sein Szenario bietet Rogers nicht an. Aber trotzdem ist es nicht im luftleeren Raum entstanden, sondern inmitten einer globalen Diskussion darüber, wie mit dem Mullah-Staat umgegangen werden soll, der einfach nicht willens oder in der Lage ist, den Verdacht zu entkräften, er arbeite in Wahrheit nicht an einem zivilen Energiegewinnungs-Projekt, sondern an der Atombombe. Angesichts der geringen Kooperationsbereitschaft des iranischen Regimes unter Präsident Mahmud Ahmadinedschad haben Gedankenspiele um einen Präventivschlag gegen die Nukleareinrichtungen des Landes seit Monaten Auftrieb. Rogers liefert nun seit langem die erste seriöse und wissenschaftliche Einschätzung eines solchen Unterfangens - und seiner möglicherweise katastrophalen Folgen.

Luftangriffe als Dauer-Zustand?

Denn Rogers lässt keinen Zweifel daran, dass er das mögliche Nachspiel eines solchen Präventivschlags für brandgefährlich hält. Der Angriff hätte zum Ziel, Irans Nuklearprogramm "um mindestens fünf Jahre zurückzuwerfen", meint der Autor. Er glaubt, dass die USA oder der zweite mögliche Angreifer - Israel - in der Lage wären, diesem Programm "erheblichen Schaden zuzufügen". Aber Rogers kommt auch zu dem Schluss, dass "Iran viele Methoden zur Verfügung stünden, in den folgenden Monaten und Jahren zu reagieren". Seine Analyse: Ein Luftangriff, egal wie erfolgreich auf den ersten Blick, könnte auch bedeuten, dass man unter dem Strich eine unsichere Situation gegen eine noch unsicherere eintauscht.

Als Erstes, glaubt der Brite, würde Iran als Reaktion auf den Angriff zwei indirekte Wege einschlagen, um die USA und ihre Verbündeten zu treffen: Die vom Regime unterstützte Hisbollah im Südlibanon würde einen Raketenhagel auf Nordisrael niedergehen lassen, die Aufständischen im Irak könnten sich der Unterstützung Irans sicher sein - mit unabsehbaren Folgen.
Noch bedeutender aber wäre in Rogers' Augen eine weitere, wahrscheinliche Reaktion: Nach dem Schlag, glaubt der Konfliktforscher, würde sich Iran mit gestärkter nationaler Einheit und all seiner Energie sofort an die Wiederherstellung des Nuklearprogramms machen. "Anstatt mit einem Iran zu leben, der das Potential zur Produktion von Nuklearwaffen hat, würde ein US-Angriff fast sicher entweder einen nuklear bewaffneten Iran in den kommenden Jahrzehnten bedeuten - oder, alternativ, weitere militärische Auseinandersetzungen", folgert Rogers nüchtern. Mit anderen Worten: Ein nachhaltiger Erfolg ist unwahrscheinlich; iranische Nukleareinrichtungen zu bombardieren könnte vielmehr zu einer dauerhaften Notwendigkeit werden, wenn man eine Atommacht Iran nicht akzeptieren will.

Der Tag nach D-Day

Normalerweise lautet das Argument der Gegner eines Militärschlages, dass der Erfolg nicht garantiert sei, weil es zu viele und zu gut geschützte Einrichtungen seien, die man ausschalten muss. Iran hat vom Irak gelernt, dessen Nuklearprogramm die Israelis 1981 noch mit einem Luftangriff auf den Reaktor Osiraq in kurzer Zeit dauerhaft ausschalten konnten.

Erst in der vergangenen Woche hatte Edward Luttwak, Forscher am Center for Strategic Studies & International Studies in einem Aufsatz im "Wall Street Journal" dieses Argument zu entkräften versucht: "Iran braucht vielleicht 100 funktionierende Gebäude, um seine Bombe zu produzieren, aber es wäre ausreichend, ein paar kritische Einrichtungen zu zerstören, um das Programm für Jahre und vielleicht noch länger zurückzuwerfen", schrieb er.

Rogers lässt diese Debatte, um die sich die Diskussion bisher fast ausschließlich dreht, beiseite - und
lenkt den Blick stattdessen auf den bisher vernachlässigten Tag nach "D-Day". Das ist das Besondere an seiner Studie. So warnt Rogers, dass nach einem Schlag gegen Iran zwangsläufig die antiamerikanische Stimmung in der Region ansteigen wird - was mittelfristig sogar dem Terrornetzwerk al-Qaida in die Hände spielen könnte. Sollten die USA Iran angreifen, prophezeit er eine neue Welle von Selbstmordanschlägen. Ein "langer, hoch instabiler Konflikt", so Rogers zusammenfassend, würde durch einen Präventivangriff "so gut wie sicher". Die Tausenden Todesopfer als unmittelbare Folge der Luftschläge, glaubt der Brite, wären wohl nur der Anfang, am wahrscheinlichsten ein Jahre dauernder Zustand zwischen heißem Krieg und kaltem Frieden mit vielen Akteuren und an mehr als einer Front.

Rogers hatte schon einmal Recht

Umso tragischer, dass der Autor der Studie selbst die Gefahr eines bewaffneten Konflikts für hoch hält. In seiner knappen, stringenten Analyse der Motivlage der drei hauptsächlich beteiligten Staaten - USA, Israel, Iran - finden sich kaum deeskalierende Momente: Für die USA, schreibt Rogers, sei "es absolut inakzeptabel, dass einem 'Schurkenstaat' wie Iran auch nur entfernt die Möglichkeit zugestanden wird, ein eigenes nukleares Potential zu entwickeln". Israel wiederum betrachte es als "essentiell für seine Sicherheit, dass es der einzige Staat in der Region bleibt, der nukleare Kapazitäten hat". Iran, auf der anderen Seite, fühle sich bedroht, von US-Basen in seinen Nachbarländern umstellt - und sehe in der Atombombe ein mächtiges Abschreckungspotential.

"Eine Militäroperation gegen Iran wäre deswegen keine kurzfristige Angelegenheit, sondern würde ein Zusammenspiel komplexer und lang anhaltender Konfrontationen auslösen", schreibt Rogers zusammenfassend. "Daraus folgt, dass militärische Aktionen strikt ausgeschlossen und alternative Strategien entwickelt werden sollten."

Das klingt in der Analyse düster und in der Forderung naiv. Aber Paul Rogers hat schon einmal Recht behalten: "Die Vereinigten Staaten haben ausreichend Macht, die Zerstörung des Regimes zu garantieren, aber von der Ersetzung des Regimes durch Besatzungstruppen oder ein Klienten-Regime (...) kann man erwarten, dass sie regionale Ablehnung der US-Präsenz verstärkt. Es ist insbesondere wahrscheinlich, dass die Unterstützung für Gruppen wie al-Qaida ansteigt und die Anstrengungen zur Befriedung und Sicherung der Region unterlaufen werden."

Das Papier, aus dem dieses Zitat stammt, schrieb Rogers im November 2002. Es hieß: "Irak: Konsequenzen eines Krieges".



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