Europawahlkampf Britische Rechtspopulisten im Höhenflug

Der britische Rechtspopulist Nigel Farage strotzt vor Selbstbewusstsein: Alles andere als ein Sieg bei den Europawahlen wäre für seine Partei Ukip eine Enttäuschung. Doch der Absturz danach ist programmiert.

Ukip-Chef Farage: Traum von der "demokratischen Revolution"
REUTERS

Ukip-Chef Farage: Traum von der "demokratischen Revolution"

Von , London


Nigel Farage hat keine leichten Wochen hinter sich. Während er im Europawahlkampf alles tut, um seiner Unabhängigkeitspartei Ukip endlich einen seriösen Anstrich zu geben, sorgen seine Parteifreunde immer wieder für die falschen Schlagzeilen. Mal ist es ein früherer Parteisprecher, der Kopf einer pakistanischen Entführerbande gewesen sein soll. Mal ein Stadtrat, der die Überschwemmungen in England als Rache Gottes für die Gesetzgebung zur Homo-Ehe bezeichnet.

Doch Farage nutzt auch diese Negativ-PR zum politischen Vorteil. Die jüngsten Skandale in seiner Partei zeigten nur eines, sagte der Ukip-Chef am Montag vor der Auslandspresse in London. Die Angst der etablierten Parteien und Medien sei inzwischen so groß, dass sie zu Schmutzkampagnen greifen müssten.

Wie alle Populisten hat der 49-Jährige die Taktik perfektioniert, die Schuld im Zweifel immer auf "das Establishment" abzuwälzen. Dazu zählt er die drei großen Parteien Tories, Labour und Liberaldemokraten, aber auch die meisten Zeitungen und natürlich die öffentlich-rechtliche BBC.

Farage verspricht ein "Erdbeben"

Dabei war Ukip in den vergangenen Jahren weniger Opfer als vielmehr Agenda-Setter. Farages Rhetorik gegen EU und Einwanderung ist zum Mainstream geworden, und die früher als rechtsradikal verrufene Partei gilt vielen Briten inzwischen als salonfähig. Bei sechs Nachwahlen in Unterhaus-Wahlkreisen seit 2010 landete sie jeweils auf dem zweiten Platz - zuletzt am vergangenen Donnerstag in einer Labour-Hochburg bei Manchester.

Bei den Europawahlen im Mai soll der Siegeszug nun fortgesetzt werden. Farage hat die Erwartungen hochgeschraubt, ein Sieg ist Pflicht. Man werde ein "Erdbeben" auslösen, verspricht der Parteichef. Meinungsforscher sehen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Labour und Ukip. Ein Sieg der Protestpartei sei wahrscheinlich, sagt Peter Kellner vom Institut YouGov.

Bereits bei der Europawahl 2009 hatte Ukip die damalige Regierungspartei Labour auf den dritten Platz verwiesen. Wenn nun die Tories hinter Ukip und Labour landeten, unkt Farage, könne dies "ziemlich schwerwiegende" Folgen für Premierminister David Cameron haben. 80 Tory-Abgeordnete nutzten schon jetzt jede Gelegenheit zur Rebellion gegen Cameron, und für eine Neuwahl des Parteivorsitzenden brauche man nur 46 Unterschriften.

"Wie ein Rugby-Club auf Tagesausflug"

Vor allem jedoch könnte das Europaparlament nach dieser Wahl deutlich anders aussehen. Farage schwärmt von der "demokratischen Revolution", die derzeit in Europa stattfinde. Die EU-Skeptiker seien überall auf dem Vormarsch, sagt er. Vielleicht bekämen sie sogar erstmals eine Blockademehrheit im Parlament, um die Gesetzesvorschläge der EU-Kommission zu stoppen. Das jedoch ist unwahrscheinlich - zu unterschiedlich sind die euroskeptischen Parteien in den einzelnen Ländern. Farage selbst schließt etwa ein Bündnis mit dem französischen Front national aus, weil in der Partei immer noch viele Antisemiten seien.

Der Brite ist einer der bekanntesten EU-Gegner auf dem Kontinent - nicht zuletzt dank seiner via YouTube verbreiteten Spottreden auf die Eurokraten.

Dabei ist er selbst ein Profiteur des Brüsseler Systems: Seit 15 Jahren sitzt er als Abgeordneter im Europaparlament und genießt sämtliche Privilegien, über die er so gerne lästert. Trotzdem will er nicht Politiker genannt werden. Er bezeichnet sich selbst als "Agent des demokratischen Wandels".

Diese Widersprüche haben seine Anhänger noch nie gestört - ebenso wenig wie die dürftige Arbeitsbilanz der Brüsseler Ukip-Fraktion. Farage hat es immerhin vollbracht, die Außendarstellung der Partei zu verbessern. In der Vergangenheit hätten seine Leute häufig gewirkt "wie ein Rugby-Club auf einem Tagesausflug", räumt er ein. Man habe daraus gelernt und dieses Mal jeden einzelnen Kandidaten gründlich abgeklopft. Besonders stolz ist er darauf, auch Frauen und Angehörige ethnischer Minderheiten aufgestellt zu haben.

Dennoch gehen viele Beobachter in London davon aus, dass Ukips Höhenflug nach der Europawahl vorerst enden wird. So war es bereits vor fünf Jahren: Erst triumphierten die EU-Gegner bei der Europawahl, nur um dann ein Jahr später den Einzug ins Unterhaus zu verpassen. Das britische Mehrheitswahlrecht macht es für kleine Parteien nahezu unmöglich, einen Wahlkreis zu erobern.

2015 werde Ukip erneut keinen Sitz im Unterhaus gewinnen, prognostiziert Meinungsforscher Kellner. Nach dem Triumph bei der Europawahl werde die Ernüchterung einsetzen. "Wenn sich die Europaabgeordneten wieder als nutzlos herausstellen", sagt Kellner, "werden sich die Wähler abwenden."

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Seite 1
Mac_Beth 18.02.2014
1.
---Zitat--- Dabei ist er selbst ein Profiteur des Brüsseler Systems: Seit 15 Jahren sitzt er als Abgeordneter im Europaparlament und genießt sämtliche Privilegien, über die er so gerne lästert. Trotzdem will er nicht Politiker genannt werden. Er bezeichnet sich selbst als "Agent des demokratischen Wandels". ---Zitatende--- Aha und was genau soll er bitteschön sonst machen, wenn nicht versuchen das System von innen heraus zu verändern? Soll er etwa in den Untergrund gehen oder sich irgendeiner Plattform bedienen, die medial vernachlässigt wird? Auch wenn versucht wird andere Meinungen zu diffamieren, der Autor könnte sich wenigstens um eine gewisse Konsistenz in der Argumentationskette bemühen.
mustafa20 18.02.2014
2. Perfider Artikel
Da streut man mal ein, dass die Partei früher als "rechtsradiakl verrufen war" ... Bei wem? Doch wahrscheinlich beim politischen Gegner, der die Argumente mit Diffamierung versucht hat zu bekämpfen. Und genau so tut es dieser Artikel. Und dann der Vorwurf, dass Farage ja selbst vom Parlament lebt. Stimmt - aber was wäre die Alternative es zu ändern? Ein nicht demokratisch legitimierter Umsturz. Die bessere Alternative?
Randgruppe 18.02.2014
3. Aus der Ferne
Ich zitiere zuerst Udo Jürgens: die EU ist die beste Idee des Kontinents seit 1000 Jahren. Staunend habe ich nach der CH-Abstimmung "Geld Ja, Menschen nein" die Kommentare der Foristen gelesen. Und mir wurde kalt dabei. Wie weit nach Rechts soll es noch gehen? Kleinstaaterei als Problemlösung? Die EU ist das jüngste Staatengebilde der Welt, der Euro die jüngste Währung. Logisch üben wir noch, normale Anlaufprobleme halt. Warum können eigentlich mit Bildung und Kultur aufgewachsene Völker nicht nach Vorn schauen statt nach unten treten? Warum nehmen sich gebildete Menschen ausgerechnet den geistigen Bodensatz einiger Hinterwäldler aus den Schweizer Schattentälern zum Vorbild? Merkt wirklich Keiner, das man gemeinsam viel weiter kommt als einsam und alleine? Die Schweizer haben die Zukunft abgewählt, tut es denen BITTE bei den EU-Wahlen nicht nach. Ich brauche keinen WK3. Danke!
tdi-meister 18.02.2014
4. Ich wünsche der UKIP alles Gute!
Wer das nicht tut, sollte sich mal bei Youtube die Reden von Nigel Farage ansehen, dann spätestens tut er / sie es auch!
anbue 18.02.2014
5. Ein Kontinentaler ?
"Der Brite ist einer der bekanntesten EU-Gegner auf dem Kontinent" Ob der das so gern liest ?
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