Britischer Premier: Cameron sieht Multikulti-Ansatz als gescheitert an

Weniger passive Toleranz, dafür einen "muskulöseren Liberalismus": Der britische Premier David Cameron hat in einer Rede den Multikulti-Ansatz verteufelt - und erinnerte dabei an weltweit beachtete Worte Angela Merkels. Die Europäische Union rief er zu mehr Wachsamkeit auf.

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Cameron und Merkel: Beide sehen den Multikulti-Ansatz als gescheitert an

München - Großbritanniens Premierminister David Cameron sieht im Multikulti-Ansatz eine der Ursachen für das Problem seines Landes mit radikalen Islamisten. "Wir brauchen viel weniger der passiven Toleranz der vergangenen Jahre, sondern einen aktiveren, muskulöseren Liberalismus", sagte Cameron am Samstag auf der Münchner Sicherheitskonferenz.

Der Staat müsse kraftvoller für bestimmte Werte wie Meinungsfreiheit, Demokratie und gleiche Bürgerrechte eintreten. Außerdem müssten die Behörden stärker gegen Organisationen vorgehen, die islamischen Extremismus fördern.

"Unter der Doktrin des Multikulturalismus haben wir verschiedene Kulturen dazu ermutigt, unabhängig voneinander und von der Mehrheitsgesellschaft abgetrennte Leben zu führen", sagte Cameron. Der Mangel einer nationalen Identität habe dazu geführt, dass gerade junge muslimische Männer in die Fänge von Islamisten geraten seien. Cameron unterschied dabei klar zwischen dem Islam als Religion und der politischen Ideologie des Islamismus. "Ideologie und Extremismus sind das Problem und nicht der Islam", sagte er.

Auch die Europäische Union rief Cameron zu mehr Wachsamkeit auf. "Wir werden den Terrorismus nicht besiegen, indem wir nur außerhalb unserer Grenzen tätig werden", sagte er am Samstag auf der Münchner Sicherheitskonferenz. "Europa muss aufwachen und erkennen, was in unseren eigenen Ländern passiert."

Jüngst entbrannte in Großbritannien Debatte um Islamophobie

Die Protestwelle der vergangenen Wochen in der arabischen Welt nannte Cameron ein Beispiel dafür, dass westliche Werte und der Islam "vollständig kompatibel" seien. "Hunderttausende Menschen forderten die universellen Rechte freier Wahlen und Demokratie ein", sagte er. "Wir sollten auf der Seite von Offenheit und Reform im Nahen Osten sein."

Camerons Äußerungen erinnern stark an Worte von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die für weltweites Aufsehen sorgten: Sie hatte im Oktober gesagt, der Multikulti-Ansatz sei "absolut gescheitert". In einer Rede führte sie damals weiter aus, dass man Migranten nicht nur fördern, sondern auch fordern müsse. Dieses Fordern sei in der Vergangenheit zu kurz gekommen. Zugleich betonte sie, dass der Islam ein Teil Deutschlands sei.

Jüngst hatte eine Ministerin aus Camerons Kabinett in Großbritannien eine Debatte über den Islam ausgelöst. Sayeeda Warsi, geschäftsführende Vorsitzende der Tories, hatte gesagt, dass ihr die zunehmende Islamophobie Sorge mache: Es sei inzwischen normal und legitim, Vorurteile über Muslime öffentlich zu äußern, sagte Warsi Ende Januar in einer Rede an der Leicester University.

Islamophobie habe den "Dinner-Party-Test" bestanden und sei auch in den besseren Kreisen salonfähig geworden. In ihrer Partei wurde sie für die Rede kritisiert, doch auch von konservativer Seite erntete sie Zustimmung. Premierminister Cameron äußerte sich nicht zu Warsi. Über einen Sprecher líeß er mitteilen, er halte die Debatte für wichtig, und sie solle weitergeführt werden.

bim/dapd/dpa

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