Britischer Vizepremier: Nick Cleggs "Sorry"-Remix wird zum YouTube-Hit

Von , London

Vizepremier Nick Clegg ist einer der unbeliebtesten Politiker Großbritanniens, er wird das Lügner-Image einfach nicht los. Nun hat er sich in einem Video für den Bruch seines Wahlversprechens entschuldigt - und wurde dank einer Web-Satire zum YouTube-Star.

Britischer Vizepremier Clegg: "Das tut mir leid" Zur Großansicht
The Poke

Britischer Vizepremier Clegg: "Das tut mir leid"

Es kommt selten vor, dass sich ein Politiker entschuldigt. Und noch seltener, dass er dabei auch noch singt. Es dauerte daher nur wenige Stunden, bis das Video vom singenden britischen Vizepremier Nick Clegg diese Woche zum YouTube-Hit avancierte.

"Es fällt mir nicht leicht, dies zu sagen", sagt der Liberaldemokrat in dem Video, das er bei sich Zuhause im Londoner Stadtteil Putney aufgenommen hat. "Wir haben ein Versprechen abgegeben, und wir haben es nicht gehalten. Das tut mir leid."

Mit betroffener Miene setzt der 45-jährige Politiker hinzu: "Wenn man einen Fehler begangen hat, soll man sich entschuldigen." Und er gelobt: "Ich werde nie wieder etwas versprechen, wenn wir als Partei nicht genau wissen, wie wir es einhalten können."

Die Entschuldigung betraf den Sündenfall der Liberaldemokraten. Im Wahlkampf 2010 hatten sie geschworen, die Studiengebühren nicht zu erhöhen. Doch kaum waren sie in der Koalition mit den Konservativen im Amt, verdreifachten sie die Gebühren für den Uni-Eintritt. Nun, kurz vor dem Parteitag der Liberalen in Brighton, sah Clegg den Zeitpunkt gekommen, sich für diese Wählertäuschung zu entschuldigen.

Das Original-Video, das Clegg am Mittwoch online gestellt hatte, war dröge wie die meisten Politiker-Podcasts. Doch bald schon waren mehrere Mashup-Videos im Netz im Umlauf, darunter eins der Satire-Website ThePoke.com. Die Macher hatten Cleggs Botschaft mit Musik unterlegt und die Zeile "I am sorry" zum Refrain des neuen Songs gemacht.

Die Spott-Single wurde auf sozialen Netzwerken eifrig weiter empfohlen, und Clegg machte schließlich gute Miene zum bösen Spiel. Er gab dem Remix von ThePoke seinen Segen, indem er es zum Verkauf auf iTunes freigab - mit der Maßgabe, dass die Einnahmen einer gemeinnützigen Einrichtung in seinem Wahlkreis Sheffield zugutekommen.

Im Parlamentsviertel Westminster wurde der Sorry-Song umgehend zum beherrschenden Thema des Small Talk. Politische Beobachter waren sich uneins, ob dieser Auftritt dem angeschlagenen Liberalen-Chef Sympathiepunkte bringen oder aber sein Ansehen vollends zerstören würde.

"Clegg kalkuliert, dass er nichts zu verlieren hat, wenn er dem modernen Trend zur öffentlichen Beichte folgt", schrieb der "Guardian". Der "Independent" warnte hingegen, seine Kritiker würden darin ein Zeichen der Schwäche sehen. Die Labour-Opposition kritisierte Cleggs "Krokodilstränen": Seine Entschuldigung sei nichts wert, solange er weiter mit den Tories das Land ruiniere.

Zwei Drittel der Briten wollen Clegg weg

Offensichtlich sah Clegg keinen anderen Ausweg mehr als die Flucht nach vorn. Die Partei ist im Umfragekeller, seine persönlichen Beliebtheitswerte katastrophal. Zwei Drittel der Briten sagen, sie seien mit Clegg unzufrieden. Selbst die liberaldemokratischen Wähler sehen ihn mehrheitlich als Belastung. In der Partei gibt es daher Bestrebungen, ihn an der Spitze abzulösen.

Mit dem Video bittet der Buhmann der Nation nun um eine zweite Chance. Er hofft darauf, dass die Entschuldigung dazu führt, dass Wähler und Parteimitglieder ihm wieder zuhören. Und natürlich will er auch eine Rebellion auf dem Parteitag verhindern, der am Wochenende beginnt.

Doch auf viel Verständnis kann Clegg nicht hoffen. Wie einst Ex-Premier Tony Blair ist er längst als Lügner verschrien. Zwar erwarten die wenigsten Wähler, dass Politiker ihre Versprechen immer einhalten. Aber Clegg wird die Wählertäuschung besonders übelgenommen, weil er sich im Wahlkampf als Vertreter einer "neuen Politik" präsentiert hatte. Die Zeit der gebrochenen Wahlversprechen sei vorbei, hatte er getönt.

Nach der Wahl hatte er dann sämtliche Hoffnungen enttäuscht. Als "Tory Boy" wird er inzwischen abfällig bezeichnet, Karikaturisten zeichnen ihn wahlweise als Fußabtreter oder Butler des konservativen Premierministers David Cameron.

Das Video scheint das Misstrauen gegenüber dem Oberliberalen nicht ausgeräumt zu haben. Cleggs Entschuldigung sei halbherzig gewesen, kommentierte der "Independent". Er habe sich nicht für die Erhöhung der Studiengebühren entschuldigt, sondern dafür, ein falsches Versprechen gegeben zu haben. Das Video verstärke den Eindruck, dass der Liberale eine Vorliebe für "unaufrichtige öffentliche Erklärungen" habe.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
thomas-b 21.09.2012
Zitat von sysopVizepremier Nick Clegg ist einer der unbeliebtesten Politiker Großbritanniens, er wird das Lügner-Image einfach nicht los. Nun hat er sich in einem Video für den Bruch seines Wahlversprechens entschuldigt - und wurde dank einer Websatire zum YouTube-Star. Britischer Vizepremier Nick Clegg wird unfreiwillig YouTube-Star - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,857202,00.html)
Da zeigt sich eben, was passiert, wenn es in einem Land zu einer Koalitionsbildung kommt, dass damit kaum Erfahrung hat.
2. Und - meinen Sie,
laolu 22.09.2012
Zitat von thomas-bDa zeigt sich eben, was passiert, wenn es in einem Land zu einer Koalitionsbildung kommt, dass damit kaum Erfahrung hat.
bei uns sei das besser?
3. Er hätte alle Chancen der Welt gehabt,
almabu 22.09.2012
in einer Koalition mit einem David Cameron, der schließlich auch nicht als politisches Granitgestein gilt! Er hat's aber nicht vermasselt, er wollte schlicht nicht! Insofern ist seine Entschuldigung nicht aufrichtig und er wird zu Recht lächerlich gemacht...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Nick Clegg
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 3 Kommentare