Von Carsten Volkery, London
Es kommt selten vor, dass sich ein Politiker entschuldigt. Und noch seltener, dass er dabei auch noch singt. Es dauerte daher nur wenige Stunden, bis das Video vom singenden britischen Vizepremier Nick Clegg diese Woche zum YouTube-Hit avancierte.
"Es fällt mir nicht leicht, dies zu sagen", sagt der Liberaldemokrat in dem Video, das er bei sich Zuhause im Londoner Stadtteil Putney aufgenommen hat. "Wir haben ein Versprechen abgegeben, und wir haben es nicht gehalten. Das tut mir leid."
Mit betroffener Miene setzt der 45-jährige Politiker hinzu: "Wenn man einen Fehler begangen hat, soll man sich entschuldigen." Und er gelobt: "Ich werde nie wieder etwas versprechen, wenn wir als Partei nicht genau wissen, wie wir es einhalten können."
Die Entschuldigung betraf den Sündenfall der Liberaldemokraten. Im Wahlkampf 2010 hatten sie geschworen, die Studiengebühren nicht zu erhöhen. Doch kaum waren sie in der Koalition mit den Konservativen im Amt, verdreifachten sie die Gebühren für den Uni-Eintritt. Nun, kurz vor dem Parteitag der Liberalen in Brighton, sah Clegg den Zeitpunkt gekommen, sich für diese Wählertäuschung zu entschuldigen.
Das Original-Video, das Clegg am Mittwoch online gestellt hatte, war dröge wie die meisten Politiker-Podcasts. Doch bald schon waren mehrere Mashup-Videos im Netz im Umlauf, darunter eins der Satire-Website ThePoke.com. Die Macher hatten Cleggs Botschaft mit Musik unterlegt und die Zeile "I am sorry" zum Refrain des neuen Songs gemacht.
Die Spott-Single wurde auf sozialen Netzwerken eifrig weiter empfohlen, und Clegg machte schließlich gute Miene zum bösen Spiel. Er gab dem Remix von ThePoke seinen Segen, indem er es zum Verkauf auf iTunes freigab - mit der Maßgabe, dass die Einnahmen einer gemeinnützigen Einrichtung in seinem Wahlkreis Sheffield zugutekommen.
Im Parlamentsviertel Westminster wurde der Sorry-Song umgehend zum beherrschenden Thema des Small Talk. Politische Beobachter waren sich uneins, ob dieser Auftritt dem angeschlagenen Liberalen-Chef Sympathiepunkte bringen oder aber sein Ansehen vollends zerstören würde.
"Clegg kalkuliert, dass er nichts zu verlieren hat, wenn er dem modernen Trend zur öffentlichen Beichte folgt", schrieb der "Guardian". Der "Independent" warnte hingegen, seine Kritiker würden darin ein Zeichen der Schwäche sehen. Die Labour-Opposition kritisierte Cleggs "Krokodilstränen": Seine Entschuldigung sei nichts wert, solange er weiter mit den Tories das Land ruiniere.
Zwei Drittel der Briten wollen Clegg weg
Offensichtlich sah Clegg keinen anderen Ausweg mehr als die Flucht nach vorn. Die Partei ist im Umfragekeller, seine persönlichen Beliebtheitswerte katastrophal. Zwei Drittel der Briten sagen, sie seien mit Clegg unzufrieden. Selbst die liberaldemokratischen Wähler sehen ihn mehrheitlich als Belastung. In der Partei gibt es daher Bestrebungen, ihn an der Spitze abzulösen.
Mit dem Video bittet der Buhmann der Nation nun um eine zweite Chance. Er hofft darauf, dass die Entschuldigung dazu führt, dass Wähler und Parteimitglieder ihm wieder zuhören. Und natürlich will er auch eine Rebellion auf dem Parteitag verhindern, der am Wochenende beginnt.
Doch auf viel Verständnis kann Clegg nicht hoffen. Wie einst Ex-Premier Tony Blair ist er längst als Lügner verschrien. Zwar erwarten die wenigsten Wähler, dass Politiker ihre Versprechen immer einhalten. Aber Clegg wird die Wählertäuschung besonders übelgenommen, weil er sich im Wahlkampf als Vertreter einer "neuen Politik" präsentiert hatte. Die Zeit der gebrochenen Wahlversprechen sei vorbei, hatte er getönt.
Nach der Wahl hatte er dann sämtliche Hoffnungen enttäuscht. Als "Tory Boy" wird er inzwischen abfällig bezeichnet, Karikaturisten zeichnen ihn wahlweise als Fußabtreter oder Butler des konservativen Premierministers David Cameron.
Das Video scheint das Misstrauen gegenüber dem Oberliberalen nicht ausgeräumt zu haben. Cleggs Entschuldigung sei halbherzig gewesen, kommentierte der "Independent". Er habe sich nicht für die Erhöhung der Studiengebühren entschuldigt, sondern dafür, ein falsches Versprechen gegeben zu haben. Das Video verstärke den Eindruck, dass der Liberale eine Vorliebe für "unaufrichtige öffentliche Erklärungen" habe.
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