Britischer Wahlkampf Lady-Kracher im Pünktchenkleid

Sie gelten als "Geheimwaffe" im Kampf um Downing Street 10: In Großbritannien stehen die Ehefrauen der Spitzenkandidaten mit in der ersten Reihe - Sarah Brown und Samantha Cameron. Kritiker beklagen die Amerikanisierung des Wahlkampfs.

REUTERS

Von , London


Denis Thatcher hat seine Rolle als First Husband einmal mit den Worten "immer anwesend, niemals da" beschrieben. Der Mann der früheren britischen Premierministerin Margaret Thatcher war zwar immer an der Seite seiner Frau, wenn es drauf ankam, er spielte sich aber nie in den Vordergrund. Auch Norma Major, die Frau des nächsten Premiers John Major, zog es vor, nicht aufzufallen.

Heutzutage ist das undenkbar: Im laufenden britischen Wahlkampf spielen die Ehefrauen eine zentrale Rolle.

Sarah Brown ist seit anderthalb Jahren die wichtigste Cheerleaderin von Premier Gordon Brown, und am Sonntagabend mischte sich auch Samantha Cameron in das Rennen ein. In ihrem ersten Fernsehauftritt erzählte die Frau des konservativen Herausforderers David Cameron, dass er ein "phantastischer Papa" sei und beim Fernsehen ein "furchtbarer Zapper".

Die 38-Jährige kam nur wenige Minuten in einem einstündigen Fernsehporträt über den Tory-Chef zu Wort, aber die Medien sezierten jedes Wort. Für die meisten Briten war es das erste Mal überhaupt, dass sie Frau Cameron sprechen hörten. Und in einem Land, in dem schon der Akzent den sozialen Status verrät, war der Ton vielleicht noch wichtiger als der Inhalt.

Der Akzent bestätigte, was viele ohnehin schon wussten: Samantha Cameron stammt aus der britischen Oberschicht. Sie ist die Älteste von acht Kindern eines begüterten Landadeligen. Kennengelernt habe sie ihren "Dave" im Familienurlaub in Italien, erzählte sie. Sie war als Freundin von Camerons kleiner Schwester eingeladen. Sie war eine 21-jährige Kunststudentin, er ein 25-jähriger Berater im Finanzministerium. Sie habe ihn "faszinierend" gefunden, sagte Samantha. Er habe diesen "wichtigen Job" in der Regierung gehabt und sei doch witzig gewesen. Zwei Jahre später haben sie geheiratet.

"Mein Held"

Es waren Banalitäten, die Mrs. Cameron am englischen Muttertag da von sich gab, doch offensichtlich geht es im modernen Wahlkampf nicht mehr ohne. Der Ehepartner wird inzwischen so gezielt eingesetzt wie ein Wahlkampfposter. Die Tories folgen dem Beispiel der regierenden Labour-Partei, die wiederum beim US-Präsidentschaftswahlkampf abkupfert. So begrüßte Sarah Brown bei den letzten beiden Labour-Parteitagen ihren Mann mit Küsschen auf der Bühne, nannte ihn "meinen Helden". Der Premier selbst plauderte kürzlich in einer Talkshow freizügig über seinen Heiratsantrag an Sarah und bekam feuchte Augen, als er sich an den Tod seiner kleinen Tochter Jennifer erinnerte.

Samantha Cameron hat sich lange zurückgehalten. Zwar tauchten sie und die Kinder regelmäßig in Internetvideos auf, die David Cameron drehen ließ, um sein Image als Familienvater zu etablieren. Aber Samantha stand stets in dem Ruf, kein sonderliches Interesse am Beruf ihres Mannes zu haben. Die Kreativchefin des Luxusgüterherstellers Symthson schien mit ihrer eigenen Karriere ausgelastet.

Neulich am Frühstückstisch der Camerons

In den letzten Wochen vor der Wahl, die voraussichtlich am 6. Mai stattfindet, wird sie nun jedoch zur aktiven Mitstreiterin. Zweimal pro Woche will sie öffentlich auftreten und soziale Projekte besuchen. "Ihr werdet im Wahlkampf viel mehr von ihr sehen", kündigte David Cameron vergangene Woche in einer Talkshow triumphierend an. "Großbritannien, mach Dich bereit."

Seine Beschreibung, wie es dazu gekommen sein soll, wirkte einigermaßen unglaubwürdig. "Neulich beim Frühstück sagte sie zu mir: Ich weiß, ich arbeite hart und habe mein eigenes Business, aber ich will, dass Du dies machst, und ich will, dass Du gewinnst. Ich stehe hinter Dir. Sag mir, was ich tun kann, um zu helfen. Ich will da raus gehen", zitierte Cameron seine Frau.

Das Manöver wurde umgehend entlarvt. Es sei eine "reine PR-Übung, um seine sinkenden Umfragewerte aufzubessern", höhnte das Labour-nahe Boulevardblatt "Daily Mirror". Selbst eine Kolumnistin der konservativen "Daily Mail" nannte die Idee, die "First Lady des Luxus" als soziales Gewissen der Tories einzusetzen, "einen Witz". Dennoch wird Samantha nun als "Geheimwaffe" gepriesen, die die Charme-Offensive der Browns abwehren soll.

"Krieg der Ehefrauen"

Die britischen Medien fiebern dem Duell der Ladys entgegen - die "Times" rief gleich den "Krieg der Ehefrauen" aus. Schon bei den Parteitagen im vergangenen Herbst wurden ständig Vergleiche zwischen den beiden Frauen gezogen. Samanthas Garderobe wurde in großen Fotostrecken dokumentiert, für die größte Aufregung in der Boulevardpresse sorgte ein gepunktetes Kleid der Kaufhauskette Marks and Spencer für 65 Pfund. "Seht her, sie kauft da ein, wo wir einkaufen", kommentierte der "Guardian" sarkastisch die demonstrative Volksnähe.

Das öffentliche Profil der Politikergattin ist ein schwieriger Balanceakt. Brown und Cameron müssen einen Mittelweg finden zwischen der meinungsfreudigen Cherie Blair auf der einen und blassen Figuren wie Norma Major auf der anderen Seite. Cherie Blair mischte sich für den Geschmack der britischen Öffentlichkeit zu sehr in die Regierungspolitik ein und sorgte für zu viele Schlagzeilen, aber ganz ohne Persönlichkeit geht es offensichtlich auch nicht.

"Wir haben eine Königsfamilie. Wir brauchen keine First Lady"

Brown und Cameron sind bisher nicht in die Cherie-Falle getappt. Zwar haben sie ebenso wie die erfolgreiche Anwältin eine eigene Karriere vorzuweisen. Sarah Brown war PR-Managerin, bevor sie in die Downing Street einzog, und Handtaschendesignerin "SamCam" gilt als Inbegriff der Powerfrau. Doch erwecken beide den Eindruck, als würden sie ihre Interessen im Zweifelsfall hinten anstellen.

Es wäre eine "große Ehre" für sie, ihren Mann in seinem Amt zu unterstützen, sagte Samantha Cameron am Sonntag. "Der Mann, in den ich mich verliebt habe, war Dave, der Politiker." Das klang reichlich devot.

Cameron hat angekündigt, seine Frau werde weiterarbeiten, wenn er die Wahl gewinne, aber in der Praxis dürfte sich das schnell als Wunschdenken entpuppen. Auch Sarah Brown hat ihren Job aufgegeben und sich auf die Wohltätigkeitsarbeit verlegt. Ihrem Image hat das nicht geschadet, im Gegenteil: Sie genießt großen Respekt auf der Insel und ist deutlich beliebter als ihr Mann. Die Tatsache, dass diese bewundernswerte Frau ihn geheiratet hat, ist für den viel kritisierten Premier längst zu einer Art Gütesiegel geworden.

Einen ähnlich positiven Effekt erhoffen sich die Tory-Strategen von Samanthas Wahlkampfauftritten. Zwar gilt sie als "posh", eine der Schönen und Reichen, was im klassenbewussten Großbritannien manchem aufstößt, doch wird stets betont, dass sie keine typische Konservative sei. Vielmehr sei sie progressiv, streuen ihre Freunde. Sie soll ihrem Mann die Themen Umwelt und Schwulenrechte nahegebracht haben. Ein Familienfreund, der Schattenkulturminister Ed Vaizey, sagte neulich sogar, sie habe schon mal Labour gewählt und könnte sich auch diesmal überlegen, Brown zu wählen. Das wurde eiligst dementiert, doch es blieb der erwünschte Eindruck, dass Samantha Cameron ihren eigenen Kopf hat.

Nicht allen gefällt die PR-Offensive der Politikerfrauen. Das sei ein weiterer Schritt zu einem Präsidialsystem wie in den USA oder Frankreich, beschwerte sich ein Tory auf der Aktivisten-Website conservativehome.com. "Wir haben eine Königsfamilie. Wir brauchen keine First Lady."

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Diomedes 20.03.2010
1. Europas Schicksalsfelsen...
Nachdem Philipp II. von Spanien, Ludwig XIV. von Frankreich, Napoleon, Wilhelm II. von Deutschland und Hitler England ihren Schiffbruch, beim Versuch Europa zu unterjochen, verdanken, könnte es sein, daß sich zu den besagten Herren schon bald der Brüssler Moloch gesellen muss, denn fällt die Brüsseler Zentralismus in einem großen Land, so wird er in allen fallen. Sollte die Weltwirtschaftskrise schwerwiegend und lang andauernd werden, so wird die EU von den nationalen Interessen in tausend Stücke gesprengt werden; durchaus ein verdientes Schicksal, denn deren bürokratische Regelungswut aller Lebensbereiche, bis hin zu lächerlich kleinen Haarspaltereien, und ihre Anmaßung gegenüber den einzelnen Nationen und ihren Volksvertretungen wird sich nun bitter rächen: Nicht ungestraft wird ein EU-Kommissar ausgerufen, dass ein Land (Tschechien) verpflichtet sei den EU-Vertrag von Lissabon zu unterzeichen, weil es sein Regierungschef versprochen habe... eskaliert dieser Konflikt, so steht mit England die erste europäische Großmacht gegen den despotisch-bürokratischen Moloch zu Brüssel und viele kleine und mittlere Staaten werden folgen. Ob aber Deutschland sich für den Moloch in die Bresche schlagen wird, bleibt abzuwarten...
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