Von Carsten Volkery, London
Am Morgen nach der Wahl standen die Reporter etwas ratlos vor der schwarzen Tür mit der Nummer 10. Drinnen saß Gordon Brown, so als sei nichts geschehen. Am frühen Freitagmorgen war der Premier in sein Londoner Domizil zurückgekehrt. Die Wahlnacht hatte er in seinem Wahlkreis in Schottland verbracht.
Labour hatte schwere Stimmverluste erlitten, rund hundert Sitze büßte die Regierungspartei ein. Die Konservativen sind nun die größte Partei im Parlament. Sie haben satte zwei Millionen Stimmen mehr als Labour geholt. Doch für einen Rücktritt sah der Premier keinen Grund. Für Brown und seine Strategen zählte nur eins: Die Tories hatten die absolute Mehrheit verfehlt.
In einem "hung parliament" sei nun der Premierminister aufgefordert, nach Partnern für eine Regierungsbildung zu suchen, erklärte ein Labour-Minister nach dem anderen. Tatsächlich ist das die Regel. Doch zweifelten nicht nur die Konservativen am "moralischen Recht" der Sozialdemokraten, nach dieser Abstrafung durch die Wähler, im Amt zu bleiben.
Die Tories sind jedoch machtlos. Sie können Gordon Brown nicht zum Rücktritt zwingen. Ein Premierminister kann nur selbst zurücktreten oder durch ein Misstrauensvotum im Parlament gestürzt werden. Das Unterhaus tritt erst in einigen Wochen zusammen. Und die Tories dürften vergeblich hoffen, dass Brown vorher öffentlichem Druck nachgibt - er ist bekannt für sein dickes Fell.
Der einzige, der Labours Hoffnungen mit einem Schlag zunichte machen könnte, ist Nick Clegg. Alle Augen sind daher auf den Chef der Liberaldemokraten gerichtet. Im Wahlkampf hatte er verkündet, Brown dürfe nach der Wahl nicht "wie ein Hausbesetzer" in der Downing Street hocken. Genau dies hat der Schotte nun offensichtlich vor - und bittet Clegg obendrein um Mithilfe. Außenminister David Miliband brachte in der Wahlnacht bereits eine Koalition mit den Liberalen ins Spiel - und lockte mit einer Wahlrechtsreform.
Einen Deal mit Brown würden die Wähler Clegg nicht verzeihen
Clegg zeigte Labour am Freitag zunächst die kalte Schulter. Er habe immer die Ansicht vertreten, dass die Partei mit den meisten Stimmen und den meisten Sitzen das Recht auf die Regierungsbildung habe, sagte der Liberale in einem kurzen Statement. Daher werde er zuerst mit den Konservativen reden. Gleichzeitig betonte er jedoch sein zentrales Anliegen, dass eine Wahlrechtsreform unabdingbar sei.
Damit spielte der Liberale den Ball im Koalitionspoker den Tories zu. Diese hatten bisher jegliche Wahlrechtsreform abgelehnt. Ohne Bewegung in dieser Frage, so konnte man Clegg verstehen, könnten die Konservativen zwar versuchen, eine Regierung zu bilden, aber auf ihn müssten sie dann wohl verzichten.
Eine schroffe Absage an Labour vermied der Liberale. Er muss sich nun gründlich überlegen, ob er den Sozialdemokraten eine vierte Amtszeit bescheren soll. Für eine Zweier-Koalition reicht es zwar voraussichtlich nicht. Trotz der Begeisterung über ihren Vorsitzenden im Wahlkampf haben die Liberaldemokraten schlechter abgeschnitten als 2005 und Sitze verloren. Aber ein Bündnis mit weiteren Parteien wie den schottischen und walisischen Nationalisten oder der ersten Grünen-Abgeordneten der britischen Geschichte wäre theoretisch denkbar.
Für Cleggs Image als Politiker neuen Typs wäre ein Deal mit Brown fatal. Viele Wähler würden ihm das nicht verzeihen. Auf der anderen Seite dürfte es dem Liberalen schwerfallen, Nein zu sagen, wenn Labour ihm die historische Chance bietet, das Mehrheitswahlrecht abzuschaffen. Die Verlockung ist umso größer, als ihr enttäuschendes Wahlergebnis die Liberalen daran erinnert, dass sie sonst auf ewig der abgeschlagene Dritte der britischen Politik bleiben könnten. Manche Beobachter sprechen schon von Cleggs letzter Chance.
Doch mit der Wahlrechtsreform hat Labour den Köder ausgelegt
Die Sozialdemokraten könnten das Angebot auch noch versüßen, indem Brown seinen Platz für Peter Mandelson oder David Miliband räumt. Außenminister Miliband wird seit längerem als möglicher Nachfolger gehandelt. Eine Berufung von Wirtschaftsminister Mandelson, auch als "Fürst der Finsternis" bekannt, riefe große Kontroversen hervor: Damit säße nach Blair und Brown auch noch das dritte Mitglied der Gründertroika von New Labour auf dem Sessel des Regierungschefs. Jegliche Ernennung eines Brown-Nachfolgers wäre hoch umstritten: Denn schon wieder würde Labour einen Regierungschef installieren, der nicht gewählt wurde.
Brown hatte in der Nacht gesagt, es sei seine Pflicht, eine starke Regierung zu bilden. Gerade in Zeiten der ökonomischen Unsicherheit brauche das Land Stabilität. Unklar ist, ob er selber weitermachen will. Zumindest scheint er entschlossen, seiner Partei die beste Ausgangsposition im Koalitionspoker zu sichern.
Mit der Wahlrechtsreform hat Labour einen großen Köder ausgelegt - insbesondere, da die Tories den Liberalen in dieser zentralen Frage gar nicht entgegenkommen wollen. Sie lehnen eine Abschaffung des Mehrheitswahlrechts ab, weil sie fürchten, dass dann eine Ära sozialliberaler Mehrheiten anbreche. Sollte sich dieser Widerstand nicht auflösen, erscheint es nicht abwegig, dass Clegg bei der Hausbesetzung in der Downing Street mitmacht.
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