Britischer Weihnachtsskandal Wütende Reaktion auf Ahmadinedschads Kuschelrede

England ist sauer - über die Entscheidung des TV-Senders Channel 4, den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad die Weihnachtsbotschaft sprechen zu lassen. Schon gehen erste Vorschläge ein, welcher Tyrann 2009 auftreten soll - Robert Mugabe vielleicht?


London - Die Provokation zum Weihnachtsfest hat bei Channel 4 Tradition: Wenn alle anderen die Weihnachtsansprache der Queen zeigen, präsentiert der britische TV-Sender gerne eine "alternative Sicht der Welt". Nach 16 Jahren kontroverser Gegenrede ist Channel 4 das Vorhaben dieses Mal richtig um die Ohren geflogen - mit seiner Grußbotschaft von Mahmud Ahmadinedschad.

In der Rede, die mit englischen Untertiteln ausgestrahlt wurde, wünschte der iranische Präsident den Christen ein friedliches neues Jahr und forderte mehr Besinnung auf religiöse Werte. Der "allgemeine Wille" der Nationen sei es, zu "menschlichen Werten" zurückzufinden. Insgesamt eine gütig klingende Botschaft, wie man sie von einem Weihnachtsmann erwartet - bis zu den Seitenhieben auf die USA und ihre Verbündeten. Wenn Jesus heutzutage lebte, sagte Ahmadinedschad weiter, würde er gegen "Kriegstreiber, Besatzer, Terroristen und Tyrannen" vorgehen. "Er würde ohne Zweifel gegen die tyrannische Politik der vorherrschenden, globalen wirtschaftlichen und politischen Systeme kämpfen."

Irans Präsident Ahmadinedschad: Weihnachtsmann 2008 bei Channel 4
AFP

Irans Präsident Ahmadinedschad: Weihnachtsmann 2008 bei Channel 4

Channel 4 stellte der Grußbotschaft zwar einen Hinweis auf die politische Lage in Iran voran, verzichtete aber auf eine weitere Kommentierung.

Die lieferte dann umgehend und im Klartext die britische Regierung: Die Rede Ahmadinedschads sei ein Skandal, nicht zuletzt wegen der "entsetzlichen antisemitischen Äußerungen", die der iranische Präsident im Laufe seiner Amtszeit immer wieder gemacht habe.

"Die britischen Medien haben das Recht, ihre eigenen redaktionellen Entscheidungen zu treffen", sagte eine Sprecherin des Außenministeriums. "Aber diese Einladung wird nicht nur hier, sondern auch im Ausland als Beleidigung empfunden und sorgt für Irritationen."

Der Schattenaußenminister der Konservativen, William Hague, nannte die Ausstrahlung "bizarr und töricht". Ahmadinedschad für die Ansprache auszuwählen, hinterlasse den falschen Eindruck, als komme er in Großbritannien mit seinen Ansichten gut an. Der israelische Botschafter in London, Ron Prosor, kritisierte die Sendung als "geschmacklos und eine pervertierte Ironie", da in Iran Menschen, die zum Christentum konvertierten, verfolgt würden. Auf der Suche nach Einschaltquoten und dem "Schockfaktor" habe Channel 4 jede Ethik verloren.

Der Menschenrechtler Peter Tatchell erklärte, Ahmadinedschad sei einer der "blutrünstigsten Tyrannen der Welt". Auch Homosexuellen-Verbände und britische Abgeordnete kritisierten die Rede als Legitimierung eines Politikers, der den Holocaust in Frage stelle, Menschenrechte verletze und im eigenen Land gegen Christen vorgehe.

"Ahmadinedschad als Weihnachtsmann verkleidet"

Am deutlichsten wurde die Labour-Parlamentarierin Louise Ellmann: "Ich verdamme die Entscheidung des Senders, diesem gefährlichen Fanatiker unangefochten eine Plattform zu geben. Einem Mann, der den Holocaust leugnet und behauptet, dass es in seinem Land keine Homosexualität gibt - während sein Regime junge schwule Männer aufknüpfen lässt." Mit bitterem Sarkasmus schlug Ellmann dem Sender gleich die passenden Kandidaten vor, die im kommenden Jahr gegen die Queen antreten könnten: "Wer wird nächstes Jahr die alternative Weihnachtsansprache halten? Robert Mugabe?" Auch bei dem sogenannten Historiker und Holocaust-Leugner David Irving könnte der Sender ja einmal anfragen.

Von Channel 4 kommt derweil keine Entschuldigung, kein Bedauern, sondern lediglich der Hinweis, man habe - wie schon in den vergangenen Jahren - ein alternative Weltanschauung zeigen wollen. Die Beziehungen zwischen dem Westen und Iran würden 2009 eine entscheidende Rolle spielen, weshalb Ahmadinedschad ausgewählt worden sei. Außerdem habe Channel 4 Iran mehr Aufmerksamkeit "als jeder andere Sender" gewidmet, verteidigte Nachrichtenchefin Dorothy Byrne die Wahl. Ahmadinedschad sei der Führer eines der mächtigsten Länder im Nahen Osten, seine Ansichten hätten "großen Einfluss".

Der Sender Channel 4 - privat finanziert, aber mit öffentlichem Auftrag - hat mit seinen jährlichen alternativen Weihnachtsansprachen schon öfter für Wirbel gesorgt. In diesem Jahr wurde die Botschaft aber ausnahmsweise nicht gleichzeitig mit der Ansprache der Queen, die von BBC und ITV übertragen wurde, gesendet, sondern einige Stunden später.

Zu den früheren Rednern gehörten der britische Komiker Sacha Baron Cohen ("Borat") sowie ein Elternpaar, dessen Sohn ermordet wurde. 2006 trat eine verschleierte Muslimin auf, die den damaligen Innenminister Jack Straw wegen seiner Kritik am Gesichtsschleier angriff, und im vergangenen Jahr trat ein Soldat auf, der bei seinem Einsatz in Afghanistan einen Arm verlor.

Rabbi Aaron Goldstein vom Verband Liberal Judaism erklärte: "Ich habe kein Problem damit, dass Channel 4 heikle Themen angeht. Die Rede der Queen ist so freundlich, dass etwas Provokantes seine Berechtigung hat." Problematisch sei es aber, wenn sich jemand wie Ahmadinedschad als "Weihnachtsmann verkleidet und eine Kuschelrede hält".

oka/dpa/AFP/Reuters



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