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Bruderkrieg der Palästinenser: Hamas-Gründer kündigt islamischen Staat im Gaza-Streifen an

Er ist einer der Gründer und schärfsten Hardliner der Hamas - im Interview mit SPIEGEL ONLINE kündigt Mahmud al-Sahar die Errichtung eines islamischen Staates im eroberten Gaza-Streifen an. Auch im Westjordanland droht er der Fatah mit Angriffen.

SPIEGEL ONLINE: Nach schweren Kämpfen hat die Hamas am vergangenen Samstag die Macht im Gaza-Streifen übernommen. Unklar ist, was Ihre Partei nun damit anfangen will. In der westlichen Welt heißt es, die Hamas wolle in Gaza einen islamischen Staat errichten. Stimmt das?

Al-Sahar: "Wir suchen nach der echten Fatah"
AP

Al-Sahar: "Wir suchen nach der echten Fatah"

Sahar: Aber sicher. Das wollen wir, aber indem wir zu den Menschen sprechen. Zurzeit können wir aber keinen Islam-Staat errichten, weil wir Palästinenser ja keinen Staat haben. So lange wir noch keinen Staat haben, wollen wir aber eine islamische Gesellschaft formen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sähe so ein islamischer, von der Hamas regierter Staat aus?

Sahar: Es gäbe da gar keinen Unterschied zu heute, weil unsere Lebensweise und Tradition in Gaza ohnehin islamisch ist. Der Handel, die Hochzeiten, die Scheidungen, alles ist islamisch. Wenn wir erst einmal einen Staat haben werden, wird es Freiheit für alle geben. Christen werden Christen bleiben, Parteien könnten säkular oder auch kommunistisch sein.

SPIEGEL ONLINE: Wenn der islamische Staat das Ideal ist, warum gibt es dann nicht mehr davon?

Sahar: Wenn es in der ganzen arabischen Welt freie und faire Wahlen gäbe, würde die islamische Gesellschaftsform überall gewinnen. Denn der Islam ist gegen die Korruption, die Verweichlichung und den Materialismus, der die Gesellschaft in Europa und Amerika zerstört hat. Dort sind die Familien kaputt, es gibt Aids und Drogen. Solche Dinge gibt es hier nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird das künftige Verhältnis der Hamas zu Israel sein?

Sahar: Wir sind bereit, mit allen und über alles zu reden. De facto reden wir mit den Israelis, zum Beispiel über Handel. Und über Grenzangelegenheiten, beispielsweise über die Ausreise von Schwerkranken, den Schutz vor der Vogelgrippe und wie man in der Zukunft Umweltkatastrophen vermeiden kann. Von Politik reden wir nicht, weil die Israelis keine politische Agenda mit uns haben. Und wir keine mit ihnen. Die politische Agenda von Condoleezza Rice und Ehud Olmert mit Präsident Mahmud Abbas besteht nur darin, sich alle zwei Woche Küsschen zu geben, aber mit leeren Händen. Wir reden nur, wenn es um den Kern der Sache geht.

SPIEGEL ONLINE: Zurzeit gibt es keine Angriffe des militärischen Flügels der Hamas auf Israel. Ist das eine neue Doktrin?

Sahar: Ja, wir müssen derzeit mit zwei Feinden gleichzeitig fertig werden. Außerdem haben auch die Israelis ihre Aggressionen eingestellt. Das ist das direkte Ergebnis unserer Angriffe aus Sderot, die Israelis haben zu sehr gelitten. Tausende Einwohner mussten aus der Stadt fliehen, der israelische Staat muss für ihre Hotels bezahlen. Auch Fabriken und Büros in Sderot mussten schließen.

SPIEGEL ONLINE: Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hat angekündigt, dies sei der Moment, den Friedensprozess wieder anzuschieben. Bleiben Gaza und die Hamas damit endgültig außen vor?

Sahar: Was für ein Friedensprozess ist das schon? Es wird doch nur viel geredet, derweil geht die Besatzung weiter und die Israelis sind nach wie vor hier, um unser Leben zu zerstören.

SPIEGEL ONLINE: Im Westen gibt es Befürchtungen, Gaza könnte zum Tummelplatz internationaler Terroristen werden. Besteht diese Gefahr?

Sahar: Die Menschen können nicht zwischen Widerstand und Terrorismus unterscheiden. Wir kämpfen für die Befreiung unseres Landes von der Besatzung. Als die Menschen in Europa gegen die Nazis kämpften, wurden sie später als Freiheitskämpfer verehrt. Niemand hätte Charles de Gaulles einen Terroristen genannt.

SPIEGEL ONLINE: In Israel wird darüber nachgedacht, Gaza den Strom, das Wasser, das Gas abzudrehen. Kann Gaza ausgehungert werden?

Sahar: Israel wird die Grenze öffnen müssen. Es kann sich nicht erlauben, dass die Menschen hier hungern, bis sie die Grenze mit Gewalt stürmen. Außerdem verliert Israel jeden Tag, den die Grenze zu ist, zwei Millionen Dollar an Handelseinnahmen.

SPIEGEL ONLINE: Die internationale Gemeinschaft hat vor, der Fatah-Regierung im Westjordanland die Hilfsgelder zukommen zu lassen, die über ein Jahr eingefroren waren. Wird das Westjordanland damit zu einer Art Luxus-Palästina, während Gaza hungert?

Sahar: Die Fatah im Westjordanland wird Geld bekommen, und sie werden es nach Gaza weiterleiten müssen. Wenn sie das Geld nicht an die hier Eingesperrten weitergibt, wird sie Gaza für immer verlieren. Zusätzlich müssen wir uns hier nach Alternativen umschauen. Wir haben ein sehr gutes Image bei der Bevölkerung in der gesamten arabischen Welt. Wenn wir wollen, können wir allein aus Ägypten fünf Millionen Dollar pro Monat an Spenden bekommen. Wir haben auch in der Vergangenheit Geld aus dem Ausland bekommen, mal 82 Millionen aus Kuweit, mal 50 Millionen aus Libyen. Ich persönlich habe einmal 20 Millionen aus Iran in meinem Koffer nach Gaza gebracht. Naja, eigentlich zweimal, das zweite Mal 22 Millionen.

SPIEGEL ONLINE: Was soll sich für die Menschen in Gaza verbessern, nun, da die Hamas am Ruder ist?

Sahar: Das Gute ist, dass wir jetzt Informationen über die Feinde und Informanten ausländischer Mächte zusammentragen werden. Wir werden nach den Spionen Israels suchen.

SPIEGEL ONLINE: Auch im Westjordanland kam es in der vergangenen Woche zu Kämpfen zwischen Milizen der Fatah und der Hamas. Dort behielt die Fatah die Oberhand. Wie werden sich die Hamas-Anhänger im Westjordanland verteidigen, sollte es zu neuen Konfrontationen kommen?

Sahar: Gegenfrage: Wie haben wir uns bislang gegen die Besatzung durch Israel gewehrt?

SPIEGEL ONLINE: Mit Bomben und Angriffen?

Sahar: Genau. Aber das haben Sie gesagt!

SPIEGEL ONLINE: Der Graben zwischen der Hamas und der Fatah war nie größer. Stehen Sie noch in Kontakt miteinander?

Sahar: Ja, wir sprechen mit ihnen. Aber wir suchen dabei nach der echten Fatah, damit diese am Wiederaufbau, bei der Neuorganisation und Planung teilnehmen kann. Die echte, reine Fatah ist die große Verliererin, weil ihre Partei im Westjordanland nun mit Israel kollaborieren wird. In Gaza haben wir die Elemente besiegt, die mit Israel kollaboriert haben. Wir haben die besiegt, die ein Hindernis darstellten - die uns daran hindern wollten, uns selbst zu verteidigen.

SPIEGEL ONLINE: Die militanten Flügel der Fatah und der Hamas in Gaza haben monatelang hochgerüstet. Sind diese Waffen noch im Umlauf?

Sahar: Es gibt derzeit sicherlich sehr viele Waffen. Tatsächlich hat eine Kugel vor zwei Jahren in Gaza etwa 3,50 Euro gekostet. Heute kostet sie 35 Cent. Die US-Hilfsgelder sind in Waffen übersetzt worden. Danke, USA!

SPIEGEL ONLINE: Sind so viele Waffen in den Händen von mehr oder minder kontrollierbaren Milizen nicht ein großes Sicherheitsrisiko? Was, wenn es zu Kämpfen zwischen extremistischen Splittergruppen kommt?

Sahar: Bisher haben wir keine Waffen konfisziert. Wenn es Probleme mit Splittergruppen geben sollte, werden wir diese entwaffnen und ihre Waffen einziehen.

Das Interview führte Ulrike Putz

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