Terroristenversteck in Brüssel "Ich dachte, da wird eben lange gearbeitet"

In einem unscheinbaren Brüsseler Haus stellten die Terroristen große Mengen Sprengstoff her. Wieso bemerkte das keiner? Die Nachbarn wehren sich gegen Verdächtigungen - sie sehnen sich nach Ruhe.

DPA

Aus Brüssel berichtet


Nein, eigentlich will er nichts sagen. Er könne ja nichts dafür, dass er hier wohne, in der Brüsseler Gemeinde Schaerbeek, die alle Welt nur noch als Terroristenversteck kennt. Doch dann platzt es aus dem Anwohner heraus: "Was wollt ihr denn alle hier? Hier gibt es gar nichts zu berichten! Geht zum Militärkrankenhaus, dort liegen die Verletzten. Geht in die Innenstadt, wo die Menschen trauern. Dies ist doch nur ein Haus!"

Doch die Nummer vier in der Rue Max Roos ist eben nicht nur irgendein Haus. Vielleicht ist es sogar die derzeit bekannteste Bleibe Brüssels. Hier stellten die Attentäter den Sprengstoff her, der 31 Menschen tötete, und von hier fuhren Ibrahim El Bakraoui und Najim Laachraoui per Taxi zum Brüsseler Flughafen.

Unscheinbar sieht das Haus aus. Genau das war wohl auch die beste Tarnung: Ein Eckgebäude, vielleicht aus den Fünfzigern, mit einer hellgrauen, hässlich gekachelten Fassade. Fünf Etagen, unten wohnt eine Familie mit Kindern, nischenartige Balkone. Der braungestrichene Hauseingang ist heruntergekommen, aus den Briefkästen quillt die Post. Nicht an allen Klingelschildern stehen die Namen, nach denen der Selbstmordattentäter sucht man vergebens.

Auch am Donnerstag, dem zweiten Tag nach den Anschlägen, belagern etliche Kamerateams das Gebäude, und die Anwohner reagieren zunehmend gereizt. Sie wollen Ruhe und Normalität - eine Normalität, die sich so bald nicht einstellen dürfte.

Denn schon am späten Donnerstagabend rücken in Schaerbeek wieder Spezialkräfte der Bundespolizei ein, unterstützt von der Armee, und riegeln ganze Straßenzüge ab. Die Sicherheitskräfte suchen hier, im Zentrum Brüssels und in der Gemeinde Jette bis in den frühen Morgen nach weiteren Verdächtigen. Am Ende der Razzia haben sie sechs Personen festgenommen - keinen allerdings in Schaerbeek.

15 Kilo Sprengstoff, 30 Liter Wasserstoffperoxid

Den Menschen im Ort geht es darum, nicht unter Generalverdacht gestellt zu werden. "Jetzt fühlen wir uns so, als seien wir die Terroristen", sagt etwa Hassan H. der nur ein paar Häuser von dem ehemaligen Terror-Versteck entfernt wohnt.

Und doch ist das Anliegen der Reporter berechtigt. Denn eine beängstigende Frage steht im Raum: Wie konnten so große Mengen des Sprengstoff TATP hergestellt werden - mehr als etwa in Paris verwendet wurden - ohne dass es jemandem auffiel?

Die Ermittler entdeckten in der Wohnung der Täter 15 Kilogramm Sprengstoff, sowie 150 Liter Aceton und 30 Liter Wasserstoffperoxid, das zur Herstellung des TATP benötigt wird. Daneben einige Zünder und einen Koffer voller Schrauben und Nägel. Das alles lässt irgendwie an die geheimen Drogenlabore aus der US-Serie "Breaking Bad" denken - nur dass das hier die traurige Realität ist und kein fesselndes TV-Drama.

Diese große Menge an Sprengstoff habe selbst an der Untersuchung beteiligte Experten überrascht, schreibt die "New York Times". TATP ist hoch entzündlich. Die einzelnen Chemikalien dürfen dem Bericht zufolge nicht zu schnell miteinander vermischt werden, sonst könne es zu einer verfrühten Explosion kommen.

Zudem müsse das Gemisch oft gerührt und gut gekühlt werden, wofür große Mengen an Eis nötig seien. Auch der letzte Schritt bei der Herstellung, das Trocknen des Pulvers, erfordere Fachwissen und zudem viel Platz. Außerdem würden einige der benutzten Chemikalien auffällig riechen.

"Das hätte die ganze Straße zerstören können"

Es sind auch solche bisher unbekannten Details, die Reporter in die Rue Max Moos treiben. Doch sie treffen auf verschlossene Anwohner, die höchstens sagen, sie hätten nichts Verdächtiges gesehen, nichts gerochen, nichts geahnt. Wer doch etwas mehr redet, spricht von dem Schock, dass so etwas in seiner Nachbarschaft passieren konnte. "Wenn das hier explodiert wäre, hätte es die ganze Straße zerstört", sagt etwa Roger, der seinen Nachnamen nicht sagen möchte.

Ein anderer Mann, Boussouriou Diallo, wohnt direkt gegenüber des ehemaligen Verstecks der Mörder und hat den Polizeieinsatz am Dienstag mit seinem Handy gefilmt. Seine Videosequenzen zeigen maskierte Polizisten, die mit Maschinenpistolen auf das Gebäude zielen und es sichern. Ein offenbar unbeteiligter Bewohner kommt mit hinter den Nacken verschränkten Händen heraus und wird in Obhut genommen. Eine kleine Drohne kreist auf der Höhe der fünften Etage, dem Labor der Terroristen. Dann rücken die Einsatzkräfte in das Gebäude ein.

"In diesem Moment habe ich mir gedacht, dass sich hier Terroristen versteckt halten müssen", erzählt Diallo. Ein wenig Angst habe er um seine Kinder gehabt, weg konnte er aus seinem Haus nicht, das ganze Viertel war abgesperrt. In all den Jahren zuvor aber habe er nie Verdacht geschöpft. Ihm war nur aufgefallen, dass im fünften Stock fast immer nachts das Licht brannte. "Ich habe mir gedacht: Da wird eben lange gearbeitet." Er ahnte nicht, woran.

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Seite 1
tommit 25.03.2016
1. Wollen wir hier jetzt ernsthaft diskutieren
ob man im Nachhinein noch beurteilen kann ob ein Laie etwas bemerken hätte können.. wenn auch die Experten überrascht wurden? Was muss man da tun? Im vermuteten Terroristenbereich selbst Beobachtungen anstellen? Manchmal muss man Themen auch den Haaren heranziehen die ohne Zweifel und verklärte Nachbetrachtung lebensgefährlich wären....
mlange8801 25.03.2016
2. Wie soll man das denn bemerken?
Die genannten Mengen kann man ja völlig unauffällig transportieren. Auffällige Gerüche kann man vermutlich auch mit entsprechender Lüftung vermeiden.
berndschlüter 25.03.2016
3. Die aufmerksamen Nachbarn...
Nun, in Medebach hatte auch niemand die Sprengstoffherstellung bemerkt. Mein Bekannter aus Medebach erfuhr es auch nur aus der Zeitung. Beim Prozess gegen drei der Angeklagten in Düsseldorf war ich zugegen. Meine Theorie: Ein Uboot Unsere Beamten sind nicht ganz so träge und unachtsam, wie es manchmal erscheint.
Hank Hill 25.03.2016
4. Das kann
überall passieren. Warum sollten die Bewohner etwas bemerken ? Die Bombenbauer waren entsprechend vorsichtig. Ich denke, daß kann auch in jedem Mietshaus bei uns geschehen. Wachsamkeit ist sicher gut, aber das Letzte was wir brauchen ist die Bespitzelung von unseren Nachbarn.
jjcamera 25.03.2016
5. neue Gesetze
Glaubt jemand ernsthaft, dass unser auf Verständnis und Resozialisierung ausgelegtes Rechtssystem sich für die Terrorbekämpfung eignet? 360 behördlich bekannte "Rückkehrer" laufen in Berlin frei herum und können sich verabreden, wann und wo immer sie wollen. Präventives Inhaftieren oder Abschieben unmöglich. Und da soll man keine Ängste haben, Herr Maas? Unser Rechtssystem schafft es nicht einmal, Frau Zschäpe in einem zwei Jahre dauernden Prozess zu verurteilen. Wahrscheinlich kommt sie wegen Verfahrensfehlern frei. Was, wenn ein gefasster Terrorist sich auf die Menschenrechte beruft oder behauptet, er wäre "unter Druck" zu einem Geständnis gezwungen worden? Wir brauchen Gesetze zur Terrorbekämpfung - oder wir warten einfach auf den nächsten Anschlag, was wahrscheinlicher ist.
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