Terror in Brüssel Verlassen im Nervenkrieg

Die Attentäter haben in Brüssel zugeschlagen. Nicht weil die EU hier ihren Sitz hat. Sondern weil es nirgends in Europa so leicht ist, ein Attentat zu planen und durchzuführen.

Ein Kommentar von , Brüssel

Belgiens Premier Michel (l.), EU-Kommissionspräsident Juncker (r.)
DPA

Belgiens Premier Michel (l.), EU-Kommissionspräsident Juncker (r.)


Was waren sie stolz, als Salah Abdeslam der Polizei am vergangenen Freitag endlich in die Fänge gegangen war. Der meistgesuchte Terrorist Europas hinter Schloss und Riegeln, endlich. Die belgische Regierung war so erleichtert, dass sie gleich ein Foto per Twitter um die Welt schickte. Darauf zu sehen: Premierminister Charles Michel im Telefonat mit US-Präsident Barack Obama, neben ihm Frankreichs Staatspräsident François Hollande. Beide beglückwünschten den Belgier zum Fahndungserfolg.

Und jetzt das.

Keine vier Tage später bleibt von diesem Triumphgefühl nur ein schaler Nachgeschmack. Mindestens zwei Dutzend Tote bei Anschlägen am Flughafen und an einer U-Bahn-Station mitten im Europaviertel zeigen: Belgien bekommt sein Terrorproblem nicht in den Griff. Zumindest was den Sicherheitsapparat angeht, ist das kleine Land ein Failed State im Herzen Europas.

Man wird jetzt viel lesen und hören, wie die Terroristen auf das Herz von Europa zielten und warum sie die Europäische Union und deren Hauptstadt ins Visier nahmen. All das ist nicht falsch, doch geht es am Kern vorbei.

In Wahrheit zielen die Attentäter nicht auf Brüssel, weil die EU hier ihre Sitz hat, sondern weil es nirgends in Europa so leicht ist, ein Attentat zu planen und durchzuführen.

Fotostrecke

35  Bilder
Terror in Belgien: Anschlag auf das Herz Europas
Brüssel ist eine tolle Stadt. Hier mischen sich Franzosen und Kongolesen, EU-Bürokraten und Marokkaner, junge Anarchokünstler, etablierte Galeristen, eine wilde Konzertszene. Beim Kaffee spricht man Französisch, am Mittagstisch Englisch, beim Bier Deutsch - Europa, in eine Stadt gepresst.

Die Menschen verzweifeln nicht an ihrer oft wirren Bürokratie, sondern unterlaufen sie mit viel Charme und Humor. Brüssel ist ein quirliges Dorf, in dem man schnell Freunde findet. Noch nicht mal die inzwischen weltbekannte sogenannte Dschihadisten-Hochburg Molenbeek ist hier ein Getto, sondern grenzt, nur durch einen Kanal getrennt, an das hippe Ausgehviertel Dansaert.

SPIEGEL ONLINE

Leider ist die gleiche Stadt auch ein guter Ort für alle, die sich verstecken wollen und Schlimmes planen. Radikalisierte Milieus in einigen Stadtvierteln (nicht nur Molenbeek), ein zersplitterter Polizeiapparat und politische Strukturen, die mit kafkaesk noch freundlich umschrieben sind, erleichtern Verbrechern und Terroristen ihr Geschäft. Nicht umsonst führt die Fährte bei den großen Anschlägen der vergangenen Jahre immer wieder hierher - von den Vorortzügen von Madrid im Jahr 2004 über Charlie Hebdo bis zu Paris am 13. November.

Natürlich ist es ungerecht zu sagen, "Brüssel" allein sei schuld daran, dass gewaltbereite Islamisten sich hier wohnlich eingerichtet haben. Aber es ist auch falsch zu sagen, Brüssel und seine byzantinischen Strukturen (19 Gemeinden, sechs Polizeibezirke) hätten nichts damit zu tun, dass "Dschihad Central" die Postleitzahl "1080" von Molenbeek trägt.

Abdeslam konnte nach den Anschlägen sogar zum Friseur gehen

Die belgische Gesellschaft, die Regierung, die Behörden haben das Problem gewaltbereiter Islamisten jahrelang, vielleicht jahrzehntelang unterschätzt. Salah Abdeslam konnte sich hier über vier Monate verstecken, bei Freunden, Verwandten, entfernten Bekannten. Sogar beim Frisör wurde er gesichtet und auf einem Markt, beim Klamotten-Kaufen. Auf die Idee, die Polizei zu informieren, kam offenbar keiner.

Offenbar monatelang ungestört konnte die Hintermannschaft der Paris-Anschläge neue Attacken planen, möglicherweise überhastet wurden sie nun ausgeführt. Das verlangt nach Erklärungen, genauso wie die Frage, warum aus Belgien auf die Einwohnerzahl gerechnet mehr junge Menschen in den Bürgerkrieg nach Syrien gezogen sind als aus jedem anderen europäischen Land.

Nun ist eingetreten, was die Belgier seit den Attentaten von Paris gefürchtet hatten - ein Anschlag im eigenen Land. Die Menschen stehen den Nervenkrieg bewundernswert ruhig durch, Privatleute nehmen gestrandete Touristen auf, und Lehrerinnen schreiben noch am Abend den Eltern ihrer Schüler per E-Mail, alles tun zu wollen, dass die drei Tage bis zu den Osterferien für die Kleinen so unbeschwert wie möglich werden. Es zeigt sich die Courage des Volkes.

Leider haben die tapferen Belgier nicht die Regierung, die sie verdienen. Behörden und Regierungen wirken seit den Anschlägen von Paris überfordert - und zwar zu jeder Zeit. Das betrifft nicht nur die Terrorbekämpfung, sondern ganz banal auch die Kommunikation mit den Bürgern. Im vergangenen November legte die Regierung für einige Tage ganz Brüssel lahm, es galt, wie gestern, die höchste Terrorwarnstufe, Schulen und U-Bahn blieben geschlossen. Doch wo genau die Gefahr drohte und wie man sich verhalten sollte, blieb im Ungefähren. Die Folge: Die Schulen machten wieder auf, die Terrorwarnstufe blieb trotzdem auf höchstem Niveau.

Die Behörden sollten aufhören, die Leute verrückt zu machen

Jetzt die Wiederholung. Am Wochenende raunte der Außenminister auf einer Konferenz, der am Freitag gefasste Salah Abdeslam habe "wieder etwas vorgehabt". Was soll man als Bürger mit so einem Geunke anfangen? Sonntag das Haus nicht verlassen? Panik schieben, wenn man die Kinder zur Schule bringt?

Entweder die Behörden wissen was, dann sollten sie handeln. Oder sie wissen nichts oder nicht genug, dann sollten sie aufhören, die Leute verrückt zu machen. In Brüssel aber handelt die Regierung nach dem Motto: Soll hinterher bloß keiner sagen können, man hätte nicht gewarnt.

Zum Autor
Peter Müller

Peter Müller ist Korrespondent im Brüsseler Büro des SPIEGEL.

  • E-Mail: Peter.Mueller@spiegel.de

Mehr Artikel von Peter Müller

Mehr zum Thema


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 206 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ReinhardZiegler 23.03.2016
1. Rituale
Rituale sind wohl notwendig und helfen hoffentlich den Opfern. Aber es muessen endlich wirksame Konsequenzen/ grenzueberschreitende Sicherheitsmassnahmen getroffen werden. Jeder Tourist hat Verstaendnis dafuer , wenn er z.B. 2 mal im Jahr an der Grenze oder am Flughafen etwas mehr Zeit und Geduld aufbringen muss . Es handelt sich auch um Staatsversagen.
basteldirdiewelt 23.03.2016
2. Fehlende Informationen
Mich hat der Artikel obschon einiger Unzulänglichkeiten ein wenig enttäuscht. Da schreibt der Autor "und politische Strukturen, die mit kafkaesk noch freundlich umschrieben sind" und verweist mehrfach auf die Unfähigkeit belgischer Institutionen und Behörden, auf die Entwicklungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte zu reagieren. Welche Unzulänglichkeiten? Was funktioniert nicht? Warum ist Belgien nicht in der Lage, Islamisten den Nährboden für ihre Gräueltaten zu entziehen? Mir fehlen Fakten, Hintergründe und Zusammenhänge. Vielleicht möchte Peter Müller einen weiteren Artkel folgen lassen, wo er diese Informationen nachliefert!
lazyfox 23.03.2016
3. Europa ist schlecht organsiert
Hinter der Fasade Europa gibt es zu viel Nationalstaaterei. Wenn die EU Geld verteilt und Marktchancen eröffnet schreien alle: hier bitte. Lasten des gemeinsamen Europa auf die Schultern der Nutznieser zu verteilen ist ungleich schwerer. Pseudolösungen und eine ausufernde Bürokratie sind die Folge. Europa kann nicht einmal seine Grenzen sichern und es darf bezweifelt werden, dass Europa sich ohne die USA überhaupt verteidigen könnte. Europa, ein wirtschaftlicher Riese, chrackterlich ein Zwerg.
donrealo 23.03.2016
4. In jeder deutschen Großstadt
wäre das kein Haar anders. Es wird sicherlich in eenigen Tagen mehr über das Profil der Täter bekannt werden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit lebten sie schon ein paar Jahre unter uns in einer Art Parallelgesellschaft da sie wenig Perspektiven hatten, in einem Hochindustrieland wie Belgien oder D ein bürgerliches Leben aufzubauen. Wir werden uns noch wundern wieviele ähnlich gelagerte Fälle wir in wenigen Jahren bei uns haben werden. Merkel sei Dank
thequickeningishappening 23.03.2016
5. Mir hat mal
ein weiser Freund gesagt:" Du wolltest ja so haben!" Warum? Weil ich ja als junger Mensch "alles besser wusste?" Mir tun die armen Menschen leid, ansonsten schweige ich, ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.