Terror in Frankreich Brüssels Islamisten-Brennpunkt

Schon wieder Molenbeek: Der Brüsseler Stadtteil gerät erneut mit islamistischem Terror in die Schlagzeilen. Die Gegend ist symptomatisch für die Probleme, die Europa mit Radikalen hat.

Von und , Brüssel

REUTERS

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Man muss schon Passanten fragen, um herauszufinden, dass man gerade vor einer der größten Moscheen Brüssels steht. Kein Minarett, nicht einmal ein Schild weist darauf hin, dass an der Rue Delaunoy Nummer 40 ein muslimisches Gotteshaus steht. Die Rolltore und die großen Aluminiumtüren gemahnen eher an eine Autowerkstatt. Freitags aber strömen bis zu 600 Gläubige zum Gebet in die Al-Khalil-Moschee, wie der Hausmeister stolz erzählt.

Die Moschee wird dem syrischen Arm der Muslimbruderschaft zugerechnet. Sie gilt als eine der größten und einflussreichsten von Molenbeek, jenem Brüsseler Stadtteil, der zuverlässig immer dann auftaucht, wenn wegen islamistischer Gewalttaten ermittelt wird. So war es nach dem Anschlagsversuch auf den Thalys-Zug im August, so war es nach dem Massaker in der "Charlie Hebdo"-Redaktion im Januar, und so ist es jetzt nach den verheerenden Terrorattacken von Paris. Fünf Verdächtige wurden nach Angaben der Behörden in Molenbeek festgenommen, Wohnungen durchsucht.

Auf der Straße äußern sich die Menschen schockiert über die Anschläge. "Das ist nicht der Islam", sagt ein Mann mit grauem Stoppelbart, Mütze und braunem Mantel, der am Sonntagnachmittag mit Bekannten vor der Moschee steht. Je länger er redet, desto aufgeregter wird er, am Ende stehen ihm die Tränen in den Augen, seine Stimme zittert. "Ich kann das nicht verstehen."

Brennpunkt der Islamistenszene

Das ist die eine Seite von Molenbeek, einem Stadtteil, der nicht viel anders aussieht als ein Arbeiterviertel in einer beliebigen deutschen Großstadt, und dessen Bewohner in der überwältigenden Mehrheit nie auf die Idee kämen, Menschen im Namen Allahs umzubringen.

Doch Molenbeek hat auch eine anderer Seite: Es gilt als ein Brennpunkt von Westeuropas Islamistenszene. Nach den Anschlägen von Paris wurde am Samstagnachmittag am Metro-Bahnhof Osseghem ein Verdächtiger auf offener Straße festgenommen. Wenig später zerrten schwer bewaffnete Polizisten keine hundert Meter davon entfernt einen Mann aus einem grauen VW Golf. Laut Bürgermeisterin Françoise Schepmans wurden insgesamt fünf Verdächtige in Molenbeek gefasst.

Der Anteil von Muslimen liegt in Belgien geschätzt bei sechs Prozent, in Brüssel bei bis zu 25 Prozent, in Molenbeek soll er 40 Prozent betragen. Die Arbeitslosigkeit liegt dort in der Gesamtbevölkerung bei 30 Prozent, unter den Einwanderern dürfte sie noch höher sein. "Die meisten der Muslime sind moderat, aber es gibt auch stark radikalisierte Gruppen mit Verbindungen etwa zu Salafisten", sagt der Brüsseler Journalist Mehmet Koksal, der jahrelang in der Szene recherchiert hat. "Sie erzählen jungen Leuten, dass sie keine Europäer oder Belgier sind, und dass es 'wir gegen die anderen' heißt."

Das Ergebnis bekomme man auch auf den Straßen zu spüren. "Wenn man am Ramadan in der Öffentlichkeit isst oder als Frau kein Kopftuch trägt, kann man angefeindet werden."

"Ein guter Ort, sich zu verstecken"

Bewohner und Politiker Molenbeeks wehren sich gegen die Stigmatisierung ihrer Gemeinde. Am Samstagabend stehen einige Jugendliche am Metro-Bahnhof Osseghem, vor wenigen Minuten ist der letzte Polizeiwagen abgefahren. Reporter und Kamerateams haben nichts mehr zu tun, man kommt ins Gespräch. Schnell wird klar: Die Menschen hier haben das schlechte Image ihres Stadtteils satt. "Thalys? Molenbeek. 'Charlie Hebdo'? Molenbeek", schimpft einer von ihnen. Jeder Anschlag führe in ihren Stadtteil. "Ich hab ein Herz wie ihr", sagt Amain. Er trägt eine Baseballkappe der Chicago Bulls.

Auch Bürgermeisterin Schepmans verteidigte Molenbeek am Sonntag in Fernsehinterviews. "Sie kommen nicht alle von hier", sagte sie über die Verhafteten. "Die meiste Zeit sind sie nichts weiter als auf der Durchreise."

Doch das sind Islamisten hier offenbar gern. "Die muslimische Gesellschaft in Molenbeek ist sehr geschlossen", sagt Koksal. "Wer nicht dazugehört, gilt schnell als Agent feindlicher Kräfte." Das erkläre auch, warum Terrorverdächtige in Molenbeek verhaftet werden, die nicht in dem Stadtteil wohnen: "Es ist ein guter Ort, sich zu verstecken."

Die Saat des Hasses geht im Verborgenen auf

Die belgischen Behörden seien erst aufgewacht, als der französische Islamist Mehdi Nemmouche im Mai 2014 vier Menschen im jüdischen Museum in Brüssel umgebracht hat. "Ich wüsste allerdings nicht, was sie noch mehr tun sollten", meint Koksal. Schon jetzt würden die Telefone nahezu aller bekannten Akteure der Szene überwacht, es gebe eine starke Beobachtung durch die Polizei - zumindest soweit es die begrenzten Mittel erlaubten.

Die Radikalisierung junger Männer findet deshalb auch nicht an bekannten Orten wie der Al-Khalil-Moschee statt. Die Saat des Hasses geht im Verborgenen auf, meist in Privatwohnungen - und das mit Erfolg. Nach Schätzungen von Sicherheitsbehörden sind aus dem kleinen Belgien rund 500 Männer als Dschihadisten nach Syrien gezogen. 130 von ihnen sind bereits wieder nach Belgien zurückgekehrt, sagte Belgiens Polizeichefin Catherine De Bolle am Sonntag im flämischen Fernsehen.

Die Sicherheitsbehörden wirken derzeit relativ hilflos. Brüssel habe nur 1,2 Millionen Einwohner, erklärt der belgische Innenminister Jan Jambon. "Aber wir haben sechs Polizeibehörden und 19 Stadtbezirke." New York sei dagegen eine Metropole mit elf Millionen Menschen. "Und wie viele Polizeibehörden haben sie? Eine."

Zusammengefasst: Nach den Anschlägen in Paris wurden mehrere Verdächtige in Molenbeek festgenommen. Der Brüsseler Stadtteil gilt als einer der Brennpunkte der westeuropäischen Islamistenszene. Ein hoher Migrantenanteil und eine hohe Arbeitslosigkeit treffen hier auf eine strukturschwache Kommune.

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