Attentate von Brüssel Rätsel um den Mann mit Hut

In Brüssel könnte der Polizei einer der Hauptbeteiligten der Anschläge ins Netz gegangen sein. Ist es der "Mann mit Hut", den die Überwachungskamera am Flughafen filmte?

  Verdächtiger auf dem Flughafen Zaventem
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Verdächtiger auf dem Flughafen Zaventem


Seit den Terroranschlägen in Brüssel entdecken die Ermittler enge Verflechtungen zwischen den islamistischen Milieus in Belgien und Frankreich.

In Brüssel könnte der Polizei am Donnerstag einer der Hauptbeteiligten der Anschläge vom Donnerstag ins Netz gegangen sein. Der Festgenommene werde beschuldigt, Mitglied einer terroristischen Vereinigung zu sein und terroristische Morde verübt zu haben, erklärte die belgische Staatsanwaltschaft.

Aus Ermittlerkreisen hieß es, es handele sich womöglich um den Mann, der am Brüsseler Flughafen seinen Sprengsatz nicht gezündet hatte und zunächst entkommen war. Der Mann wäre somit der bisher einzige mutmaßliche Beteiligte an den Anschlägen von Brüssel, der identifiziert und festgenommen werden konnte.

Bei dem Mann soll es sich, wie französische und belgische Medien berichten, um Fayçal C. handeln.

Der Zeitung "Le Soir" zufolge ist der Verdächtige von dem Taxi-Fahrer wiedererkannt worden, der die drei mutmaßlichen Attentäter am Dienstag zum Flughafen Zeventum gefahren hatte. Die Ermittler bestätigten aber zunächst nicht, dass C. derjenige sei, der auf dem Überwachungsvideo des Flughafens mit heller Jacke und einem Hut in Begleitung der beiden Selbstmordattentäter zu sehen ist. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung wurden nach Angaben der Staatsanwaltschat keine Waffen oder Sprengsätze gefunden.

C. hatte zuletzt als freier Journalist gearbeitet. Ein Video, das am 15. Juli 2014 aufgenommen und im Internet verbreitet wurde, zeigt ihn als Reporter vor dem Ausreisezentrum "Centre 127 bis" in Steenokkerzeel, das direkt an die Landebahnen des Flughafens von Zaventem angrenzt - dort, wo am Dienstag die Bomben explodierten. Das Zentrum ist ein Internierungsgebäude für Asylbewerber, deren Antrag abgelehnt wurde, sowie Menschen, die sich illegal in Belgien aufhielten. Sie sollen vom "Centre 127 bis" aus abgeschoben werden.

Was in dort geschehe, halte er "für eine totale Missachtung der Menschenrechte", sagt C. in seinem Video, und wirft Belgiens Politikern und Medien vor, sich nicht für die Zustände in dem Zentrum zu interessieren. In islamistischen Kreisen fand er mit diesem Video offenbar Anklang. Jahre zuvor soll C. einen kleinen Radiosender in Molenbeek aufgezogen haben. Ob er wie der mutmaßliche Paris-Attentäter Salah Abdeslam aus dem Brüsseler Problemstadtteil stammt, ist nicht bekannt.

Der Bürgermeister von Brüssel, Yvan Mayeur, sagte laut "Le Soir", C. sei mehrere Male eines Parks verwiesen worden, wo er versucht habe, Asylbewerber zu radikalisieren. C. sei "gefährlich", so Mayeur.

Was zuletzt geschah - der Überblick:

  • Wie das belgische Innenministerium mitteilte, soll ein belgischer Polizist in Istanbul den Informationsfluss über Ibrahim El Bakraoui, einen der Flughafen-Attentäter, zwischen beiden Ländern verschleppt haben. Die Türkei hatte Belgien zuvor vorgeworfen, Warnhinweise über den des Landes verwiesenen El Bakraoui ignoriert zu haben.
  • Nach den sechs Festnahmen am Donnerstagabend in Brüssel hatte die Polizei am Freitag im Zusammenhang mit neuen Anschlagsplänen in Frankreich drei weitere Männer in Gewahrsam genommen. Polizisten hatten mehrere Wohnungen in den Stadtvierteln St. Gilles, Schaerbeek und Forest durchsucht. Zwei der drei Festgenommenen seien bei den Polizeieinsätzen am Bein verletzt worden.
  • Der bei dem Polizeieinsatz im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek angeschossene Abderaman A. sitzt den Angaben zufolge weiter in Untersuchungshaft. Ein weiterer Verdächtiger, der Freitag festgesetzte Tawfik A., sei wieder auf freiem Fuß.
  • Gegen zwei Terror-Verdächtige, deren Namen die Ermittler mit Aboubakar A. und Rabah N. angaben, wurde Haftbefehl erlassen. Nach Rabah N. war im Zusammenhang mit einer Razzia in Frankreich gesucht worden, mit der nach Angaben der Behörden Anschlagsvorbereitungen in Frankreich vereitelt wurden.
  • Hinweise, dass an der Planung der Anschläge in Paris und Brüssel dieselben Männer beteiligt gewesen sind, verdichten sich: Der am Donnerstag in Paris festgenommene Verdächtige Reda K. gehörte der gleichen belgischen Islamistenzelle an wie der mutmaßliche Drahtzieher der Pariser Anschläge, Abdelhamid Abaaoud. Der Brüssel-Attentäter Najim Laachraoui war bereits im Zusammenhang mit den Attentaten in Paris gesucht worden, bei denen am 13. November 130 Menschen getötet wurden.
  • Auch in Deutschland waren laut SPIEGEL-Informationen zwei Verdächtige festgenommen worden, die Verbindungen zu den Attentätern gehabt haben sollen. Die Festnahmen fanden demnach im Raum Düsseldorf und im Raum Gießen statt. Die beiden in Gießen und Düsseldorf festgenommen Männer stehen jedoch nicht in Verbindung mit den Terroranschlägen in Brüssel, wie die Bundesanwaltschaft am Samstag bekannt gab.
  • Vier Tage nach den Brüsseler Anschlägen sind die meisten Todesopfer identifiziert. Bei 24 der 31 von Selbstmordattentätern getöteten Menschen sei nun geklärt, um wen es sich handelt, teilte die Staatsanwaltschaft laut Nachrichtenagentur Belga am Samstag mit. Unter den Toten ist auch eine Frau aus Aachen. Mittlerweile geht das Gesundheitsministerium von 340 Verletzten aus - bisher war von 300 Personen die Rede. Rund 100 Verletzte sind danach noch im Krankenhaus, davon 62 auf der Intensivstation. Einige Opfer haben schwere Verbrennungen. Auch der Mann der getöteten Aachenerin liegt nach Angaben vom Freitag noch im Krankenhaus.
  • Ein für Sonntag geplanter Gedenkmarsch in Brüssel für die Opfer der Terroranschläge soll auf Anraten von Innenminister Jan Jambon wegen Überlastung der Polizei ausfallen. Gemeinsam mit dem Brüsseler Bürgermeister Yvan Mayeur appellierte er am Samstag an die Bürger, nicht zusammenzukommen. Zur Begründung hieß es, die Polizeikräfte würden für die noch laufenden Fahndungen benötigt.

lgr/ras/dpa/Reuters/AFP

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