Brutaljustiz in Somalia Einmal durch die Hölle und zurück

Ein Bein und ein Arm werden ihm amputiert - weil sich Ismail als 17-Jähriger weigert, Mitglied bei den somalischen Islamisten zu werden. Auch danach lassen die Fanatiker ihn nicht in Frieden. Die Leidensgeschichte des Jungen ist beispielhaft für die Grausamkeit des Bürgerkriegs am Horn von Afrika.

Horand Knaup

Von , Nairobi


Als Ismail aus dem Flugzeug steigt, ist die Welt eine einzige Wundertüte. Der pulvrige Schnee, die Kristalle auf der Haut, die Dämmerung zur Mittagszeit - seine Sinne erspüren Eindrücke, die ihm nie zuvor begegnet sind.

Unwillkürlich zieht Ismail die Mütze tiefer über die Ohren. Der rechte Arm seiner Daunenjacke hängt nach unten, als ob sie zwei Nummern zu groß wäre; wenn er geht, zieht er das linke Bein nach. Aber solche Handicaps spielen in diesem Moment keine Rolle mehr. Für Ismail hat soeben, 7000 Kilometer von der Heimat entfernt, eine neue Zeitrechnung begonnen.

Ismail ist in Harstad aus dem Flugzeug gestiegen, einem kleinen Städtchen in Norwegen, 200 Kilometer nördlich des Polarkreises. Es ist Winter in Harstad, und Ismail kennt keinen Winter.

Sein Leben lang wäre es für ihn, den inzwischen 18-jährigen Jungen aus Mogadischu, unvorstellbar gewesen, so weit zu reisen. Sein ganzes Leben hat er bisher in der Hauptstadt Somalias zugebracht. Er kennt nichts anderes als Hitze, Staub - und Krieg.

Und nun Harstad. Weil die Norweger die ersten waren, die ihm Asyl gewährten. Weil sie ihm Schutz garantierten. Und weil sie ihm sogar einen Studienplatz in Aussicht stellten. In Harstad wird Ismail neue Prothesen bekommen, Norwegisch lernen und sich an seine neue Welt gewöhnen.

Es ist für Ismail das Ende eines Alptraums. Hinter ihm liegen 19 Monate, in denen er alle menschlichen Abgründe gesehen, totale Verzweiflung erlebt und dabei einen Arm und ein Bein verloren hat.

Mogadischu - eine Stadt im Kriegszustand

Der Tag, an dem der Alptraum beginnt, ist ein Montag. Es ist der 1. Juni 2009, und die Sonne steht schon schräg über Mogadischu. Ismail trägt ein dunkelblaues T-Shirt und eine schwarze Stoffhose. Es ist gegen 17 Uhr, er hat gerade die Schule verlassen, als er von fünf Männern angehalten wird. Ismail kennt die Männer nicht, einer ist vermummt, sie befehlen ihm, in ihr Auto zu steigen.

Mogadischu ist eine Stadt im Kriegszustand. Seit 19 Jahren wird geschossen in Somalia, früher kämpften verschiedene Warlords gegeneinander, heute sind es die islamistischen Schabab-Milizen und die Soldaten der Afrikanischen Union (AU). Die AU stützt die 2006 eingesetzte Übergangsregierung, die Milizen wollen die Regierung vertreiben und einen Scharia-Staat errichten.

Kaum ein Tag ohne Schießereien, ohne Mörsereinschläge, mal von der einen, mal von der anderen Seite. Auch Ismails älterer Bruder Hassan ist durch einen Granatsplitter ums Leben gekommen. Woher die Granate kam, wer sie abgeschossen hat und mit welchem Ziel, danach fragt niemand in Mogadischu.

Sein Vater ist schon 1998 gestorben, seine Mutter ist mit den kleineren Kindern nach Hargeisa in Somaliland geflohen. Ismail will die Schule beenden und wächst bei seinem Onkel auf, einem ehemaligen Rechtsanwalt.

"Der Koran rechtfertigt kein willkürliches Töten"

Hunderttausende haben Mogadischu verlassen. Und die, die geblieben sind, haben sich eingerichtet in den Ruinen. Sie versuchen einen Rest von Normalität aufrecht zu erhalten. Es gibt einen Markt und Lebensmittel, es gibt Mobilfunkanbieter, Krankenhäuser und Schulen, und die Kinder nutzen die freien Flächen zum Fußballspielen. Auch in Daynile im Norden der Stadt, wo die Schabab-Miliz den Ton angibt und wo Ismail wohnt.

Ismail ist ein guter Schüler. Er hat ein weiches Gesicht und ein offenes Lachen. Und er ist intelligent. Viermal hat er den Koran schon auswendig gelernt, jede der 114 Suren kann er zitieren. Und weil er die Schrift so gut kennt, widerspricht er auch, wenn Freunde ihn zur Miliz locken wollen. Der Koran rechtfertige kein willkürliches Töten. Auch nicht das von Ungläubigen. "Die al-Schabab hat keine Zukunft", sagt er manchmal. Er ist noch eher ein Junge als ein Mann, und er denkt sich nicht viel dabei, wenn er so offen daherredet.

Er verbringt viel Zeit im Internetcafé um die Ecke. Er hat sich einen Facebook-Account zugelegt, und wenn er schreibt, fliegen alle zehn Finger über die Tastatur. Er hat es sich selbst beigebracht.

Die Männer, die Ismail ins Auto gezwungen haben, verbinden ihm die Augen. Er kennt ihre Gesichter nicht, aber die Stimme des Vermummten kommt ihm bekannt vor. Es ist Abdi, er kommt aus der Nachbarschaft.

Das Auto bringt Ismail in schneller Fahrt in einen anderen Stadtteil. Die Männer schleppen ihn in ein Haus, er bekommt Ketten an die Füße, dann wird er in einen dunklen Raum geworfen. Warum sie ihn mitgenommen haben, sagen ihm seine Kidnapper nicht.

Die Zelle, ein ehemaliger Lagerraum, ist schon bewohnt. Sechs Gefangene kauern auf dem Boden, auch Ali, 22, ist darunter. Ismail kennt ihn. Er hat in der Herren-Mannschaft von Dahabshiil Fußball gespielt. Auch Ali, so erfährt Ismail, haben sie auf der Straße eingesammelt, auch er wollte nicht mitmachen bei der Miliz, auch ihm haben sie nicht gesagt, warum sie ihn mitgenommen haben.

Eineinhalb Jahre später sitzt Ismail in einem Garten in der kenianischen Hauptstadt Nairobi und beschreibt seinen Leidensweg. Er hat trotz der Wärme eine Jacke an. So sieht man nicht gleich, dass ihm der rechte Unterarm fehlt. Nur die Begrüßung mit der falschen Hand und das Schlurfen des linken Beines lassen die Behinderung erahnen.

Er ist neugierig, er sucht den Augenkontakt, er lacht. Gebrochene Menschen treten anders auf. Aber nichts ist vergessen, jedes Detail abgespeichert. Warum er damals in Mogadischu geblieben ist? "Ich hatte ja kein schlechtes Leben, warum hätte ich gehen sollen?" Und er sagt Sätze wie: "Sie haben mir ein Bein und einen Arm genommen, aber nicht meine Seele." Es ist fast zu abgeklärt für den jungen Mann mit dem Kindergesicht. Er sagt: "Wenn sie deine Seele kriegen, haben sie dich."



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Raison007 18.06.2011
1. Warum ist er noch Muslim?
Haben Sie den Artikel nicht gelesen? Genauso gut kann man die Leute fragen, warum sie noch Christen sind! Die Christen sind keinen Deut besser, wir haben es der Aufkärung, gegen die die Kirche gekämpft hat, zu verdanken, daß hier solche Greuel nicht so vorkommen. Der Koran hat nichts damit zu tun, jede Religion wurde und wird von Menschen mißbraucht, die ihre eigenen (Macht)gelüste rechtfertigen.
Chinasky, 18.06.2011
2. Warum wohl?
Als Atheist und jemand, der den Islam momentan für die gefährlichste aller Religionen hält, frage ich Sie: Warum sollte er kein Muslim mehr sein? Wenn sie den Artikel sorgfältig gelesen haben, dann geriet er in sein Unglück, weil er dem Koran entnahm, dass man keine Unschuldigen töten dürfe. Ein Jugendlicher, der den Koran auswendig kann, ist der Ansicht, daß man als guter Muslim keine Unschuldigen töten dürfe. Darauf wird er dan von anderen gefoltert und verstümmelt. Monatelang vegetiert er schmerzgepeinigt in Gefangenschaft. Glauben Sie, da wäre es sein vordringliches Anliegen gewesen, Religionskritik zu pflegen? Er entkam der Hölle mit Hilfe anderer. Seine Mutter, die ihm das Geld zusteckte. Eine Muslima wahrscheinlich. Der Taxifahrer, der die Geflohenen transportierte und damit mit seinem Leben bezahlte - ein Muslim wahrscheinlich. Warum sollte so ein Jugendlicher da auf einmal sich vom Islam abwenden? Das würde doch für ihn bedeuten, daß seine Folterer für den "richtigen Islam" stünden, daß er also den Koran falsch verstand, daß dieses Falschverstehen letztlich an seinen Qualen schuld wäre. Der Kerl tut mir leid. Ich wünsche ihm viel Glück in Norwegen. Vielleicht, wenn es mit dem dortigen Studium klappt, wird er zukünftig mal sich so gut in sein Gastland einleben, daß säkulares Gedankengut ihn am Islam zweifeln läßt. Vielleicht auch nicht. Als politisch Verfolgter hat er m.M.n. so oder so Anspruch auf Asyl.
Selvbygger 18.06.2011
3. Warum ist er immer noch Muslim?
Muslim wird man durch Geburt oder dadurch, dass man vor mindestens zwei Zeugen das Glaubensbekenntnis spricht. Eine registrierte Kirchenmitgliedschaft gibt es nicht. Auch keinen formellen Austritt: Einmal Muslim, immer Muslim - oder Abtrünniger, wie die Strenggläubigen es ausdrücken. Und warum sollte er etwas anderes als Muslim sein?
DHC2 18.06.2011
4. Afrika
Gut, dass Sie auch über diese Gräuel berichten. Somalia steht dabei nur stellvertretend für einen verlorenen Kontinent, wo täglich Dinge passieren, die für "aufgeklärte" Europäer nicht zu verstehen sind. Somalia, Liberia, Kongo, Zimbabwe - die Perversionen, unter denen die Menschen dort zu leiden haben, haben weder mit Islam, Hinduismus noch mit Christentum zu tun. Sondern mit brutalen Machtinteressen, auch europäischen, amerikanischen indischen und chinesischen, die sich höchstens mal ein religiöses Mäntelchen überziehen. Das aber auch nur selten, denn es schaut sowieso keiner zu. Es geht in Afrika um Öl, Bodenschätze und Land für die "Industriestaaten". Ein Menschenleben zählt dort leider nichts.
Hesekiel, 19.06.2011
5.
Zitat von Raison007Haben Sie den Artikel nicht gelesen? Genauso gut kann man die Leute fragen, warum sie noch Christen sind! Die Christen sind keinen Deut besser, wir haben es der Aufkärung, gegen die die Kirche gekämpft hat, zu verdanken, daß hier solche Greuel nicht so vorkommen. Der Koran hat nichts damit zu tun, jede Religion wurde und wird von Menschen mißbraucht, die ihre eigenen (Macht)gelüste rechtfertigen.
Fraglich, ob Religionen dafür wirklich nur missbraucht werden, oder ob sie nicht auch als Machtinstrument konzipiert worden sind. Die Geschichte mit ihrer Mehrheit an Jahren unter religiöser Herrschaft ließe letzteres vermuten..
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.