Türkischer Vizepremier über Frauen Nicht lachen, Mund halten

Der türkische Vizepremier Bülent Arinc hat offensichtlich ein gestörtes Verhältnis zu Frauen. Mal sollen sie nicht so laut lachen, mal fährt er eine Abgeordnete an, sie "als Frau" solle still sein. Im Netz lachen sie ihn jetzt wenig schweigsam aus.

Von , Istanbul

Vizepremier Arinc im türkischen Parlament: "Sie als Frau, seien Sie still!"
AFP

Vizepremier Arinc im türkischen Parlament: "Sie als Frau, seien Sie still!"


Wieder einmal sorgt der türkische Vizeregierungschef Bülent Arinc mit einem frauenfeindlichen Spruch für Verwunderung. Während einer hitzigen Parlamentsdebatte über den türkischen Militäreinsatz gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) und Stellungen von kurdischen Kämpfern hatte ihn eine Abgeordnete der prokurdischen HDP lautstark kritisiert. Arinc, 67, fiel nichts Besseres ein, als ihr zu antworten: "Seien Sie still! Sie als Frau, seien Sie still!"

"Als Frau schweigt man nicht", heißt die Antwort, die Tausende von Frauen in der Türkei ihrem Vizepremier Bülent Arinc entgegenschleudern. #BirKadinOlarakSusmayacagiz ist das Hashtag auf Twitter. Dort posten Frauen aus der Türkei und aus aller Welt Antworten an Arinc. "Schweigt nicht, denn wenn wir schweigen, redet Bülent", schreibt @solcuedebiyat. Manche werden persönlich, wie @gmeliszilan: "Soll doch dein Vater schweigen, du Rind!", oder drohen ihm, ihn zum Schweigen zu bringen. Häufig retweetet wird auch: "Frauen sind seit 1935 im türkischen Parlament. Und jetzt sollen sie plötzlich den Mund halten?"

Immer wieder frauenfeindliche Aussagen

In mehreren Städten gehen Frauen am Freitag auch auf die Straßen, um gegen die Machohaltung des Politikers zu protestieren. Auch Politiker der HDP und der größten Oppositionspartei CHP rufen zum Protest auf, weil sie Arinc' Aussage für einen Angriff auf alle Frauen halten. "Nicht wir kommen von deiner Rippe, sondern du aus unserer Gebärmutter", steht auf einem Transparent bei einer Kundgebung in Ankara. "Wir reden! Und wir lachen!", steht auf einem anderen Plakat.

Der Verweis auf das Lachen ist eine Anspielung auf eine weitere frauenfeindliche Aussage Arinc' aus dem vergangenen Jahr. Damals hatte er sich um den Verfall der Moral in der Türkei gesorgt, offensichtlich besonders bei Frauen. "Wo sind unsere Mädchen, die leicht erröten, ihren Kopf senken und die Augen abwenden, wenn wir in ihre Gesichter schauen, und somit zu einem Symbol der Keuschheit werden?", hatte er gefragt. Sie sollten sich sittsam kleiden und "stundenlange" Telefongespräche ebenso unterlassen wie lautes Lachen in der Öffentlichkeit.

Damit schaffte er es weltweit in die Zeitungen, und aus Protest wurde das Internet mit Bildern von lachenden Frauen überflutet. Arinc erklärte daraufhin, seine Worte fänden in der türkischen Gesellschaft "breite Zustimmung". Außerdem habe er ganz allgemein mehr Bescheidenheit gefordert und nicht Frauen kritisiert.

Bemerkenswert ist aber, dass er auch bei seiner Kritik am IS im vergangenen Jahr das Problem bei den Frauen ausmachte: "Unsere jungen Mädchen kommen über soziale Medien irgendwie mit diesen Leuten in Kontakt. Dann gehen sie über die Grenzen und begehen Morde mit ihnen." Tatsächlich sollen sich mehrere Tausend türkische Staatsbürger dem IS angeschlossen haben oder mit ihm sympathisieren - überwiegend Männer.

Widerworte gegen den mächtigen Präsidenten

Arinc, einer der Mitbegründer der seit 2002 regierenden AKP, stand lange Zeit treu an der Seite von Präsident Recep Tayyip Erdogan und gilt als einer der prominentesten Politiker der Türkei. Er ist Jurist und stammt aus Bursa. Er war lange Zeit Parlamentspräsident, und ihm wurden Ambitionen auf das Präsidentenamt nachgesagt, wofür er aber nie kandidierte. 2009 machte ihn Erdogan, damals noch Premierminister, zu seinem Stellvertreter. Arinc sollte den islamisch-konservativen Flügen bedienen, dem er zugerechnet wird.

Jedoch geriet er zuletzt immer häufiger mit Erdogan aneinander. Als Erdogan 2013 das uneheliche Zusammenleben von Studentinnen und Studenten verbieten und Studentenwohnheime nach Geschlechtern getrennt durchsetzen wollte, erklärte Arinc das als ein "Missverständnis". Erdogan korrigierte ihn und sagte, er habe es genau so gemeint. Arinc wollte daraufhin nicht mehr für die AKP kandidieren, aber Erdogan muss ihn schließlich überredet haben.

Als Erdogan, nun im Präsidentenamt, sich kritisch über die Annäherung zwischen Regierung und Kurden äußerte und bemängelte, "nur aus der Zeitung" von einem Treffen von Regierungsvertretern mit kurdischen Intellektuellen erfahren zu haben, wagte Arinc öffentlich Widerworte - eine Seltenheit in der autoritär geführten Türkei. Erdogan, sagte er, sei sehr wohl informiert gewesen, und der Friedensprozess sei "nun einmal nicht Sache des Staatspräsidenten, sondern der Regierung".

Dass dem in Erdogans Verständnis nicht so ist, zeigt der Staatschef Arinc und der Weltöffentlichkeit seit Freitag, seit türkische Kampfjets nicht nur IS-Stellungen bombardieren, sondern auch die von PKK und anderen kurdischen Kämpfern im Nordirak und in Syrien. Derweil ermordet die PKK inzwischen nahezu täglich Soldaten und Polizisten.

Auf Twitter posten Frauen deshalb zu Recht: "Jetzt ist nicht die Zeit zu schweigen."

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