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Bürgerkrieg auf Sri Lanka: Colombos Schergen bestrafen Reporter mit blutiger Härte

Von Sascha Zastiral, Colombo

Sri Lanka wird immer mehr zur rechtsfreien Zone. Schlägertrupps stürmen Sendestationen und lauern Journalisten auf - mehrere Reporter wurden bereits ermordet, Dutzende sitzen im Gefängnis. Ihr Vergehen: Alle haben kritisch über die Regierung berichtet.

Colombo - Drei Männer in Polizeiuniformen betreten einen Friedhof im Süden von Sri Lankas Hauptstadt Colombo. Zielstrebig gehen sie auf N. Vidyatharan, den Chefredakteur der tamilischsprachigen Zeitung "Sudar Oli" zu. Der Journalist befindet sich gerade auf der Beisetzung eines Verwandten. Die Männer fordern ihn auf, sofort mitzukommen. Einen Haftbefehl haben sie nicht. Freunde und Verwandte stellen sich ihnen in den Weg, es kommt zu Raufereien. Dann zerren die Uniformierten den Reporter in einen weißen Lieferwagen und fahren mit ihm davon.

Die Polizei erklärt zunächst, sie wisse nicht von der Festnahme, die sich am Donnerstagvormittag ereignet hat. Erst als sich ausländische Botschaften, Nachrichtenagenturen und Organisationen einmischen, räumt die Polizei ein, Vidyatharan werde "befragt". Der Journalist soll Verbindungen zu den Rebellen der "Liberation Tigers of Tamil Eelam" (LTTE) haben.

Der Vorwurf wiegt schwer: Nach den geltenden Notstandsgesetzen reicht er aus, den Reporter ohne Anklage bis zu 18 Monate lang festzuhalten.

Die Situation ist alarmierend. In den vergangenen drei Jahren wurden auf Sri Lanka mindestens neun Journalisten ermordet, 27 mit dem Tod bedroht. Mehrere Journalisten sitzen aufgrund fragwürdiger Vorwürfe im Gefängnis. Ihr Vergehen: Alle haben kritisch über die Regierung und über den blutigen Krieg im Norden des Landes berichtet. Keiner der Täter wurde je gefasst.

DER SPIEGEL

Lasantha Wickrematunge, Chefredakteur der Wochenzeitung "Sunday Leader", weiß, dass er in tödlicher Gefahr schwebt, als er am Morgen des 6. Januar in sein Auto steigt. Auch er wurde schon mehrfach bedroht. Wickrematunge ist einer der wenigen Journalisten Sri Lankas, die es noch wagen, die Regierung offen zu kritisieren.

Wie an jedem Morgen führt ihn sein Weg zur Arbeit durch mehrere Armee- und Polizeicheckpoints. Die Redaktion des "Sunday Leader" befindet sich in der Nähe des Regionalflughafens in einem Hochsicherheitsbereich. Praktisch niemand kann das Viertel unbemerkt befahren oder verlassen.

Holzlatte in den Kopf gerammt

Wickrematunge ist nur noch etwa einen halben Kilometer von dem Verlagsgebäude entfernt, als sich ihm zwei Motorräder in den Weg stellen. Vier Männer steigen ab. Sie zerschlagen mit Eisenstangen die Windschutzscheibe und das rechte Seitenfenster seines Wagens. Dann nehmen sie sich den Journalisten vor: Einer der Attentäter rammt Wickrematunge vermutlich eine mit Nägeln gespickte Holzlatte mit voller Wucht in den Kopf. Er ist sofort tot. Seine Verletzungen sind so schwer, dass die Ärzte zunächst glauben, der Journalist sei erschossen worden.

Die Polizisten an dem Checkpoint am Ende der Straße, nur etwa einen Kilometer von Ort des grausamen Überfalls entfernt, wollen nichts gesehen haben. Die Täter entkommen angeblich unbemerkt.

Einige Tage später erscheinen im "Sunday Leader" die letzten gedruckten Worte des Journalisten. Wickrematunge hat in der Redaktion einen Leitartikel hinterlegt für den Fall, dass ihm etwas zustößt. Darin schreibt er: "Kein Beruf verlangt es (..), sein Leben zu lassen, ausgenommen der des Soldaten und, in Sri Lanka, der des Journalisten." Weiter heißt es: "Terror, ob von Terroristen oder dem Staat ausgeübt, ist zur Tagesordnung geworden."

"Die Politik in Sri Lanka ist jetzt in einer Phase, in der Dissens nicht mehr erlaubt ist", sagt Lal Wickrematunge, der Bruder des Ermordeten. Gemeinsam mit ihm hat er 1994 die Zeitung gegründet. "Wer Kritik an der Regierung übt, wird sofort als Verräter oder LTTE-Unterstützer diffamiert."

Der Propaganda-Apparat der Regierung läuft seit dem Beginn der Großoffensive gegen die LTTE-Guerilla im Norden des Landes auf Hochtouren. In offiziellen Erklärungen wird der Krieg als "humanitäre Operation" bezeichnet. 14.000 LTTE-Kader sind seitdem ums Leben gekommen, aber nur 3000 Regierungssoldaten und beinahe keine Zivilisten.

"Recherchieren ist glatter Selbstmord"

Jedoch haben Soldaten von der Front immer wieder durchsickern lassen, dass es schon bei einzelnen Schlachten Hunderte von Toten gab. Die Opposition geht davon aus, dass bei dem Versuch von Sri Lankas Präsidenten, den ethnischen Konflikt militärisch zu lösen, 15.000 Regierungssoldaten gestorben sind. Die Vereinten Nationen und das internationale Rote Kreuz sprechen davon, dass in dem winzigen Gebiet, das die Rebellen derzeit noch halten, in den vergangenen Wochen Tausende Zivilisten ums Leben gekommen sind.

"Doch das auch nur zu recherchieren, wäre glatter Selbstmord", sagt ein Journalist aus Sri Lanka. Daher haben sich die meisten Pressevertreter des Landes einer strikten Selbstzensur unterworfen. Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" stuft Sri Lanka in ihrer "Rangliste der Pressefreiheit" auf Platz 165 von 173 Staaten ein. Dahinter rangieren nur noch totalitäre Regime wie China, Burma und Nordkorea. Ein weiterer schwerer Angriff auf die Pressefreiheit zeigt, welchem Druck Journalisten in Sri Lanka mittlerweile ausgesetzt sind.

Am 4. Januar hält gegen 2 Uhr morgens ein weißer Lieferwagen ohne Nummernschilder vor dem Sendezentrum des Privatsenders Sirasa TV, der populärsten TV- und Radiostation des Landes vor den Toren der Hauptstadt. Mehr als ein Dutzend schwer bewaffnete Männer steigen aus. Sie sind schwarz gekleidet und maskiert. Die Angreifer überwältigen die Wachleute und sperren sie in das Wachhaus am Haupteingang, dann rennen sie in das Hauptgebäude. Einer der Wachmänner ruft sofort die nächstgelegene Polizeiwache an, die gerade einmal zehn Minuten entfernt liegt. Die Beamten tauchen erst Stunden später auf.

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