Ras Lanuf - Der Lage in Libyen wird immer dramatischer: Das Staatsfernsehen berichtete am Donnerstag, alle Rebellen seien aus der Stadt Ras Lanuf vertrieben worden. Zu Hunderten sollen sie einem Augenzeugen zufolge in Autos und auf Lieferwagen Richtung Osten in von Rebellen beherrschtes Gebiet geflohen sein. Ein Sprecher der Aufständischen wies einen Sieg der Gaddafi-Truppen aber umgehend zurück.
Wie SPIEGEL-ONLINE-Reporter Clemens Höges berichtet, bombardierten Gaddafis Truppen unter anderem auch das Krankenhaus in Ras Lanuf, beschossen die Ölstadt von einem Kriegsschiff aus. Auch die Hafenstadt Brega ist heftig unter Beschuss: "Sie kommen jetzt ganz schnell näher, sie haben Brega schon bombardiert, sie werden bald hier sein", mailt Höges aus dem Kampfgebiet.
Augenzeugen berichteten, dass mindestens zwei Panzer auf dem Weg nach Ras Lanuf seien. Ein Kämpfer der Rebellen sagte der Nachrichtenagentur Reuters, Regierungstruppen seien in die Stadt eingedrungen, die Rebellen hätten sich weiter nach Osten zurückgezogen. Auf Ras Lanuf regne es Raketen und Panzergranaten, sagte einer der Flüchtenden. Mitarbeiter und Patienten des Krankenhauses würden von den Rebellen nach Brega und Adschdabija gebracht, sagte Gebril Hewada, ein Arzt im Gesundheitskomitee in Bengasi. Von den Mitarbeitern des Krankenhauses sei niemand verletzt worden, sagte er. Wie es den Patienten ergangen sei, wisse er nicht.
Der arabische Fernsehsender al-Dschasira zitierte einen Rebellenchef in Ras Lanuf: "Alle meine Männer wurden getötet, als die libyschen Truppen eintrafen". In dem bombardierten Krankenhaus verbliebene Verletzte würden von Gaddafis Truppen erschossen.
Das Rote Kreuz definiert die Kämpfe in Libyen mittlerweile klar als Bürgerkrieg. "Wir haben einen schweren bewaffneten Konflikt ohne internationale Beteiligung- immer mehr Menschen werden getötet und verletzt, wir sind extrem besorgt", beschrieb ein Sprecher die Lage.
US-Geheimdienstchef sieht Patt in Libyen
Die USA kündigten an, vorerst ihren diplomatischen Draht zum Gaddafi-Regime zu kappen. "Wir suspendieren unsere bestehende Beziehungen mit der libyschen Botschaft" in Washington, sagte US-Außenministerin Hillary Clinton vor einem Ausschuss des US-Kongresses. Zugleich machte sie deutlich, weiter den Kontakt zur libyschen Opposition zu suchen. "Ich werde einige der Personen hier in den USA treffen und wenn ich reise, um zu diskutieren, was die USA und andere mehr tun können", sagte sie. Clinton wird 15. bis zum 17. März nach Ägypten und Tunesien reisen, in beiden Ländern wurden die Präsidenten vom Volk gestürzt.
US-Geheimdienstdirektor James Clapper warnte am Donnerstag bei einer Kongressanhörung, Gaddafi habe die wesentlich besseren Waffen und mehr logistische Möglichkeiten als die Rebellen. " Wir glauben, dass Gaddafi langfristig bleiben wird.", sagte Clapper. Das Regime werde auf lange Sicht überleben. Nach Ansicht des obersten Geheimdienstchefs könnte der Konflikt in dem nordafrikanischen Land auf ein Patt hinauslaufen. Die Hochburg der Rebellen, Bengasi, könnte als eigener Kleinstaat enden.
Clapper begründete seine Einschätzung mit dem immensen Arsenal russischer Waffen, über die Gaddafi verfüge. Darunter sind Flugabwehrraketen und Radarsysteme. Die Luftabwehr sei die zweitgrößte in der Region; nur die in Ägypten sei noch umfassender.
Journalisten misshandelt
Auch ausländische Journalisten sind Opfer von Gaddafis Soldaten geworden. Die BBC teilte am Mittwoch mit, dass drei ihrer Mitarbeiter von regierungstreuen Soldaten gefangen genommen, geschlagen und Scheinexekutionen unterzogen wurden. Die Mitglieder des arabischen Teams der BBC - ein Palästinenser, ein Brite und ein Türke - wurden dem Sender zufolge am Montag an einem Kontrollposten zehn Kilometer südlich der umkämpften Stadt Sawija von libyschen Soldaten festgenommen. Anschließend wurden sie zu einer Kaserne gebracht und dort von Gaddafi-treuen Soldaten und Mitgliedern der Geheimpolizei misshandelt.
Der Palästinenser Feras Killani sagte laut BBC, er sei mit einem Plastikschlauch und einem Stock geschlagen worden. Die Männer hätten ihn auch mit ihren Armeestiefeln getreten und mit den Knien attackiert. "Nachdem sie mich geschlagen hatten, haben sie mir eine Kapuze übers Gesicht gezogen und mit Klebeband fixiert", sagte Killani.
Sein britischer Kollege Chris Cobb-Smith berichtete in der BBC, er und seine Kollegen seien dann in einer Reihe an die Wand gestellt worden, um eine Hinrichtung zu simulieren. "Da stand ein Mann in Zivil mit einer Maschinenpistole und hat die Waffe an unsere Nacken gehalten." Dann habe er zwei Mal nahe an seinem Kopf vorbeigeschossen. "Die Kugeln sind an meinem Ohr vorbeigezischt. Die Soldaten haben nur gelacht." Der Türke Goktay Koraltan sagte, er habe geglaubt, die Soldaten wollten ihn und seine Kollegen töten und die Tat den Rebellen oder dem Terrornetzwerk al-Qaida zuschieben. Er habe "große Angst" gehabt.
Niederländische Soldaten vor Freilassung
Als alles vorbei war, hätten die Soldaten eine "regelrechte Charme-Offensive" gestartet und den Journalisten Zigaretten, Kaffee und Tee sowie Essen angeboten, sagte Cobb-Smith. Nach 21 Stunden in Gewahrsam kamen die Reporter laut BBC frei, alle hätten Libyen verlassen. Nach Angaben der Reporter wurden in der Kaserne auch andere Gefangene misshandelt.
Die britische Zeitung "Guardian" teilte am Donnerstag mit, einer ihrer Journalisten sowie ein Kollege der brasilianischen Zeitung "Estado" würden in Libyen vermisst. Zuletzt habe man am Sonntag Kontakt mit Ghaith Abdul Ahad gehabt, erklärte der "Guardian". Der Organisation "Reporter ohne Grenzen" zufolge wurden beide Reporter festgenommen.
Drei in Libyen festgehaltene niederländische Soldaten werden einem Bericht des libyschen Staatsfernsehens zufolge freigelassen und einer europäischen Delegation übergeben. Weitere Einzelheiten wurden zunächst nicht bekannt. Die drei Soldaten waren am 27. Februar bei einer missglückten Evakuierungsaktion in der Nähe von Sirte von Gaddafi-Einheiten festgenommen. Das niederländische Außen- oder das Verteidigungsministerium äußerten sich zunächst nicht zu dem Bericht.
amz/Reuters/dpa
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