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Bürgerkrieg in Libyen: Rebellen schneiden Tripolis vom Nachschub ab

Von Ulrike Putz, Jerusalem

Die Ramadan-Offensive der libyschen Rebellen zeigt Wirkung: Sie haben strategisch wichtige Orte eingenommen, kommen einem Sieg über Gaddafi näher. In der Hauptstadt Tripolis macht sich Untergangsstimmung breit. Ein weiterer Vertrauter wendet sich von dem Despoten ab.

Libysche Rebellen an der Straße nach Brega: Hauptverkehrsadern unter Kontrolle Zur Großansicht
AP

Libysche Rebellen an der Straße nach Brega: Hauptverkehrsadern unter Kontrolle

Fast auf den Tag genau sechs Monate nach Beginn der Revolte gegen die 41-jährige Herrschaft Muammar al-Gaddafis scheint ein Sieg der Aufständischen erstmals in greifbare Nähe gerückt. In den vergangenen Tagen konnte die Rebellentruppe Erfolge für sich verbuchen. Ihre Position ist so stark wie nie.

Mit der Eroberung von Surman und Garjan in den westlichen Nafusah-Bergen haben die Rebellen Tripolis von der Stadt Sabha im Süden abgeschnitten, die dem Diktator treu ergebenen ist. Sawija wiederum, das trotz sporadischer Gefechte inzwischen in Rebellenhand zu sein scheint, liegt an der Autobahn, die von Tripolis ins Nachbarland Tunesien führt. Die Aufständischen können die Hauptstadt nun nach Belieben vom Nachschub an Treibstoff und Nahrung abschneiden. Sie stehen in einem weiten Halbkreis in etwa 70 Kilometer Entfernung vor Tripolis. Die Blockade von Seeseite her wird von Nato-Schiffen garantiert.

Rebellen gelingt der Befreiungsschlag

Den Rebellen scheint damit der Befreiungsschlag aus einer äußerst schwierigen Situation gelungen zu sein: Vor zwei Wochen war ihr Kommandeur, Abd al-Fattah Junis, auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen. Junis, der zu Beginn des Aufstands zu den Rebellen übergelaufen war, ist offenbar einem Machtkampf innerhalb der Rebellentruppe, die aus etwa fünfzig Splittergruppen besteht, zum Opfer gefallen. Einige Rebellen hatten behauptet, der frühere Gaddafi-Gefolgsmann Junis sei ein Verräter mit heimlichen Kontakten zu Funktionären des Regimes. Als sein von Kugeln zersiebter, verkohlter Leichnam aufgefunden wurde, fürchteten Beobachter, die Uneinigkeit seiner Gegner könne Gaddafi die Oberhand bescheren, die er bräuchte, um das Blatt zu seinen Gunsten zu wenden.

Doch das Gegenteil traf ein: Der verbliebene Generalstab der Rebellen begegnete der Gefahr einer Spaltung, indem er seine Männer an allen Fronten zum Angriff trieb. Eine kämpfende Armee diskutiert nicht, mögen sich die Offiziere gedacht haben. Wie sich nun zeigt, war die mit Beginn des Fastenmonats Ramadan einsetzende Offensive erfolgreich, vielleicht kriegsentscheidend.

Britische Regierungsvertreter sind der Ansicht, dass der Fall Sawijas den Anfang vom Ende des Bürgerkriegs eingeläutet haben könnte. Die andauernden Luftangriffe der Nato hätten die offizielle Armee so weit geschwächt, dass ein Ende des Krieges bevorstehe, zitierte der "Guardian" einen Beamten aus dem Londoner Verteidigungsministerium. Über 7000 Luftangriffe hätten die regulären Truppen beinahe kampfunfähig gemacht, sie müssten zum Transport inzwischen auf Pick-up-Trucks zurückgreifen.

Nächtliche Schießereien in Tripolis

Angesichts solcher Einschätzungen seitens westlicher Beobachter wirkt der Einsatz einer Scud-Rakete, wie sie Regierungstruppen erstmals seit Beginn der internationalen Luftangriffe am Dienstag abgefeuert hat, ziemlich hilflos. Unterstrichen wird dieser Eindruck noch durch die Wirkungslosigkeit des Scud-Einsatzes: Die Rakete, die nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums der Rebellen-Stadt Brega gegolten haben soll, landete - ohne Schaden anzurichten - etwa 80 Kilometer von ihrem Ziel entfernt in der Wüste.

Unterdessen wächst in Tripolis der Druck auf das Regime. In einigen Vierteln der Hauptstadt liefern sich Aufständische und die Gaddafi-Truppen inzwischen jede Nacht Schießereien, berichten Augenzeugen.

Die Kampfaufrufe Gaddafis an seine Anhänger werden derweil im Ton immer verzweifelter: "Macht euch bereit zum Kampf! Das Blut der Märtyrer ist der Treibstoff für das Schlachtfeld", tönte der Oberst zuletzt in einer vom staatlichen Fernsehen übertragenen Audiobotschaft. "Voran, greift zu den Waffen, zieht in den Kampf zur Befreiung Libyens aus den Händen der Verräter und der Nato, Zentimeter um Zentimeter", appellierte Gaddafi, der zeitweilig klang, als spräche er aus einem unterirdischen Bunker. Die Qualität der Übertragung war schlecht, gelegentlich war der Ton unterbrochen.

Enge Vertraute setzen sich von Gaddafi ab

Gaddafi hatte am Montag eine weitere Niederlage hinnehmen müssen, als sein Innenminister Nasr Mabruk sich mitsamt seiner Familie nach Ägypten absetzte. Mabruk traf mit einem Privatflugzeug von Tripolis kommend in Kairo ein. Er sei in Begleitung von neun Familienangehörigen mit Touristenvisum eingereist, hieß es aus Sicherheitskreisen am Kairoer Flughafen: Es sieht so aus, als habe Mabruk Gaddafi die Gefolgschaft aufgekündigt und sich ins Exil begeben. Denn zu einem offiziellen Besuch ist Mabruk nicht in Kairo: Die Nachrichtenagentur AP meldete, Mabruk sei am Flughafen nicht von Angehörigen der libyschen Botschaft empfangen worden.

Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert einen britischen Regierungsbeamten, der die scheinbare Flucht Mabruks mit großem Interesse bemerkt hatte. Mabruk sei als Hardliner und treuer Gaddafi-Mann bekannt, so der Brite danach. Sollte sich bestätigen, dass er sich jetzt vom Oberst losgesagt habe, sei das "bedeutsam".

Die Erfolge der Rebellen bleiben offenbar nicht ohne Wirkung: Vertreter der libyschen Regierung und der Rebellen hätten am Sonntagabend in Tunesien Verhandlungen über eine politische Lösung aufgenommen, sagte eine Person mit direkter Kenntnis der Gespräche der Nachrichtenagentur Reuters. Das Treffen finde in einem Hotel auf der Insel Djerba nahe der Grenze zu Libyen statt.

Ein Sprecher der libyschen Regierung dementierte den Bericht und sprach von Kriegspropaganda. Er bekräftigte, dass Gaddafi nicht das Land verlassen werde. Der Uno-Sonderbeauftragte Abdel Elah al-Khatib traf unterdessen in Tunesien ein, wie das tunesische Außenministerium mitteilte. Dort wolle der frühere jordanische Außenminister Vertreter der libyschen Kampfparteien treffen.

Mit Material von Reuters und dpa

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1. Soso
kundennummer 16.08.2011
Zitat von sysopDie Ramadan-Offensive der libyschen Rebellen zeigt Wirkung: Sie haben strategisch wichtige Orte eingenommen, kommen einem Sieg über Gaddafi näher.*In der Hauptstadt Tripolis macht sich Untergangsstimmung breit. Ein weiterer Vertrauter wendet sich von dem Despoten ab. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,780600,00.html
Erstaunlicherweise berichtet Presse aus Nicht-NATO-Staaten so ganz anders über die Lage der "humanitären Intervention mit den kinetischen Einwirkungen". Man muß eben wieder "Feindsender" hören um die Frontbegradigungen realistisch einzuordnen.
2. Führt Aushungern zu mehr Akzeptanz der "Rebellen" bei der Bevölkerung?
green_mind 16.08.2011
Zitat von sysopDie Ramadan-Offensive der libyschen Rebellen zeigt Wirkung: Sie haben strategisch wichtige Orte eingenommen, kommen einem Sieg über Gaddafi näher.*In der Hauptstadt Tripolis macht sich Untergangsstimmung breit. Ein weiterer Vertrauter wendet sich von dem Despoten ab. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,780600,00.html
Die angeblich legitime Regierung Libyens schneidet also einen Großteil ihres unwilligen Volkes von der Versorgung ab, damit es den Übergangsrat endlich anerkennt. Ich bezweifle, dass diese Taktik des Aushungerns zur Akzeptanz des NTC bei der Bevölkerung führt. Das Ausbomben durch die herbeigerufene Nato hat ja auch schon nicht funktioniert. Wer bei solchen Taktiken leidet, ist immer die Bevölkerung. Waffenstillstand sofort!
3. Wieso "Despot"?
ohnefilter 16.08.2011
Zitat von sysopDie Ramadan-Offensive der libyschen Rebellen zeigt Wirkung: Sie haben strategisch wichtige Orte eingenommen, kommen einem Sieg über Gaddafi näher.*In der Hauptstadt Tripolis macht sich Untergangsstimmung breit. Ein weiterer Vertrauter wendet sich von dem Despoten ab. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,780600,00.html
Wieso nenn Sie ihn Despot? Kennen Sie ihn persönlich? Die meisten Libyer schätzen ihn als tatkräftigen Präsidenten und wachen Kritiker des Westens. Mit Mut und Tatkraft setzt er sich gegen die kapitalistischen Invasoren zur Wehr, die nur an das Öl denken.
4. Titel
pingpong 16.08.2011
Zitat von green_mindDie angeblich legitime Regierung Libyens schneidet also einen Großteil ihres unwilligen Volkes von der Versorgung ab, damit es den Übergangsrat endlich anerkennt. Ich bezweifle, dass diese Taktik des Aushungerns zur Akzeptanz des NTC bei der Bevölkerung führt. Das Ausbomben durch die herbeigerufene Nato hat ja auch schon nicht funktioniert. Wer bei solchen Taktiken leidet, ist immer die Bevölkerung. Waffenstillstand sofort!
Genau lesen! Die aktuelle Situation _ermöglicht_ ein Abschneiden...auch wenn der Titel der Diskussion etwas anderes vermuten lässt. Wie Sie richtig sagen, wäre ein tatsächliches komplettes Abschneiden von Tripolis von jedem Nachschub wohl taktisch eher ungünstig. kundennummer und ohnefilter machen hier wieder die Unbeirrbaren. Aber für die "Feindsender" kriegen Sie immerhin einen Bonuspunkt für die lustigste neue sehr alte Vokabel in diesem unsinnigen Grundsatzstreit.
5. Schnellmerker
Edoe 16.08.2011
Interessant, dass auch der Spiegel sich nun langsam der WIrklichkeit stellt. Das ganze Gerede von "Stillstand" ("stalemate") stimmte die ganze Zeit nicht, von anfang an gibt es an der einen oder anderen Front Fortschritte für die Rebellen, nach dem Nato-Eingriff vor allem im Westen. Warum man dies in unseren Medien nicht oder nur bei genauer Suche erfuhr, ist eine eigene Frage.
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Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt:
Akila Salih Issa

Regierungschef: Fayez al-Sarraj (nominiert)

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