Bürgerkrieg in Somalia "Der Widerstand gegen die verhassten Äthiopier lässt sich nicht stoppen"

Hunderttausende sind in Somalia auf der Flucht, der Guerillakrieg der gestürzten Islamisten gegen die Regierung hat sich verschärft. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Scheich Scharif Ahmed, Führer der Islamischen Gerichte, warum er das Töten nicht beendet.


Kairo - Somalia versinkt im Chaos. Über die Hälfte der Bewohner Mogadischus ist vor den wachsenden Gräueln des Bürgerkriegs geflohen. In der Hauptstadt toben die schwersten Kämpfe seit Monaten. Die gestürzten Islamisten gehen weiter gegen die somalische Übergangsregierung vor, die von der äthiopischen Armee unterstützt wird. Diese war an Weihnachten 2006 nach Somalia einmarschiert, um der Herrschaft der Scharia-Richter ein Ende zu machen.

Zuvor hatte die unter der Kurzformel "al-Mahakim" bekannte Sammlung lokaler islamischer Vereinigungen mit Hilfe weiter Teile der Bevölkerung die Terrorherrschaft rivalisierender Warlords beseitigt. Nach Jahren territorialer Zersplitterung schuf sie Ansätze einer Zentralregierung. Doch die Islamisten entzweiten sich. Es kam zu internen Auseinandersetzungen zwischen einem kleinen radikalislamischen Flügel und dem gemäßigten Politiker Scheich Scharif Ahmed.

Die neuen, islamistischen Herren in Mogadischu galten den abgehalfterten Anhängern einer wenig repräsentativen "nationalen Regierung", die aus nach Kenia und in den Sudan geflohenen Exilpolitikern zusammengesetzt war, als Wegbereiter islamistischer Terrorgruppen, die im Dunstkreis der afghanischen Taliban und Osama Bin Ladens al-Qaida operieren würden.

Infolgedessen schlugen sich die USA in dem blutigen Machtkampf auf die Seite der "nationalen Regierung". Der Einmarsch der äthiopischen Armee zur Stützung der von den meisten Stammesverbänden nicht anerkannten Regierung führte zu einer Ausweitung des Bürgerkriegs. Auch die gezielte Reaktivierung mafiaähnlicher Milizen verschärfte den Konflikt, die islamische "al-Mahakim" erstarkte.

SPIEGEL ONLINE: Scheich Scharif, warum geben Sie ihren Rebellen nicht den Befehl zur sofortigen Feuereinstellung?

Scheich Scharif: Da bin auch ich machtlos. Der volksweite Widerstand gegen die verhassten äthiopischen Besatzungstruppen, die in jedem somalischen Patrioten einen Feind sehen, lässt sich nicht stoppen.

SPIEGEL ONLINE: Es geht doch nicht nur um die Äthiopier, Sie kämpfen mit allen Mitteln gegen die Armee der legitimen Somali-Regierung.

Scheich Scharif: Die sogenannte legale Regierung ist eine Farce. Freie Wahlen, die den Namen verdienen, hat es ja nicht gegeben. Aus einem ehrlichen nationalen Dialog, wie wir ihn schon immer gefordert haben, schließen sie uns mit fadenscheinigen Argumenten aus. Kritiker wandern ohne Prozess ins Gefängnis oder verschwinden spurlos, nur weil sie die militärische Kollaboration mit jenem Äthiopien verurteilen, das seit Jahrzehnten Millionen von Somalis unterdrückt und ...

SPIEGEL ONLINE: ... Sie spielen auf die ost-äthiopische Provinz Ogaden an, die von Somalis bewohnt wird und die bereits der letzte amtierende somalische Staatspräsident Siad Barre "befreien" wollte ...

Scheich Scharif: ... wie könnten wir die international anerkannten Staatsgrenzen Äthiopiens in Frage stellen, wo doch unser eigenes Land Somalia in mehrere Regionen auseinanderbricht, in denen lokale Interessengruppen die Macht an sich gerissen haben und unkontrolliert mit jedermann ihre Geschäfte treiben? Sie brauchen keine Geheimdienste zu bemühen, um festzustellen, dass Äthiopien und Kenia, aber auch andere Länder der Region ziemlich offen in Somalia mitmischen. Das somalische Volk, das im Augenblick nur noch von der gemeinsamen Sprache und dem Islam zusammengehalten wird, spielt aber nicht länger mit. Der Widerstand gegen die Äthiopier und ihre Handlanger in Somalia greift immer weiter um sich und wird das Regime über kurz oder lang hinwegfegen.

SPIEGEL ONLINE: Die Äthiopier sind einmarschiert, um das Abgleiten Somalias in ein islamistisches Staatswesen zu verhindern.

Scheich Scharif: Das war ein haltloser Vorwand und komplizierte die Lage noch mehr. Wir hatten niemals vor, eine islamische Republik auszurufen.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Marschrichtung war doch eindeutig. Alkohol und Musik wurden bereits verboten, Frauen mussten sich verschleiern. Einige Ihrer Koalitionspartner bekundeten sogar offen Sympathie für die Mudschahidin in Afghanistan. Hatte das Terrornetzwerk der al-Qaida in Somalia nicht bereits Fuß gefasst?

Scheich Scharif: Das war eine üble Verleumdung. Auch wenn einige wenige unserer Mitstreiter eine strengere Auslegung der islamischen Rechtssprechung befürworteten, blieb es den Bürgern überlassen, sich nach islamischen Gepflogenheiten nach eigenem Gutdünken zu orientieren. Ich war und bin auch heute strikt dagegen, den al-Qaida-Verbrechern und ihresgleichen auf somalischem Boden Asyl zu gewähren.

SPIEGEL ONLINE: Das würde ja schon deswegen nicht gehen, weil die Regierungstruppen das Heft nach wie vor in der Hand haben.

Scheich Scharif: Die Regierungstruppen kämpfen mit dem Rücken zur Wand. Sie kontrollieren nur noch fünf Prozent des Territoriums. Die Äthiopier, deren Armee das eigentliche Rückgrat der somalischen Regierung bildet, sind wenig motiviert. Sie bewegen sich in einem besetzten Land, morden und brandschatzen aufs Gratewohl, wohlwissend, dass sie früher oder später wieder abziehen müssen. An dem Tag, an dem der letzte äthiopische Panzerwagen Somalia verlässt, bricht das Regime wie ein Kartenhaus zusammen. Jeden Tag gewinnen wir an Boden, es ist nur eine Frage der Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, es wird noch lange Blut fließen. Stimmt es, dass Eritrea Sie mit Waffen und Geld versorgt?

Scheich Scharif: Obwohl Eritrea seine Erfahrung mit dem expansionistischen und rassistischen Regime in Addis Abeba hat, liefert es uns weder Waffen noch anderweitige logistische Unterstützung. Wir halten durch, weil uns die somalische Bevölkerung zur Seite steht. Waren es zuerst die Studenten und die Kaufleute, so sind es heute alle Bevölkerungsschichten, die uns den Rücken stärken. Unser Einfluss nimmt unaufhaltsam zu.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach Wunschdenken. Wenn Sie wirklich Frieden und Demokratie wollen, müssten Sie doch die Vereinten Nationen um tatkräftige Mithilfe bemühen?

Scheich Scharif: Wenn die internationale Völkergemeinschaft nicht länger die Augen verschließt vor der fortwährenden Verletzung der Menschenrechte in Somalia und bereit ist, ein neues Kapitel aufzuschlagen, begrüßen wir das natürlich. Doch danach sieht es leider nicht aus. Dennoch bleibe ich dabei: Wenn statt schießwütiger äthiopischer Besatzer wirklich neutrale Blauhelme in unsere geschundene Heimat einziehen, die Abhaltung freier Wahlen ermöglichen und den Übergang in eine von Frieden und Wiederaufbau geprägten Zukunft sicherstellen, heißen wir sie sehr willkommen. Das Europaparlament in Straßburg hat bereits den ersten Schritt getan: Es verhängte ein Waffenembargo gegen die Regierung von Somalia aus Protest gegen die Verletzung der Menschenrechte.

Das Interview führte Volkhard Windfuhr



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