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Syrien: Rebellen entführen gezielt ausländische Reporter

Von , Beirut

Machtkampf der Rebellen: Entführte Reporter in Syrien Fotos
AFP

Radikalislamisten machen in Syrien offenbar gezielt Jagd auf ausländische Journalisten, 20 westliche Reporter haben sie bereits in ihrer Gewalt. Lösegeld ist nicht das Ziel, die Gefangenen scheinen als Pfand im Machtkampf unter den Rebellen zu dienen.

Die beiden Spanier waren schon fast in Sicherheit, als die Entführer am 16. September zuschlugen: Keine 15 Autominuten von der türkischen Grenze entfernt wurden Javier Espinosa, Ricardo García Vilanova und ihre Eskorte, die aus Kämpfern der Freien Syrischen Armee bestand, am letzten Checkpoint auf syrischem Territorium angehalten und entführt. Von ihren später freigelassenen Begleitern weiß man, dass es sich bei den Männern am Checkpoint um Mitglieder der Rebellentruppe "Islamischer Staat in der Levante" (Isis) handelte.

Für die Radikalislamisten waren die beiden Spanier ein großer Fang. Seit Frühsommer dieses Jahres haben sich Isis und andere Extremistengruppen in Syrien offensichtlich darauf verlegt, gezielt ausländische Reporter zu kidnappen. Inzwischen werden 20 ausländische Journalisten in Syrien gefangenen gehalten, sagte Ayman Mhanna vom Skeyes Zentrum für Medien und kulturelle Freiheit am Dienstag in Beirut. Einige der vermissten Journalisten seien in der Hand des Regimes, die meisten aber würden von Extremistengruppen gefangen gehalten.

Neben den ausländischen Reportern seien auch etwa zehn syrische Kollegen in der Hand von Entführern. Etwa 55 Journalisten sind seit Ausbruch der Kämpfe im Frühjahr 2011 in Syrien getötet worden.

Versuche, Espinosa und García freizukaufen, misslangen. Die Islamisten scheinen es nicht auf Lösegeld abgesehen zu haben. Die Ausländer gelten ihnen stattdessen als eine Art Lebensversicherung, heißt es aus Extremistenkreisen. Isis und ähnliche radikale Gruppen werden inzwischen nicht nur vom Regime, sondern auch von gemäßigteren syrischen Rebellengruppen bekämpft. Die westlichen Reporter in ihrer Gewalt sind für sie eine Art Joker, um sich Zugeständnisse von den - um das Wohl der Westler besorgten - gemäßigten Rebellen erkaufen zu können.

Aus diesem Grund jagen die Islamisten offenbar zunehmend auch andersdenkende Rebellen. Am Dienstag wurden in einem von Rebellen kontrollierten Gebiet nahe Damaskus vier bekannte Menschenrechtler verschleppt. Unter den Entführten sind auch die bekannte Frauenrechtlerin Rasan Saituneh und ihr Ehemann Wael Hamada. International wird die Tat scharf kritisiert.

"Noch eine Leiche, noch ein Begräbnis"

In der Stadt Raka sollen die Islamisten ein Gefängnis eigens für ihre Entführungsopfer eingerichtet haben, sagen Beobachter. Neben den Journalisten Espinosa und García würden dort auch mindestens fünf weitere Westler und eine nicht näher bekannte Zahl Syrer einsitzen. An einem anderen Ort soll Isis mindestens vier Franzosen gemeinsam gefangenhalten: Didier Francois und der Fotograf Edouard Elias, die im Juli entführt wurden, und Nicolas Henin und Pierre Torres, die im Juni in Gefangenschaft gerieten.

Espinosa und der Fotograf García waren erfahrene und international bekannte Kriegsreporter. Über die Risiken ihrer Arbeit waren sie sich bewusst. Espinosa etwa war im Homser Stadtteil Baba Amr, als eine Rakete die neben ihm stehende US-amerikanische Reporterin Mary Colvin und den französischen Fotografen Remy Ochlik tötete. Dass Espinosa sich unmittelbar nach dem Angriff nicht nur um seine eigene Sicherheit und die anderer westlicher Reporter kümmerte, sondern half, verwundete Syrer zu evakuieren, brachte ihm in den Kreisen der syrischen Rebellen größten Respekt ein.

Vor ihrer Verschleppung waren die Spanier zwei Wochen lang im Auftrag der spanischen Tageszeitung "El Mundo" in der syrischen Provinz Deir al-Sor unterwegs. Sie dokumentierten die dortigen Kämpfe zwischen dem Regime und Rebellen, aber auch den Kampf der Zivilisten ums Überleben. "Noch eine Leiche, noch ein Begräbnis, noch ein Erdloch im Park", twitterte Espinosa am 15. September von einer Beerdigung.

Es war sein vorerst letztes Lebenszeichen.

Dass die Geschichte der beiden Spanier nun öffentlich gemacht wurde, ist eine Entscheidung der Lebensgefährtin Espinosas. Nachdem sie wochenlang versucht habe, mit den Entführern zu verhandeln, sei sie nun zu dem Schluss gekommen, dass eine Nachrichtensperre nicht länger sinnvoll sei, sagte Mónica García Prieto am Montag in Beirut. Zeitgleich wandte sich die Familie Garcías in Spanien an die Öffentlichkeit.

García Prieto appellierte an das syrische Volk, sich für die Freilassung ihres Partners einzusetzen. "Javier und Ricardo sind nicht eure Feinde", sagte sie auf einer Pressekonferenz. Sie und ihr Partner hätten große Opfer auf sich genommen, um über die Tragödie Syriens zu berichten.

Nun sei es an den Syrern, die Revolution zu ehren, indem sie die Journalisten freiließen.

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Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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