Bürgerkrieg in Syrien Assad zeigt sich im Staatsfernsehen

Baschar al-Assad spielt im Fernsehen Normalität vor und vereidigt den neuen Verteidigungsminister. Doch zur selben Zeit rücken Panzer in den Straßen von Damaskus vor, wird in vielen Stadtteilen erbittert gekämpft. Zehntausende Bürger sind auf der Flucht in den Libanon.

Baschar al-Assad: Syriens Präsident zeigt sich erstmals seit dem Anschlag im Fernsehen
REUTERS

Baschar al-Assad: Syriens Präsident zeigt sich erstmals seit dem Anschlag im Fernsehen


Damaskus - Die Hauptstadt ist im Kriegszustand. Hubschrauber feuern auf die Rebellen, im Süden von Damaskus rücken Panzer vor. Im Vorort Irbin habe es bereits am frühen Morgen mehr als hundert Verletzte gegeben, berichtete ein syrischer Aktivist dem Reporter des SPIEGEL. Danach sei die Armee abgezogen worden, damit der Vorort mit Artillerie und aus der Luft weiter beschossen werden könne.

Auch in Harasta bereite die Armee einen Beschuss mit Artillerie vor. Die oppositionellen Lokalen Koordinierungsräte meldeten auch aus den Vororten Berseh und At-Tal Artilleriebeschuss. At-Tal war bisher vom syrischen Regime verschont geblieben. In dem Vorort Sajjida Sainab sei ein Trauerzug von Regimekräften beschossen worden, wobei nach Oppositionsangaben mehrere Dutzend Menschen ums Leben kamen.

Am Mittwoch hatten Sympathisanten der Opposition noch gejubelt - über den gelungenen Schlag der Rebellen gegen den engsten Kreis um Diktator Baschar al-Assad. Doch die Lage ist nun sehr ernst, das ist allen bewusst: "Gestern war ein Tag des Jubels, heute sehen wir die Dinge anders", sagt Mohammed, ein junger Aktivist im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Denn auf die offizielle Erklärung im Staatsfernsehen, dass vier enge Vertraute Assads getötet wurden, folgte eine Nacht, in der das Regime brutal gegen die Aufständischen in Damaskus und seinen Vororten vorging.

Auch wenn die Macht Assads von Tag zu Tag schwindet, versuchen dessen Leute verbissen, an der Hauptstadt festzuhalten. Um zu demonstrieren, dass er selbst noch Herr der Lage ist, zeigte sich Baschar al-Assad am Donnerstag im Staatsfernsehen. Die Aufnahmen entstanden angeblich in seinem Palast bei der Vereidigung des neuen Verteidigungsministers. Dieser soll Dawud Radschiha ersetzen, der am Mittwoch ums Leben gekommen sein soll.

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Kampf gegen Assad: Der Bürgerkrieg eskaliert
Nach wie vor gibt es keine Bilder oder Augenzeugenberichte vom Anschlag. Auch über die Hintermänner ist weiterhin nichts bekannt. Das syrische Staatsfernsehen hatte am Mittwoch erklärt, ein Leibwächter der Sicherheitsberater Assads habe sich in die Luft gesprengt. Die syrische Opposition erklärte hingegen, sie habe den Sprengstoff im Versammlungsraum versteckt und ferngezündet.

Flucht in den Libanon

Im Zentrum von Damaskus selbst sei es am Donnerstagmittag nicht zu Kämpfen gekommen, sagte Mohammed SPIEGEL ONLINE. Fast an jeder Straßenecke stünden Sicherheitskräfte des Regimes. "Ich habe keine Panzer gesehen und auch nur wenige Menschen. Jeder hat Angst und bleibt zu Hause." Auch seien fast alle Geschäfte geschlossen. Es gebe kaum noch Lebensmittel zu kaufen.

Aus Jarmuk im Süden der Stadt erzählte ein Anwohner, dass seit Mittwochabend Panzer in den Straßen rollten. Aus dem Stadtviertel Midan wurden ähnliche Szenen gemeldet. YouTube-Videos, die am Donnerstag in dem Viertel aufgenommen worden sein sollen, zeigten einzelne zerschossene Häuser. Nach Angaben der oppositionellen Lokalen Koordinationsräte wurden auch im Stadtteil Kafr Susa Häuser beschossen. Der Stadtteil Mezze soll aus der Luft aus Helikoptern beschossen worden sein.

Aus Angst vor der Gewalt des Regimes haben offenbar zehntausende Familien die Flucht ergriffen. Allein in den benachbarten Libanon sollen in den vergangenen 24 Stunden etwa 20.000 Syrer eingereist sein, berichtete ein Grenzposten der Nachrichtenagentur Reuters. Syrer brauchen für die Ausreise in den Libanon kein Visum.

Auch in anderen Teilen des Landes gingen die Gefechte offenbar weiter. An der türkischen Grenze höre man kontinuierlich Schüsse, und schwarzer Rauch steige auf, berichtete ein Reporter der Nachrichtenagentur Reuters. Aufständische würden versuchen, den Grenzort Bab al-Hawa zu erobern. Es sei das dritte Mal in zehn Tagen, dass die Aufständischen den Ort angriffen. Das syrische Regime halte mit Kampfhubschraubern dagegen an. Am Abend meldeten Kämpfer der Armee die Einnahme des Grenzpostens.

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Auch an der irakischen Grenze haben Truppen der Opposition offenbar die Kontrolle übernommen: "Die Gesamtheit der Grenzposten zwischen dem Irak und Syrien wird fortan von der Freien Syrischen Armee kontrolliert", sagte der irakische Vize-Innenminister Adnan al-Assadi. Aus Stadtteilen von Aleppo und Homs meldete die Opposition erneuten Artilleriebeschuss durch das Regime.

Die Internationale Gemeinschaft konnte sich im Uno-Sicherheitsrat zu keiner gemeinsamen Position durchringen. Russland und China lehnten Sanktionen gegen das syrische Regime erneut ab. Das Veto der beiden Staaten hat international Enttäuschung ausgelöst. "Mit ihrer Blockadehaltung stärken Moskau und Peking genau jenen Kräften den Rücken, die die Spirale der Gewalt weiter drehen wollen", sagte der deutsche Außenminister Guido Westerwelle.

Auch die US-Regierung äußerte sich unzufrieden: Russland und China hätten sich "auf die falsche Seite der Geschichte" gestellt, sagte Jay Carney, der Sprecher des Weißen Hauses. Zugleich betonte Carney, das Scheitern des Sicherheitsrats bedeute auch das Ende der internationalen Beobachtermission: Die USA würden es nicht unterstützen, unbewaffnete Uno-Mitarbeiter zur Beobachtung der "Brutalität des Assad-Regimes" nach Syrien zu schicken.

ras/AFP/dapd

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Seite 1
landner 19.07.2012
1. optional
---Zitat--- Aus Angst vor der Gewalt des Regimes haben offenbar zehntausende Familien die Flucht ergriffen. ---Zitatende--- Alle diese Menschen haben nur Angst vor dem Regime? Nicht etwa Angst vor dem Krieg, ausgerufen als "Operation Volcano"? Zu Krieg und Frieden gehören zwei. Und wer angreift ohne zu verhandlen wissen wir doch jetzt wirklich alle.
lifeguard 19.07.2012
2.
Zitat von landnerAlle diese Menschen haben nur Angst vor dem Regime? Nicht etwa Angst vor dem Krieg, ausgerufen als "Operation Volcano"? Zu Krieg und Frieden gehören zwei. Und wer angreift ohne zu verhandlen wissen wir doch jetzt wirklich alle.
die leute fliehen vor der schlacht und der zu erwartenden, heftigen reaktion des regimes. damaskus ist eine todeszone für jeden, der sich da noch aufhält. beide seiten werden noch viel weniger gewillt sein, miteinander zu reden als sie es schon vorher waren. und abgesehen davon ist der zug für verhandlungen schon lange abgefahren ich hab es in einem früheren post von mir geschrieben: beiden seiten können diesen krieg nicht gewinnen. egal wie es in damaskus weiter-bzw-ausgeht
alnemsi 19.07.2012
3.
Zitat von lifeguarddie leute fliehen vor der schlacht und der zu erwartenden, heftigen reaktion des regimes. damaskus ist eine todeszone für jeden, der sich da noch aufhält. beide seiten werden noch viel weniger gewillt sein, miteinander zu reden als sie es schon vorher waren. und abgesehen davon ist der zug für verhandlungen schon lange abgefahren ich hab es in einem früheren post von mir geschrieben: beiden seiten können diesen krieg nicht gewinnen. egal wie es in damaskus weiter-bzw-ausgeht
Bedeutet das also, dass es in absehbarer Zeit drei Millionen Tote in und um Damaskus geben wird? Wie kommen Sie darauf? Die Gegend von Damaskus ist seit über elftausend Jahren kontinuierlich besiedelt, glauben Sie mir, Damaskus ist keine Todeszone und wird es auch nicht werden, die momentanen Unruhen sind nicht mal annähernd vergleichbar mit dem Putsch von Hafez al Assad, geschweige denn mit dem Aufstand, den die Franzosen Anfang des letzten Jahrhunderts niederschlugen. So hart es auch klingt, dass Leben der Menschen geht weiter, es gibt bereits dutzende kurzfristig gegründete Organisationen zur Selbsthilfe, die Rebellen wurden wesentlich zurückgedrängt, in ein paar Tagen ist der Spuk vorbei, und in Damaskus kehrt wieder Ruhe ein.
johnny01 19.07.2012
4. Assads letzte Tage sind angebrochen
Nach der gelungen Operation "Walküre" sind nun definitiv die letzten Tage Assad und seines verbliebenen Clans angebrochen. Immer mehr Soldaten desertieren und kämpfen auf der Seite der Opposition. Eine politische Lösung - auch wenn die Hoffnung noch so klein war - wird es jetzt nicht mehr geben. Die syrische Opposition bedarf dieser Lösung auch nicht mehr, daran hat das russisch-chinesische Veto von heute nichts geändert. Wer allerdings glaubt, dass es nun schnell gehen wird, irrt. Die Loyalität der 20 Tausend Mann starken 4. Republikanischen Garde (überwiegend mit Allawiten und Drusen besetzt) mit den Assad-Brüdern bleibt bis zum bitteren Ende. Das gilt auch für die die 30 Tausend Mann starke Präsidentengarde. Der überwiegende Rest der Armee sind quasi in Schutzhaft und können nicht eingesetzt werden. Auf die sunnitischen Soldaten können sich die Assads nicht mehr verlassen. Eigentlich können Sie sich auf niemanden verlassen. Das hat die Operation "Walküre" gestern gezeigt - auch wenn der Schwager Schaukat möglicherweise schon seit acht Wochen tot ist. Aber das ändert auch nichts mehr.
HolyGhost 19.07.2012
5. welche Schlacht ?
Zitat von lifeguarddie leute fliehen vor der schlacht und der zu erwartenden, heftigen reaktion des regimes. damaskus ist eine todeszone für jeden, der sich da noch aufhält. beide seiten werden noch viel weniger gewillt sein, miteinander zu reden als sie es schon vorher waren. und abgesehen davon ist der zug für verhandlungen schon lange abgefahren ich hab es in einem früheren post von mir geschrieben: beiden seiten können diesen krieg nicht gewinnen. egal wie es in damaskus weiter-bzw-ausgeht
Das läuft doch nicht wie bei "Braveheart", wo sich 2 Ansammlungen von Kämpfern gegenseitig die Schädel einschlagen. Wenn überhaupt, wird es einen langen und zähen Häuserkampf geben. Natürlich kommen auf Regierungsseite auch Panzer, Geschütze und Hubschrauber zum Einsatz. Ich glaube auch nicht, dass ganz Damaskus eine Todeszone ist. Diese Darstellung erscheint mir schon sehr übertrieben. Dass die Bevölkerung versucht sich in Sicherheit zu bringen, ist eine normale Reaktion. Zu viele sind schon zwischen die Fronten geraten und dabei getötet worden. Von beiden Seiten.
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