Bürgerkrieg in Syrien Chat aus der Hölle

Homs ist umzingelt, wird von Assads Truppen beschossen. Der Student Firas Alsaid dokumentiert das Grauen in der Stadt, per Foto und Video auf Facebook. Die deutsche Aktivistin Michaela Holzer chattet täglich mit ihm. Hier ihr Protokoll.

REUTERS

Michaela Holzer (22:45): Firas!
I am very happy that you are alive!!!
Every day I think it cannot get worse!!!
And then it gets worse!!

Firas Alsaid (23:34): thank u so much ...i am also happy that i am alive.. i am still ok but it is so bad here

Firas sitzt in der Hölle von Homs. Ich sitze in meinem Wohnzimmer in Regensburg. Wir sind verbunden via Facebook, und so werde ich Zeuge des Blutvergießens in Syrien. Die minutiöse Dokumentation der Gräuel ist das Neue an diesem Krieg. Seit Mitte April 2013 chatte ich mit dem 24-jährigen Studenten Firas Alsaid aus Talbisah, einem Vorort von Homs.

Er hatte mir eine Freundschaftsanfrage geschickt, weil ich für zwei Hilfsorganisationen arbeite, den Deutsch-Syrischen Verein in Weiterstadt und den Orienthelfer in München, die sich um die Verbesserung der humanitären Lage in Syrien bemühen.

Firas hat es sich zur Aufgabe gemacht, die täglichen Vorkommnisse zu fotografieren oder zu filmen und sie ins Netz zu stellen. "Das ist das Einzige, was wir tun können", sagt mir Firas. Der internationalen Gemeinschaft seien die eingeschlossenen Menschen gleichgültig, "sonst hätten sie uns längst geholfen". Die Filme und Fotos, die Firas ins Netz stellt, zeigen bombardierte Häuser, zerfetzte Leiber und vor Schmerz schreiende Kinder. Das unvorstellbare Leiden eines Krieges.

Seit zwei Jahren wird Homs beschossen. Mal werden TNT-Fässer von Hubschraubern auf Wohnviertel abgeworfen, mal sind es Streubomben von russischen MiGs, die auf Talbisah herabfallen, meistens sind es Granaten oder Raketen, die von Panzern abgefeuert werden. Danach eilt Firas in die Feldlazarette, um seine Arbeit zu tun.

Im Facebook-Chat schreibt er dann:

.

Firas Alsaid (01:47): only today i have seen four corpses

Michaela Holzer (01:48): puhhhhh
unbelievable
this mother with her two children?

Firas Alsaid (01:48): two daughters
Sandy and Inas
8 and 5

Michaela Holzer (01:50): hmm...and the father survived?

Firas Alsaid (01:50): yes ... he was shocked
they were collecting the remains of his family in front of him

Michaela Holzer (01:58): oh God!!! How terrible!!!!
this poor man must have gone mad!!!
were they shelled while staying in their house?

Firas Alsaid (02:00): i stayed with him about one hour he didnot say any word

Michaela Holzer (02:00): oh God!!
he is probably completely shocked and paralized
where is he now?

Firas Alsaid (02:01): the shelled the balcony
there were sitting there cuz it was hot

Es komme so gut wie keine humanitäre Hilfe in Homs an, von Waffen ganz zu schweigen, berichtet mir Firas immer wieder deprimiert. Und seit dem Tod der Kriegsreporterlegende Marie Colvin im Februar 2012 wagt sich kaum ein Journalist mehr ohne Visum nach Homs.

Homs ist die drittgrößte Stadt Syriens und wurde nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs vor zwei Jahren von den Rebellen zur "Hauptstadt der Revolution" erklärt. Die Armee kontrolliert den Großteil der Stadt der 650.000-Einwohner-Stadt, versucht aber seit mehr als einem Jahr vergeblich, auch die übrigen Viertel, insbesondere die Altstadt, zu erobern.

Ende Juni erst startete das Regime eine Großoffensive, um Homs endgültig einzunehmen: Der Stadtteil Chalidija sei von Bodentruppen direkt angegriffen worden, das Viertel Dschuret al-Schijja wurde nach Angaben von Aktivisten aus der Luft beschossen, erklärte damals die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London. Auch die Stadtteile Bab Hud, Hamidija und Bustan al-Diwan seien attackiert worden. Ziel der Truppen von Staatschef Baschar al-Assad sei es, "die ganze Stadt zu kontrollieren".

Doch die Verteidiger von Homs hielten stand. Aber wie lange können sie ihren Widerstand noch aufrecht halten? Firas sagt, es gebe seit einem Jahr keinen Strom, die medizinische Versorgung sei sehr schlecht. Die Menschen hätten nicht genug zu essen, sie rechneten täglich mit dem Tod.

Michaele Holzer (23:06): … has your family thought of fleeing?

Firas Alsaid (23:07): now .... i asked them but they refused all ... i was trying to send my bro outside but he said that he will do that when i will ..... it s very difficult to understand what s going on here

Michaele Holzer (23:08): hmm...okay..try! What is going on?

Firas Alsaid (23:11): sth s dying inside us and sth is coming to life ....the future is meaningless

Aktivisten wie Firas Alsaid, die den Kontakt zur Außenwelt herstellen, beziehen den Strom aus Dieselgeneratoren. Täglich senden sie aus Homs ihre Hilferufe in die Welt.

Firas sagt, die Freie Syrische Armee baue neuerdings Steinschleudern und fertige Minen selbst an, weil sie Munition sparen müsse. Das Assad-Regime empfängt von Russland Hightech-Waffen, die Versorgung der syrischen Opposition gestaltet sich weitaus schwieriger. Versprechen und Ankündigungen gibt es viele, zuletzt hat Exil-Oppositionsführer Ahmed Jarba von schweren Waffen aus Saudi-Arabien gesprochen, aber zu den Menschen in Homs kommen keine Lieferungen durch.

Kürzlich teilte ich auf Facebook ein entsetzliches Foto, das mir Firas geschickt hatte. Das Foto zeigt ein totes Kind, dem die Gedärme aus dem Bauch quellen. Daraufhin erntete ich heftige Kritik, das sei obszöne Kriegspropaganda. Ich hatte gezögert, dieses Foto zu posten. Allerdings fragt bei den Syrern auch niemand an, ob sie denn wünschen, solch grauenhafter Bilder ansichtig zu werden. Firas' Replik auf die kritischen Kommentare lautete: "Sorry that our bloodshed annoys you."

Unsere Unterhaltungen sind für mich emotional aufreibend, weil ich oft nicht mehr weiß, wie ich Firas aufmuntern kann. Er ist in Todesmetaphorik gefangen, berichtet mir, dass er ständig von seiner eigenen Beerdigung träume. Er sagt, er habe mit seinem Leben abgeschlossen. Allein um die Frauen und Kinder mache er sich große Sorgen. Er habe das Gefühl, er müsse sie besser schützen, versage aber dabei. Er sei müde und erschöpft, immer sehe er nur Blut und Zerstörung.

.

Firas Alsaid (02:13): one of my friend who was martyred last year told me that the bullets that will kill me ... my name will be written on it so no need to fear the others

Firas will sein altes Leben zurück, er hat vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs Englische Literatur studiert, das möchte er fortsetzen. Um ihn zu motivieren, habe ich ihn, sollte er das Grauen in Syrien überleben, nach Regensburg eingeladen. Ihn und den zweijährigen Zakaria, dem ein Bein abgerissen wurde. Ich wünsche mir, dass beide wieder schöne Bilder einer intakten und friedlichen Welt zu sehen bekommen.

In seiner Verzweiflung schrieb Firas im Juli eine Mail an Barack Obama. Er fragte den US-Präsidenten, warum er sein Versprechen von Mitte Juni nicht gehalten habe, die Opposition mit Waffen versorgen. Die Angst vor den Islamisten sei unbegründet, argumentierte Firas, es gebe in ganz Syrien nicht mehr als etwa 5000 Gotteskrieger. Das Bild vom Bürgerkrieg in Syrien sei verzerrt, weil die meisten Islamisten in Aleppo seien. Und von dort berichteten nun mal die meisten Journalisten.

Firas schloss seine Mail mit "besten Grüße aus der finstersten Hölle".

Michaela Holzer (23:32): all people here fear that the Jihadists will take over control
what do you think about this?

Firas Alsaid (23:34): we will not let them to control we know what happened in Aphganistan and Iraq

Michaela Holzer (23:40): have you mt some of them?

Firas Alsaid (23:35): all the Time i fight beside them

Michaela Holzer (23:41): ahh..okay..I see...and why do they risk their lives? because of their belief in God?

Firas Alsaid (23:42): u can say that but they are extremists i believe in god but i am not like them

Michaela Holzer (23:42): so do you like them?
do you appreciate their support?

Firas Alsaid (23:43): they are brave they dont fear any thing i appreciate that but this is my country and i will put the rules for it not them


Unsere Chats sind morbide. Ich begrüße ihn täglich mit "Firas, wie schön, dass du noch am Leben bist!" Und ich ende täglich mit meiner Bitte, vorsichtig zu sein und den nächsten Tag zu überleben. Aber was nutzt die größte Achtsamkeit, wenn aus einem Helikopter eine Bombe abgeworfen wird?

Ich bin jedes Mal erleichtert, wenn ich mich in Facebook einlogge und den grünen Punkt neben seinem Namen sehe und weiß, dass er online ist. Firas bittet mich häufig darum, für Homs zu beten. Also bete ich. Etwas Besseres fällt mir nicht ein.

.

Firas Alsaid (00:04): u know most of my friend get married during the revolution now we have a belief that life must continue ....
cuz every second maybe the last

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 112 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mr_supersonic 24.08.2013
1. Guten Morgen!
Zitat von sysopAFPHoms ist umzingelt, wird von Assads Truppen beschossen. Der Student Firas Alsaid dokumentiert das Grauen in der Stadt, per Foto und Video auf Facebook. Die deutsche Aktivistin Michaela Holzer chattet täglich mit ihm. Hier ihr Protokoll. http://www.spiegel.de/politik/ausland/buergerkrieg-in-syrien-chat-aus-der-hoelle-a-916901.html
Vielen Dank für die Veröffentlichung dieser Konversation. Und vielen Dank an Frau Holzer. Auch ich kann nur beten, dass die Situation in Syrien ein gutes Ende nimmt. Ich bin auch schwer enttäuscht, dass Russland und China jegliche wirklich Unterstützung der Bürger Syriens durch ihre Blockadehaltung unmöglich macht. Ich hoffe es gibt hier weitere Nachrichten solch einer Qualität, damit all die Menschen in Deutschland, welche sich als Syrien - Experten aufspielen, endlich entblößt werden. In Syrien findet eine Tragödie biblischen Ausmaßes statt, und je länger die freie Welt zuschaut, desto mehr machen wir uns mit schuldig. Assad bekämpft keine Terroristen, sondern sein eigenes Volk.
Mesrine 24.08.2013
2. ...
wo waren wir als solche hilfeschreie anfang der 90er jahre aus dem belagerten sarajevo kamen? eine farce ist das.
pförtner 24.08.2013
3. SOS aus der Hölle
Zum V- Zeichen des Sieges gespreizte Finger, sind kein zeichen besonderer Not ! Als die Russen in Graudenz die Stadt stürmten ,hatten alle die Arme erhoben, zum Zeichen das wir wehrlos waren.
Heike111 24.08.2013
4. grausamer geht es nicht mehr,
und ich gebe Assad hier die Hauptschuld, und ich tue das seit der Krieg da begonnen hat. Früher standen sich Mann gegen Mann auf einem Schlachtfeld gegenüber, ich weiss selbst das ist lange her, und seiit wir Flugzeuge, Kampfjets und Bombe haben, brauch keiner mehr für einen Angriff auf ein Schlachtfeld ziehen. Syrien und allle Kriege derzeit sind barbarisch. Denn in den Städten sitzen unschuldige und Kinder. Es sind kleine unschuldige süsse Kinder! Und ich gebe Assad hier die Hauptschuld, denn er teilt so aus gegen sein eigenes Land. Es ist seine Aufgabe sein Land zu schützen, er ist für jedes Leben darin verantwortlich, und was macht er? Er zerreißt sein Land, und es ist ihm egal wer darin ist.
sky_3 24.08.2013
5.
Und jetzt erwarten die syrischen Rebellen das wir Ihnen Waffen geben? Waffen an jihadisten ? Wenn assad fällt entsteht ein neuer gottestaat. Assad darf nicht fallen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.