Bürgerkrieg in Syrien Die Schlacht um die Höhlen von Kalamun

In den schroffen Bergen von Kalamun nördlich von Damaskus tobt eine wichtige Schlacht: Die Truppen des Assad-Regimes wollen mit Hilfe der Hisbollah die in Höhlen verschanzten Rebellen besiegen. Den Aufständischen droht ein entscheidender Rückschlag.

SPIEGEL ONLINE

Von Ulrike Putz, Beirut


Sie war schon lange erwartet worden, nun hat sie begonnen: Die Schlacht von Kalamun, mit der das Regime in Damaskus die Nachschubroute der Rebellen kappen will. Tausende Einwohner der umkämpften syrischen Bergregion flüchteten bereits am Wochenende. Allein aus dem Ort Kara brachten sich seit dem vergangenen Freitag bis zu 20.000 Menschen in Sicherheit - meist zu Fuß über die Hügel in den Libanon, berichten libanesische Medien. Viele hätten bis zu 30 Kilometer in bergigem Gelände zurückgelegt.

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In Arsal, einer libanesischen Grenzstadt unweit des syrischen Kampfgebiets, kampierten 10.000 Menschen in Mehrzweckhallen, berichtet Basel Huscheri, der ehemalige Bürgermeister von Arsal. Die Gebäude würden sonst für Hochzeiten genutzt.

Seit Monaten schon hatten das syrische Regime, die Rebellen, internationale Analysten und Diplomaten von der anstehenden Schlacht im bis zu 2500 Meter hohen Kalamun-Gebirge gesprochen. Denn durch diese schroffen Höhenzüge, die sich von Damaskus aus etwa 150 Kilometer nach Norden ziehen, verlaufen zur Zeit die wichtigsten Nachschubrouten der Rebellen.

  • West-Ost-Route: Über Schmugglerpfade versorgen die Aufständischen die von ihnen gehaltenen Vororte von Damaskus. Die Route führt vom Libanon durch die Berge nach Syrien.
  • Nord-Süd-Route: Kämpfer, die aus den gesicherten Gebieten im Norden Syriens als Verstärkung in die Hauptstadt geschickt werden, nehmen diesen beschwerlichen Weg durch die Berge.

Sollten die Rebellen die Kontrolle über diese Region verlieren, wären ihre Stellungen in und um Damaskus ernsthaft in Gefahr. Schon jetzt gelangen zu wenig Lebensmittel, Waffen und Männer dorthin.

Die Hisbollah setzt auf einen Zwei-Stufen-Plan

Um das strategisch wichtige Gebirge zu halten, haben die Rebellen nach Schätzungen westlicher Beobachter bis zu 30.000 Kämpfer aus ganz Syrien zusammengezogen. Sogar sonst verfeindete Gruppen tun sich hier zusammen. Einheiten der Freien Syrischen Armee und der Qaida-nahen Nusra-Front kämpfen an der Seite von Kommandos der ultraislamistischen Gruppe Islamischer Staat in der Levante (Isis). Anderswo in Syrien bekriegen sich diese Gruppen inzwischen gegenseitig.

Ein Mitarbeiter von SPIEGEL ONLINE war zum Auftakt des Kampfes um Kara Ende vergangener Woche dort mit einer Isis-Einheit unterwegs. Deren Anführer - Kampfname Abu al-Nur - sagte, die Islamisten seien mit 2000 Kämpfern in den Bergen vertreten. Unter Abu al-Nurs Männern waren ausländische Dschihadisten aus Tschetschenien, Kuwait, Irak, Saudi-Arabien und dem Libanon. Abu al-Nur unterstrich die Notwendigkeit, mit rivalisierenden Rebellengruppen gemeinsame Sache zu machen.

Das Regime von Präsident Assad scheint in dieser Schlacht erneut auf das Können der Elitetruppen der libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah zu setzen. Quellen innerhalb des syrischen Offizierskorps bestätigten, dass auch in Kalamun Hisbollah-Männer die Offensive planten und anführten. Nach den ersten Kampfhandlungen zu urteilen, setzen sie dabei auf einen Zwei-Stufen-Plan. Am vergangenen Wochenende ließ sich beobachten, wie die syrische Luftwaffe und Artillerie erst Rebellenstellungen in Höhlen unter Beschuss nahm. Danach rückten Spezialeinheiten vor, um Überlebende zu jagen. Diese Stoßtrupps waren mit Raketenwerfern, auf Geländewagen aufmontierter leichter Artillerie und Scharfschützengewehren ausgerüstet.

Propaganda für die Kalamun-Schlacht

Die Schlacht um Kalamun, auf Deutsch "Anti-Libanon", wird sich vermutlich über Monate hinziehen. Denn obwohl das Regime die Lufthoheit hat, wird es schwierig werden, die in den Bergen verschanzten Rebellen zu besiegen. "Unser großer Vorteil ist, dass wir die Höhen halten und sie von unten aus den Tälern angreifen müssen", sagt Abu al-Nur. Die Chancen der Rebellen schätzt er realistisch ein: Dank seiner Luftwaffe könne das Regime die Berge vermutlich einnehmen. Doch würden seine Männer und er dafür sorgen, dass "der Kampf um Kalamun für die Hisbollah und die Armee kein Ausflug wird".

Die Hisbollah gibt sich derweil siegesgewiss. Ein eigens für die Schlacht von Kalamun produziertes Propagandavideo, in dem das Training der Hisbollah-Gebirgsjäger gezeigt wird, ist mit martialischem Gesang untermalt: "Nach Kusair kommt nun Kalamun", heißt es in Anspielung auf die empfindliche Niederlage, die das Regime und die Hisbollah den Rebellen in der Stadt zufügten. "Ihr versammelt die Armeen der Welt, die Syrien besetzen sollen. Doch die Helden kommen und die Isis wird erniedrigt werden."

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Seite 1
ein_verbraucher 21.11.2013
1. Rebellen?
Aus der Opposition sind Rebellen geworden...und gehört und gelesen hatten wir ja schon alle von der schon lang erwarteten Schlacht von Kalamun...
ontic 21.11.2013
2.
Solange dort vornehmlich Extremisten gegen Extremisten kämpfen, ist es ziemlich egal, wer "gewinnt".
erasmus89 21.11.2013
3. Frau Putz
hat offensichtlich keine eigenen Quellen bei der syrischen Armee. Sie wird doch wohl noch fähig sein, einzuschätzen, dass die syrische Armeeführung nicht so dämlich sein wird und die Berge tatsächlich großflächig mit Infantrie anzugreifen. Es ist seit längerem bekannt, dass die Generalität den Plan wie bei den Belagerungen der Damaszener Vorstädte durchführen wird. Nämlich Belagerung, abschneiden der Versorgungsrouten, Einkesselung und der Winter wird die Rebellen von alleine aus den Bergen treiben. Zusätzlich wird verstärkt auf Artillerie und Luftangriffe gesetzt. Die al Qaida Terroristen sollten sich schleunigst ergeben.
chiefseattle 21.11.2013
4. Aha
Die syrische Armee (ja, es gibt sie noch) konnte die Rebellen in die Berge zurück jagen. Ob's eine Schlacht oder ein Stellungskrieg wird, wird sich zeigen. Die Chancen für Assads Armee stehen nicht schlecht.
Blaufrosch 21.11.2013
5.
Die deutschen Medien neigen immer noch zum Meerschweinchen und negieren, dass es sich um Terroristen handelt. Schlichte Terroristen und Mörderbanden aus Tschetschenien und anderen islamischen EX-UDSSR Republiken. MItterlweile haben es aber die verschnarchten Datensammler der westlichen Nachrichtendienste kapiert, dass man solchen Leuten nicht mal eine Wasserpistole liefern sollte! Assad ist das planbarere und kleiner Übel. Oder soll Syrien auch enden wie Libyen oder Ägypten? Wieviele arabische Staaten will der Westen noch unter dem Deckmantel der Demokratie destabilisieren? Israel spielt ein gefährliches Spiel!
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