Bericht zu Kindern aus Rakka "Sie haben nicht um die Albträume gebeten"

Die Hilfsorganisation Save the Children befürchtet, dass Kinder aus der syrischen Stadt Rakka noch jahrzehntelang leiden werden - unter anderem an den psychologischen Folgen von IS-Gräueltaten und Bombenabwürfen.

Flüchtlingsjunge nördlich von Rakka
REUTERS

Flüchtlingsjunge nördlich von Rakka


Rakka ist die letzte bedeutende Hochburg in den Händen der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) - und die humanitäre Lage spitzt sich dort dramatisch zu. Viele verwundete und kranke Zivilisten haben in der eingekesselten nordsyrischen Stadt kaum oder gar keinen Zugang mehr zu medizinischer Betreuung, warnte jüngst das Nothilfebüro der Vereinten Nationen.

Doch auch die Lage derjenigen, die aus der Stadt fliehen können, ist in vielen Fällen dramatisch. Die Hilfsorganisation Save the Children befürchtet, dass aus Rakka geflüchtete Kinder noch Jahrzehnte an den psychologischen Folgen von IS-Gräueltaten und Bombenabwürfen leiden könnten. Sie hätten "nicht um die Albträume gebeten", ansehen zu müssen, wie Angehörige vor ihren Augen sterben, sagte die Syrien-Direktorin der Hilfsorganisation, Sonia Khush.

Äußerlich wirkten viele der Kinder normal, sagte Khush. "Doch innerlich werden viele von dem gequält, was sie gesehen haben."

Die Kinder, die aus der Stadt fliehen konnten, müssten nun psychologische Hilfe bekommen, damit sie mit dem Trauma "sinnloser Gewalt und Brutalität" umgehen könnten. Andernfalls drohe eine Generation von Kindern dazu verdammt zu werden, ihr Leben lang zu leiden.

"Ich blieb wach, weil ich solche Angst hatte"

Die Hilfsorganisation führte Interviews mit Kindern und ihren Familien, die aus Rakka flüchteten. "Der IS hat Menschen geköpft und ihre Leichen am Boden liegen lassen", berichtete die 13-jährige Raaschida, die vor drei Monaten mit ihrer Familie in ein Flüchtlingslager nördlich von Rakka geflohen war. Sie habe angesichts dieser Bilder nicht mehr schlafen können. "Ich blieb wach, weil ich solche Angst hatte."

Der zwölfjährige Jaakub beschrieb, wie die Terroristen Menschen die Köpfe abschlugen, und diese in einem Kreisverkehr ablegten. Bei der Flucht aus der Stadt geriet er mit seiner Familie unter Beschuss durch Scharfschützen der IS-Miliz. Einer seiner Brüder wurde bei einem Angriff verletzt.

Save the Children beklagte, Familien aus Rakka müssten eine "unmögliche Entscheidung" treffen: in der Stadt zu bleiben und sich dem Risiko von Bombardierungen auszusetzen - oder die Stadt zu verlassen und dabei von IS-Scharfschützen beschossen zu werden oder auf eine Mine zu treten.

Der IS hatte Rakka 2014 unter seine Kontrolle gebracht. Die Stadt ist vollständig von einem kurdisch geführten Bündnis eingekreist, es wird dabei von der US-geführten Anti-IS-Koalition unterstützt. Trotzdem werden aber noch große Teile der Stadt von den Dschihadisten kontrolliert. Nach Uno-Schätzungen sind noch 20.000 bis 50.000 Zivilisten in der Stadt eingeschlossen.

aar/AFP



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