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Bürgerkrieg: Syriens Oberschicht bereitet die Flucht vor

In Syrien schwindet offenbar der Glaube daran, dass sich das Assad-Regime noch lange halten kann. Informationen der US-Regierung zufolge wollen immer mehr Mitglieder der Führungsschicht möglichst schnell emigrieren - und suchen dazu Hilfe beim oppositionellen Nationalrat. Ihr Vermögen nehmen sie mit.

Bürgerkrieg in Syrien: "Der heftigste Beschuss seit Beginn der Attacke" Fotos
AFP/ Youtube

Washington - Lässt Syriens staatstragende Oberschicht den Diktator im Stich? Laut einer Meldung des US-Außenministeriums bereitet eine wachsende Zahl wohlhabender Syrer die Flucht vor. Darunter sollen auch Personen aus dem Umfeld von Präsident Baschar al-Assad sein. Sie suchen nach Angaben der US-Regierung nach einem Weg ins Ausland oder haben bereits konkrete Pläne. Man habe Informationen darüber, dass Mitglieder der Führungsschicht den oppositionellen Syrischen Nationalrat um Hilfe gebeten haben, um Geld und Verwandte aus dem Land zu schaffen, teilte das US-Außenministerium mit.

Ein Mitglied der Assad-Familie habe große Summen aus dem Land geschafft und ein hochrangiges Mitglied aus Assads Nationalem Sicherheitskreis habe sich offenbar im Ausland niedergelassen, verlautete außerdem aus Diplomatenkreisen.

Nun mag bei der Meldung der US-Regierung auch Propaganda eine Rolle spielen - unplausibel aber ist es nicht, dass sich die Oberschicht nicht mehr nur um ihr Geld, sondern zunehmend auch um ihr Leben sorgt. Denn die Gefahr rückt auch für sie näher. Erstmals seit Beginn der Proteste im März 2011 wurde am Samstag in Damaskus ein General der Streitkräfte getötet - und zwar nicht im Gefecht, sondern vor seiner Tür. Beobachter werteten den Angriff als Zeichen, dass die Gewalt auch die bislang relativ ruhige Hauptstadt erreicht hat. Brigadegeneral Issa al-Chuli sei erschossen worden, als er am Morgen sein Haus im Stadtteil Rukn Eddine in Damaskus verlassen habe, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Sana. Al-Chuli war Arzt und leitete das Militärkrankenhaus der syrischen Hauptstadt.

Wieder Dutzende Tote

In der Protesthochburg Homs und in Vororten von Damaskus gingen die Kämpfe zwischen Aufständischen und Regierungstruppen am Samstag unvermindert weiter. Nach Angaben von Aktivisten wurden bis Mittags mindestens 26 Menschen getötet. In Homs kamen demnach 20 ums Leben, sechs weitere im Umland der Hauptstadt.

"Das ist der heftigste Beschuss, seit die Attacke auf Homs vor sechs Tagen begann", sagte der Oppositionelle Mohammad Hassan. Bisher wurden in Homs nach Angaben der Regimegegner seit Beginn des Aufstands insgesamt mehr als 2850 Menschen getötet. Ein am Freitag veröffentlichtes Video zeigt oppositionelle Kämpfer, wie sie die Bewohner von Homs vor den Angriffen zu schützen versuchen. Laut Augenzeugen haben sich Heckenschützen auf den Dächern platziert, zudem geht die Armee mit Panzern und Raketen gegen die Bevölkerung vor.

Im Großraum Damaskus seien Granateneinschläge und das Feuer schwerer Maschinengewehre zu hören, berichtete der Aktivist Hani Abdullah. Auch aus al-Kusair an der syrisch-libanesischen Grenze wurden Kämpfe gemeldet. "Syrische Truppen nehmen al-Kusair seit dem frühen Morgen unter schweren Beschuss, weil dorthin viele Aktivisten und Deserteure aus al-Chalidija und dem Stadtteil Baba Amro in Homs geflohen sind", sagte der Aktivist Abu Raad. Der Oppositionelle Omar Homsi, sagte, dass die Angriffe auf die Hochburg der Assad-Gegner verstärkt wurden, um die dort verbliebenen Rebellen an der Flucht zu hindern.

Wie die staatliche syrische Nachrichtenagentur berichtete, kündigte das Innenministerium am Samstag an, den "Terrorismus auszulöschen" und "diejenigen zur Strecke zu bringen, die die Sicherheit des Landes und der Bürger aufs Spiel setzen".

Am Freitag waren in Syrien mindestens 90 Menschen getötet worden, darunter 28, die nach offiziellen Angaben einem Doppelanschlag in der nördlichen Stadt Aleppo zum Opfer fielen. Wie das Gesundheitsministerium mitteilte, wurden in Aleppo 235 Menschen verletzt. Während die staatlichen Medien "terroristische Gruppen" für die Anschläge in der bis dato von den Unruhen weitgehend verschonten Stadt verantwortlich machten, beschuldigte die Opposition das Regime von Präsident Assad, hinter der Tat zu stecken. Wegen der Medienblockade ist eine unabhängige Überprüfung der Berichte aus Syrien kaum möglich.

Uno-Vollversammlung berät über Syrien

Nun soll sich offenbar die Vollversammlung der Vereinten Nationen mit der Lage in Syrien befassen. Nach einem Bericht von CNN hat Saudi-Arabien einen Resolutionsentwurf erarbeitet, über den die Versammlung beraten soll. Zuvor hatte sich der Sicherheitsrat nicht auf eine Resolution einigen können, sie scheiterte am Veto Russlands und Chinas.

Das dreiseitige Papier verurteilt laut CNN scharf die Verletzung von Menschenrechten durch das syrische Regime. Es sei die Rede vom Einsatz von Gewalt gegen Zivilisten, willkürlichen Hinrichtungen, der Tötung und Verfolgung von Protestierenden, Verteidigern von Menschenrechten und Journalisten. Zudem enthalte der Entwurf Begriffe wie willkürliche Festnahmen, Folter, sexuelle Gewalt und Misshandlungen.

Resolutionen der Generalversammlung haben allein appellativen Charakter. Der Sicherheitsrat kann zumindest Strafmaßnahmen beschließen.

Die Menschenrechtskommissarin Navi Pillay soll am Montag die Vollversammlung über die Situation in dem Land unterrichten. Die Südafrikanerin ist dabei allerdings auf Berichte aus zweiter Hand angewiesen. Offiziell sind keine Uno-Beobachter in Syrien.

ler/dapd/dpa/Reuters

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1.
susaz 11.02.2012
Zitat von sysopAFP/ YoutubeIn Syrien schwindet offenbar der Glaube daran, dass sich das Assad-Regime noch lange halten kann. Informationen der US-Regierung zufolge wollen immer mehr Mitglieder der Führungsschicht möglichst schnell emigrieren - und suchen dazu Hilfe beim oppositionellen Nationalrat. Ihr Vermögen nehmen sie mit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,814695,00.html
Kein arabisches Regime ist bisweilen gegenüber seinem eigenen Volk so grausam gewesen; mit Ausnahme des Iraks. Die Machthaber in Damaskus sollten sich schämen! Doch ist klar, dass Syrien unter diesen Umständen niemals dem Vorbild Tunesiens folgen wird: Michael Gahler, EU-Wahlbeobachter-Chef im Interview | SÜDAFRIKA – Land der Kontraste (http://wp.me/pNjq9-3jP).
2. Oh nein!
Apologet 11.02.2012
Zitat von sysopAFP/ YoutubeIn Syrien schwindet offenbar der Glaube daran, dass sich das Assad-Regime noch lange halten kann. Informationen der US-Regierung zufolge wollen immer mehr Mitglieder der Führungsschicht möglichst schnell emigrieren - und suchen dazu Hilfe beim oppositionellen Nationalrat. Ihr Vermögen nehmen sie mit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,814695,00.html
Oh nein! Es leben Millionen von Christen in dem Land. Wenn die Aufständischen sich durchsetzen, gibt es ein großes Massaker an den Christen. Es braucht sich niemand wundern. Es war vorher absehbar. Und wieder wird es vertuscht werden. Und die westlichen Medien werden sich an der Vertuschung beteiligen.
3. Unvollständig
ewspapst 11.02.2012
Zitat von sysopAFP/ YoutubeIn Syrien schwindet offenbar der Glaube daran, dass sich das Assad-Regime noch lange halten kann. Informationen der US-Regierung zufolge wollen immer mehr Mitglieder der Führungsschicht möglichst schnell emigrieren - und suchen dazu Hilfe beim oppositionellen Nationalrat. Ihr Vermögen nehmen sie mit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,814695,00.html
In Syrien schwindet offenbar der Glaube daran, dass sich das Assad-Regime noch lange halten kann. Informationen der US-Regierung zufolge wollen "immer mehr Mitglieder" der Führungsschicht möglichst schnell emigrieren - Wieso "immer mehr"? Wer wollte denn in der letzten Zeit aus der Oberschicht das Land verlassen. Das hat uns die ominöse Informationsquelle gar nicht mitgeteilt.
4. Informationen der US-Regierung?
panzerknacker51, 11.02.2012
Zitat von sysopAFP/ YoutubeIn Syrien schwindet offenbar der Glaube daran, dass sich das Assad-Regime noch lange halten kann. Informationen der US-Regierung zufolge wollen immer mehr Mitglieder der Führungsschicht möglichst schnell emigrieren - und suchen dazu Hilfe beim oppositionellen Nationalrat. Ihr Vermögen nehmen sie mit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,814695,00.html
Na, wenn die US-Regierung das verlauten läßt, dann ist das bestimmt richtig. Dieses Nachplappern von Gerüchten erinnert mich qualitativ irgendwie an ein Presseerzeugnis mit vier Buchstaben; so nach dem Motto: Schlagzeile auf Seite 1 in 6 Konkordanz "Heiratet Boris Becker?", die Auflösung dann auf der vorletzten Seite in 8Punkt "Davon kann vorerst keine Rede sein". SpOn, SpOn, wenn das der Rudolf wüßte ...
5. Nur Bares ist Wahres
Fritz Motzki 11.02.2012
Zitat von sysopAFP/ YoutubeIn Syrien schwindet offenbar der Glaube daran, dass sich das Assad-Regime noch lange halten kann. Informationen der US-Regierung zufolge wollen immer mehr Mitglieder der Führungsschicht möglichst schnell emigrieren - und suchen dazu Hilfe beim oppositionellen Nationalrat. Ihr Vermögen nehmen sie mit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,814695,00.html
Hoffentlich haben die nichts zum Einfrieren ins Ausland transferiert. Sonst ist es nicht möglich, den Widerstand gegen einen aufkeimenden Gottesstaat zu finanzieren.
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Karte

Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Imad Khamis

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