Aus Burma berichtet Till Mayer
Mit den Karen-Aufständischen marschierte er dabei oft in tagelangen Gewaltmärschen durch den Dschungel. Manchmal ging es auf der Flucht vor den burmesischen Truppen quer durch die Minenfelder der Guerilla.
Mittlerweile, nachdem ein Teil der bewaffneten Karen ein Bündnis mit der Armee eingegangen ist, arbeiten Dr. Hasselkus und sein Team auf beiden Seiten. Neutralität ist für "Freunde für Asien" überlebenswichtig. Doch ein Einsatz mit seiner Organisation bleibt gefährlich. Bei einer Tagesreise zu einer Gesundheitsstation in den nahen Dschungel geht es nicht ohne bewaffnete Eskorte. Im Pick-Up holpert das Team über Pisten durch gerodeten Wald bis tief in das grüne Dickicht. Dort hat schon wieder eine andere verbündete Miliz das Sagen: die Peace Council Group, eine KNLA-Abspaltung
Das Militärhospital von Koukou steht jedem kostenlos zur Verfügung. So verkündet es schon die Parole am mächtigen Eingangstor, vor dem ein Milizionär mit seiner betagten M16 gelangweilt Wache schiebt.
Offen für alle: Ein Grund, warum sich Hasselkus hier engagiert. Der andere: Im gesamten Hospital gibt es keinen einzigen ausgebildeten Arzt und nur sehr dürftige medizinische Ausrüstung. Dafür um so mehr Patienten. "Unsere Arbeit besteht aus zwei Komponenten. Erstens helfen wir natürlich als Mediziner den Patienten. Ich nehme Augenoperationen vor, zudem haben wir gerade einen Chirurgen, einen Zahnarzt, einen Physiotherapeuten und eine Frauenärztin vor Ort. Dabei schulen wir aber auch intensiv das lokale Personal. Bauen seit Jahren einfache, aber durchaus wirksame Strukturen auf", sagt Hasselkus. Dass er und sein Team dabei kein Medizinstudium ersetzen können und keine Pflegerausbildung, ist dem 65-Jährigen bewusst. "In einer Region, in der ein über 60 Jahre währender Konflikt wütet, gelten aber einfach andere Maßstäbe. Auf die müssen wir uns einstellen", sagt der deutsche Arzt.
Medizinische Ausbildung à la Koukou
"Wir konnten bisher viel erreichen. Nicht zuletzt, weil unsere Partner absolut wissbegierig sind." Und so malt Hasselkus bei seinen Ausbildungskursen mit bunten Stiften die inneren Organe auf Bäuche der Teilnehmer. Schärft ein, wie OP-Instrumente richtig zu sterilisieren sind.
Am nächsten Tag folgt der Theorie die Praxis im OP-Saal. Allgemeinmediziner Hasselkus operiert einen grauen Star. "Das Handwerkszeug dazu habe ich mir in Kursen in Malawi angeeignet", sagt der 65-Jährige. Über die Jahre wagte er sich auch an immer kompliziertere Operationen. Bei den Karen hat sich der deutsche Doktor einen beinahe legendären Ruf erworben. Der Wartesaal platzt aus allen Nähten.
Manche haben tagelange Fußmärsche auf sich genommen, um operiert zu werden. So wie die 65-Jährige, die sich kurz mit Lily vorstellt. Ihre Nichte hat das alte Mütterchen auf ihrem langen Weg begleitet. Sie sieht aus wie 80, wie eine Greisin. Ein Leben voll harter Arbeit auf dem Feld hat ihren Rücken gebeugt. Hasselkus erklärt seine Diagnose dem Dolmetscher, der übersetzt für Lily und das lokale Personal. Noch am gleichen Tag wird die alte Dame operiert. "Sie wird besser sehen können", sagt der Arzt. Am nächsten Tag warten schon die ersten Patienten mit verbundenen Augen darauf, bald wieder ein Stück mehr von ihrer Umwelt zu erkennen.
"Dass ich mittlerweile selbst Augenoperationen vornehmen kann, habe ich nur Dr. Hasselkus zu verdanken", sagt die Krankenhauschefin Nao Baw Baw. Die 50-Jährige ist zweifache Kriegerwitwe und hat den Rang eines Hauptmanns inne. Zumindest kann die Chefin des Miliz-Hospitals auf eine thailändische Schwesternausbildung im zivilen Leben verweisen.
Die Deutschen zahlen alles aus eigener Tasche
Dass die Behandlungen kostenlos sind, ist für das Team von "Freunde für Asien" eine Grundvoraussetzung für ihre Arbeit. Ihre Flugtickets zahlen die deutschen Helfer aus eigener Tasche. Für Material und Geräte sind sie in der Heimat ständig auf Spendenakquise.
Meistens haben sie auch einen großen Sack voller Brillen für Koukou mit dabei. Passen die Stärken nicht, werden in der Werkstatt des Krankenhauses günstige Kunststoffgläser aus chinesischer Produktion eingefügt.
Das der grobe Zuschnitt ausgerechnet mit einer mächtigen Heckenschere erfolgt, daran haben sich die Helfer von "Freunde für Asien" gewöhnt. "Hauptsache, die Gläser passen dann ins Gestell", sagt Jochen Dickmann. Der 72-Jährige hat die Optikerwerkstatt mit aufgebaut. "Sie läuft jetzt schon seit Jahren erfolgreich", sagt er.
Dickmann muss seine Stimme ein wenig erheben. Von den nahen Baracken der Miliz tönt es mit gewaltigem Blechgebläse scheppernd ins Krankenhaus hinüber. Die nächsten drei Stunden wird "Nehmt Abschied, Brüder" gnadenlos schräg und im straffen Marschtakt von der DKBA-Kapelle intoniert. Der Marsch hallt durch die langgezogenen Schlafsäle und den weißgekachelten OP-Raum.
Naing Htoo, das Minenopfer, bewegt seine zwei Beinstumpen im Takt auf und ab. Was für ein Witz - er lacht traurig. Dann lauscht er wieder in seine eigene Dunkelheit hinein.
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