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Bürgerwehr in Russland: Jagd auf Moskaus Kellermenschen

Von , Moskau

"Russland den Russen": 60 Prozent der Bevölkerung stimmen dieser Parole zu. In Moskau fahndet die Bürgerwehr "Helle Rus" nach illegalen Einwanderern aus Zentralasien. Die Tagelöhner leben eingepfercht in düsteren Kellern, ihr Arbeitgeber ist ausgerechnet der Staat.

SPIEGEL ONLINE

Wenn Hausmeister und Bauarbeiter ihr Tagewerk in Moskau verrichtet haben, wenn die Nacht über die russische Hauptstadt hereingebrochen ist, sammeln sich die Männer einer Bürgerwehr am Rande der Stadt. Igor Manguschew führt sie an. Der hochaufgeschossene 24-Jährige steht an der Metro-Station "Rote Garde" und wartet auf die Aktivisten der "Orthodoxen Jugendbewegung Helle Rus". In der einen Hand trägt er eine grüne Schirmmütze, wie sie einst die Soldaten des zaristischen Imperiums trugen. In der anderen hält Manguschew eine Blechdose des russischen Energie-Drinks "Adrenalin". Dann gibt er das Signal zum Aufbruch: Die Jagd auf Moskaus illegale Einwanderer kann beginnen.

Laut Schätzungen leben rund neun Millionen Arbeitsmigranten in Russland, viele davon ohne offizielle Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Meist sind es Zuwanderer aus den ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens. Sie stammen aus Kirgisien, Tadschikistan, Usbekistan und arbeiten auf russischen Baustellen, kehren Straßen, Hinterhöfe oder auf den großen Märkten. Einer der wichtigsten Arbeitgeber sind Russlands Kommunen: Sie stellen die billigen Arbeitskräfte gern als Hausmeister an.

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Russland: Bürgerwehr gegen Einwanderer
Viele Russen sind davon überzeugt, dass in ihrem Land zu viele Ausländer leben. Der Moskauer Vorort Chotkowo erklärte sich im vergangenen Jahr sogar zur ausländerfreien Zone, nachdem ein Tadschike im Streit einen Russen erstochen hatte. Polizei und Stadtverwaltung ließen daraufhin Busse vorfahren und Hunderte Migranten abtransportieren. Kurz darauf loderten Flammen aus dem Wohnheim der Ausländer, weil jemand einen Molotow-Cocktail hineingeschleudert hatte. "Russland den Russen" - diese Parole bahnt sich von Kaliningrad bis Wladiwostok den Weg, 60 Prozent der Bevölkerung stimmen laut Umfragen dem Slogan zu.

Die "Helle Rus" hilft dabei, ihn in die Tat umzusetzen.

Ohne Migranten würde die Wirtschaft Zentralasiens zusammenbrechen

In dieser Nacht gehen Igor Manguschew und seine Männer Hinweisen von Anwohnern nach, dass Einwanderer aus Zentralasien am südöstlichen Rand der Hauptstadt Unterschlupf gefunden haben. An der Straße Gurjewskij Projesd, gleich hinter Moskaus Ringautobahn, werden sie fündig. Es ist fast Mitternacht, als Manguschew durch eine eiserne Tür in einen schmalen Keller stürmt. Als Zivilist hat er zwar keine Befugnis für die Razzia. Trotzdem ruft er: "Verehrte Bürger Gastarbeiter! Überprüfung, halten Sie Ihre Dokumente bereit!" Manche seiner Leute haben sich vor dem Zugriff weiße Atemschutzmasken übergezogen, angeblich "weil die Luft da unten so schlecht ist". Einer trägt eine schwarze Sturmmaske.

Rund 60 Männer und Frauen aus Usbekistan treten erschrocken auf den schmalen Flur. Dahinter liegen die winzigen Räume, in denen sie leben: zu fünft oder sechst in einem schmalen Zimmer. In manchen Verschlägen hängt die Decke so tief, dass die Bewohner nicht aufrecht stehen können. Es gibt kein Fenster zum Keller, nur eine unverglaste Öffnung in der Küche. Daneben liegt die einzige Toilette. Eine aufgeschreckte Kakerlake huscht das Abflussrohr entlang, das offen über den Flur verläuft.

Narkabul, ein Usbeke mit schütterem Haar, tritt auf den Korridor. Der 34-Jährige stammt aus der Provinz Suchandarja. Die Bundeswehr unterhält dort in der Gebietshauptstadt Termes einen Stützpunkt, wegen der Nähe zur afghanischen Grenze. Es gibt wenig Arbeit in Suchandarja, deshalb ist Narkabul nach Russland gekommen. Er arbeitet seit Jahren als "Dwornik" in Moskau. So heißen in Russland die Hilfsarbeiter, die im Herbst das Laub in den Innenhöfen der großen Wohnblöcke harken und im Winter den Schnee wegschippen. 10.000 Rubel verdient er pro Monat, umgerechnet 250 Euro. 500 Rubel kostet die Miete, und neulich hat sein Vorarbeiter noch einmal 1000 Rubel eingesammelt. "Für eine Renovierung", sagt Narkabul und zuckt mit den Schultern.

Im August 2010 war er das letzte Mal in Usbekistan. Seither hat er seine Frau und die beiden Söhne nicht mehr gesehen. Was er in Suchandarja verdienen könnte? "Nichts", sagt Narkabul.

Weil sie in ihrer Heimat keine Arbeit finden, verlassen Millionen Tadschiken, Kirgisen und Usbeken ihre Familien und verdingen sich als billige Arbeitskräfte in Russland, damit sie Geld nach Hause schicken können. Ohne die Migranten würde in Zentralasien die Wirtschaft zusammenbrechen: 2008 machten ihre Überweisungen 49 Prozent der Wirtschaftsleistung in Tadschikistan aus, in Usbekistan waren es immerhin 13 Prozent.

"Sie werden gehalten wie Sklaven"

"Gastarbeiter" werden sie in Russland genannt. Willkommen aber sind sie nicht. Weil Moskau im November die Verurteilung von zwei russischen Piloten in Tadschikistan nicht hinnehmen wollte, ließ der Kreml Hunderte Tadschiken festnehmen und ausweisen. Der Leiter des russischen Gesundheitsdienstes warnte zudem, Tadschiken seien Hauptüberträger gefährlicher Krankheiten. Zudem stehen Einwanderer aus Zentralasien unter dem Generalverdacht, afghanisches Heroin und Haschisch nach Russland zu schmuggeln.

Narkabul schiebt sich eine Prise "Naswai" unter die Zunge, eine Art Kautabak aus Usbekistan. Wenn er über den Flur geht, dann muss er den Kopf tief einziehen, weil nackte Rohre und lose Kabel von der Decke hängen. In der Küche blättert die grüne Ölfarbe von der Wand, darunter kommt schwarzer Schimmel zum Vorschein. "Man kann nicht sagen, dass sie jemand eingestellt hat", sagt Roman, einer der Männer der "Hellen Rus". "Man hat sie gekauft, und sie werden gehalten wie Sklaven."

Der Arbeitgeber von Narkabul und den anderen soll eigentlich für möglichst behagliche Wohnbedingungen sorgen: Es ist die Gemeindeadministration, für die die Usbeken Höfe säubern, Treppenhäuser fegen und Zäune anstreichen. Ihr Unterschlupf befindet sich im Keller der Kommunalverwaltung. "Statt richtige Hausmeister zu bezahlen, stellen die einfach Billiglöhner ein und stopfen den Rest des Geldes in die eigene Tasche", sagt Roman.

Eine herbeigeeilte Beamtin mag die Aufregung gar nicht verstehen. Das seien doch "ganz normale" Wohnverhältnisse. Und die Elektrokabel ohne Isolierung? "Das ist nur wegen der Renovierung", sagt sie.

Igor Manguschew glaubt nicht mehr, dass die Behörden von selbst aktiv werden. "Wir haben sogar schon einmal illegale Einwanderer aufgespürt, die direkt unter einem Polizeirevier hausten", sagt er. Neulich hat er bei einer nächtlichen Razzia ein dickes Heft entdeckt, in dem die Einwanderer fein säuberlich ihre monatlichen Ausgaben vermerkten. "Elektrizität" stand in der ersten Spalte, "Wasser" in der zweiten. Der größte Ausgabenposten aber war zum Schluss vermerkt: die Bestechungsgelder für die Polizei.

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1. Arme Schweine ...
stefanbodensee 30.12.2011
Selbsternannte Bürgerwehren, die meinen, gegenüber Schwächeren den großen Kontrolleur heraushängen lassen zu müssen, widerlich, die können wirklich stolz auf ihre Aktionen sein. Die armen (kontrollierten) Schweine können einem nur leid tun, erinnert mich an die Sache mit den rechten Trupps, die gegen Sinti und Roma vorgehen und meinen, für 'Recht und Ordnung' sorgen zu müssen. Das hatten wir in Deutschland auch schon mal, ist zwar schon über 60 Jahre her - aber immer noch in guter Erinnerung. Auch dieselben Phrasen' wie 'die stehlen uns die Arbeitsplätze', 'die schleppen Krankheiten ein' oder 'die verkaufen Rauschgift' erinnern mich fatal an ähnlich unbewiesene Anschuldigungen aus dem rechten Spektrum bei uns. Ein krankes Land, voll von autokratisch veranlagten Politikern, mafiösen Strukturen, abgehobenen Neureichen, alten korrupten Kaderverbindungen und rassistischen Gruppierungen, da kann einem wirklich Angst und Bang werden für die Zukunft.
2. Weimar
Anton T 30.12.2011
Zitat von sysop"Russland den Russen": 60 Prozent der Bevölkerung stimmen dieser Parole zu. In Moskau fahndet die Bürgerwehr "Helle Rus" nach illegalen Einwanderern aus Zentralasien. Die Tagelöhner leben eingepfercht in düsteren Kellern, ihr Arbeitgeber*ist ausgerechnet der Staat. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804566,00.html
Der Artikel wirft ein beklemmendes Schlaglicht auf die russische Wirklichkeit. Nicht umsonst reden viele Russlandexperten vom "Weimarer Syndrom", das das heutige Russland kennzeichnet. Es gibt in der Tat erschreckende Parallelen zum Deutschland der 1920er Jahre, z.B. die selbsternannten Bürgerwehren, die paramilitärisch agierenden Neonazis und mancherorts Progromstimmung. In der nordrussischen Stadt Kondopoga war vor einiger Zeit ganze sechs Tage lang ein antikaukasisches Progrom im Gange. Es stellt sich deshalb die Frage, ob das, was nach Putin kommt, nicht noch viel schlimmer sein wird als Putin. Die rassistische Gewalt in Russland eskaliert. Nach sechstägigen Angriffen flohen die meisten Migranten aus der Kleinstadt Kondopoga. jungle-world.com - Archiv - 40/2006 - International - Unternehmerische Säuberung (http://jungle-world.com/artikel/2006/40/18307.html)
3.
kumi-ori 30.12.2011
Zitat von sysop"Russland den Russen": 60 Prozent der Bevölkerung stimmen dieser Parole zu. In Moskau fahndet die Bürgerwehr "Helle Rus" nach illegalen Einwanderern aus Zentralasien. Die Tagelöhner leben eingepfercht in düsteren Kellern, ihr Arbeitgeber*ist ausgerechnet der Staat. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804566,00.html
Diese Milchbubis, die hier Fremdenpolizei spielen wollen, vergessen, dass sich ´70 Jahre lang Russen im Kaukasus breitgemacht haben.
4. Feststellung
batmanmk 30.12.2011
Tja, dann scheint es in Russland doch nicht so schlecht zu sein, wenn man zum zweitgrößten Einwanderungsland nach den USA geworden ist. Aber der böse Putin...
5. In einem Topf lässt es sich schecht kochen
batmanmk 30.12.2011
Zitat von kumi-oriDiese Milchbubis, die hier Fremdenpolizei spielen wollen, vergessen, dass sich ´70 Jahre lang Russen im Kaukasus breitgemacht haben.
Ja so Russen wie Stalin, Dschersinski oder Breschnew.
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Fläche: 17.098.200 km²

Bevölkerung: 143,972 Mio.

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

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