Bürokratie in Pakistan: Anti-Terror-Wahn per SMS

Im terrorgeplagten Pakistan ist Sicherheit ein wichtiges Thema, vor allem für die Behörden. Handynutzer müssen neuerdings ihre Passnummer hinterlegen. SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Hasnain Kazim gab alle Daten an - doch das Telefon wird trotzdem abgeschaltet. Wieder. Und wieder.

SMS zur Anti-Terror-Bekämpfung: "Lieber Kunde..." Zur Großansicht
Hasnain Kazim

SMS zur Anti-Terror-Bekämpfung: "Lieber Kunde..."

Die erstaunlichsten Blüten treibt die Bürokratie, wenn es um das Thema Sicherheit geht. Und wie immer, wenn sich irgendwo eine Sicherheitslücke auftut, reagiert der Staat mit neuen Regeln. Viele Gesetze und Vorschriften, denken sich Politiker in den meisten Ländern dieser Welt, sind ein Zeichen für entschlossenes Handeln. Sicherheitslücken sind die Sternstunden der Bürokraten.

In Pakistan, das seit dem Einmarsch der alliierten Truppen im Nachbarland Afghanistan von Terroranschlägen erschüttert wird, ist Sicherheit ein Dauerthema.

Ein paar Wochen nachdem die Welt erfahren hatte, dass Osama Bin Laden jahrelang unbehelligt mitten in Pakistan gelebt hatte, erhielt ich eine SMS von meinem Mobilfunkbetreiber. Ich möge bitte meine Personalausweis- oder Reisepassnummer an eine bestimmte Nummer schicken. Man wolle die Identitäten der Handybesitzer überprüfen, das sei eine reine Sicherheitsmaßnahme, hieß es zuvor in Zeitungsartikeln. Die Regierung hatte beschlossen, unter falschem Namen registrierte Mobiltelefone ausfindig zu machen. In der SMS wurde mir angekündigt, dass man "innerhalb von sieben Tagen" meine Sim-Karte blockieren würde, sollte ich der Aufforderung nicht nachkommen.

Ich verschickte also die Reisepassnummer - und bekam als Antwort, dass diese Nummer nicht dem pakistanischen Standardformat entspreche und deshalb nicht akzeptiert werde. Also fuhr ich zur Telefongesellschaft, eine private Firma mit schickem Kundenzentrum in Islamabad, wartete brav eine halbe Stunde, bis ich dran war, und erläuterte dem Kundenbetreuer mein Problem. Der tippte meine Passnummer in den Computer und sagte: "So, das ist erledigt."

Ich bedankte und verabschiedete mich.

Zwei Tage später bekam ich wieder eine SMS mit der Androhung, mein Telefon werde abgeschaltet, wenn ich nicht sofort meine Passnummer melde.

Wieder fuhr ich zur Telefonfirma, wieder wartete ich eine halbe Stunde. Nun war es eine Frau, die sich um mich kümmerte.

"Sagen Sie, ich dachte, Ihr Kollege hätte das vor zwei Tagen geklärt."
Sie tippte auf ihrem Computer herum, fünf ewige Minuten, dann sagte sie: "Alles in Ordnung. Wenn Sie wieder eine SMS erhalten, ignorieren Sie sie einfach."

Einen Tag später kam eine SMS. Ich ignorierte sie.

Am Abend war mein Telefon tot.

Am nächsten Morgen also wieder zum Telefongeschäft. Diesmal nicht warten, sondern einfach zum Tresen gehen, Telefon auf den Tisch legen, sich um einen freundlichen Ton bemühen.

"Ich komme jetzt zum dritten Mal und kann trotzdem nicht mehr telefonieren. Könnten Sie mir bitte freundlicherweise helfen?"
"Haben Sie Ihren Ausweis dabei?", fragte mich diesmal ein junger Kerl mit zu großem Hemd. Ich gab ihm meinen Pass, er fütterte seinen Computer mit meinen Daten und lächelte mich an. "So, sollte in einer Stunde wieder funktionieren. Tut mir leid, Sir, wir können nichts dafür. Für die Sicherheitskontrollen und für das Abschalten ist die Telekommunikationsbehörde zuständig. Wenn Sie sich beschweren wollen, rufen Sie dort an."

Und tatsächlich, nach einer Stunde ging das Telefon wieder. Kein Grund, sich zu beschweren.

Ein paar Tage später: die gleiche SMS.

Jetzt erkannten mich die Mitarbeiter des Ladens schon.

"Oh, gibt's Probleme?"
"Ja, ich habe wieder eine SMS bekommen mit der Warnung. Ich möchte unbedingt verhindern, dass mein Telefon erneut abgeschaltet wird."
"Einen Moment bitte", sagte nun ein Mann, den ich noch nicht kannte. Er verschwand in ein Hinterzimmer, kam nach fünf Minuten wieder und erklärte: "Machen Sie sich keine Sorgen, Ihr Telefon wird nicht abgeschaltet. Wir haben alle nötigen Daten von Ihnen."

Drei Tage später war mein Telefon wieder tot.

Diesmal beschloss ich, deutlicher zu werden.

"Was soll das? Warum funktioniert das verdammte Ding schon wieder nicht?"
"Haben Sie uns Ihre Passnummer mitgeteilt?", fragte eine junge Frau, die mich offensichtlich noch nicht kannte.
"Selbstverständlich, ich war doch schon vor drei Tagen hier!"
"Ja, aber Sie hätten vor zwei Wochen kommen müssen. Da lief die Frist zur Meldung aus. Das ist eine Sicherheitsmaßnahme."

Was kann man gegen Bürokraten tun, ohne wie ein Don Quijote bei seinem kläglichen Kampf gegen Windmühlen zu enden? Ich dachte mir: Versuch's mal auf die harte Tour.

"Ich war vor zwei Wochen hier! Heute komme ich zum fünften Mal!", brüllte ich. "Was erhoffen Sie sich von diesem Unsinn? Glauben Sie, irgendein Terrorist kommt hierher, legt seinen Ausweis auf den Tisch und lässt seine Daten überprüfen?"

Schweigen.

"Wenn das die Art ist, wie Sie oder Ihre Regierung für Sicherheit sorgen wollen, wundert mich nicht, dass Bin Laden jahrelang unentdeckt in Pakistan leben konnte!"

Meine Frau, die mich diesmal begleitete, gab mir unter dem Tresen einen Tritt. Im Laden war es jetzt still, alle Berater und Kunden, insgesamt etwa 50 Menschen, starrten mich an.

Plötzlich kümmerten sich drei Mitarbeiter um mich, darunter der Chef der Filiale. Sie konzentrierten sich schweigend auf den Monitor, während einer von ihnen wild herumtippte. Ein anderer holte eine neue Sim-Karte und legte sie in mein Telefon. Nach zehn Minuten reichten sie mir es zurück.

"Wir geben Ihnen eine neue Karte. Sie behalten selbstverständlich Ihre alte Nummer. Bis morgen sollte die Leitung wieder frei sein."
"Bis morgen?" Meine Frage geriet etwas zu laut, aber mit der Höflichkeit war es eh vorbei.

Wieder starrten alle still auf den Bildschirm und gaben etwas in den Rechner ein.

"Okay, sollte in spätestens vier Stunden funktionieren."

Das ist nun ein paar Wochen her. Ich habe seither wieder zwei SMS erhalten, die ich versuche zu ignorieren. Ich habe meinen Beitrag im Kampf gegen Terroristen geleistet.

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Deutschlandimport
rherbst 30.08.2011
Rethorische Frage: Ist es nicht so, daß wir hier in Deutschland auch ein Personaldokument vorlegen müssen, um Zugang zum Mobilfunknetz zu bekommen? Sogar beim Kauf einer simplen Prepaid-Karte? Wenn die Mobilfunkbetreiber damit begonnen hätten, Mobilfunkverträge ohne Vorlage des Personaldokuments zu verkaufen, würde das genau so auch hier laufen. Aber wen wunderts: Bürokratie ist ja einer von Deutschlands wichtigsten Exportartikeln.
2. .
Almoehi 30.08.2011
In Deutschland muss man doch schon immer seine Passnummer oder Personalausweisnummer hinterlegen. Wo ist da die Neuigkeit?
3. Die liebe Bürokratie
ralphofffm 30.08.2011
Jaja.. Bürokratie und Sicherheit.. Hier in Frankfurt wurde vor paar Jahren die Strassenseite vor dem aserbeidschanischen Konsulat zur Parkverbotszone erklärt. Mit Zusatzsschild Sicherheitszone. Wahrscheinlich damit der Typ mit der Autobombe auch immer einen Parkplatz findet. In Wahrheit wohl deshalb damit die Konsulatsmitarbeiter mit ihren Fahrzeugen immer einen Parkplatz haben.
4. Mission accomplished
Oberleerer 30.08.2011
Ist es den Terroristen also gelungen, das Mobilfunknetz Pakistans lahmzulegen :)
5. Mich erstaunt das nicht mehr
carranza 30.08.2011
Zitat von sysopIm terrorgeplagten Pakistan ist Sicherheit ein wichtiges Thema, vor allem für die Behörden. Handynutzer müssen neuerdings ihre Passnummer hinterlegen. SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Hasnain Kazim gab alle Daten an - doch das Telefon wird trotzdem abgeschaltet. Wieder. Und wieder. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,775592,00.html
Sollte das System das in Pakistan zur Registrierung von Simcards verwendet wird, etwa nicht mit ausländischen Paßnummern klarkommen? Vor nicht allzu langer Zeit stieß ich in Mexiko auf ein ähnlich gelagertes Problem: Die Simcard hat mir die nette Verkäuferin gerne verkauft. Nur wie ich an die notwendige CURP, einen Registrierungsschlüssel, den mittlerweile fast alle Mexikaner haben dürften, kommen könnte, konnte sie mir nicht erklären und hat mich zur örtlichen Zentrale des Providers geschickt. Dort auch nur die üblichen Texte, mit dem man freundlichst die Warteschlange verkürzt. Wie ich eigentlich schon vermutete, waren auch die netten Leute von der Hotline eher in Freundlichkeit, als denn in lösungsorientiertem Handeln geschult. Da auch die nette Verkäuferin, die ich mittlerweile wieder aufsuchte, nicht bereit war, die Karte zurückzunehmen, habe ich die Karte kurzentschlossen einem hilfsbereiten Mexikaner geschenkt. Übrigens: Der nächste Weg zur Freischaltung der Karte hätte mich laut Wikipedia direkt ins Krankenhaus geführt. Aber auch für uns Deutsche zählen Urlaubstage bekanntlich eher zu den raren immateriellen Gütern. Wieder zu Hause in Deutschland, habe ich mich nochmals mit der Materie beschäftigt und mußte feststellen, dass man sogar in europäischen Ländern auf vergleichbare Probleme stoßen kann, wenn man nicht gewillt ist, seinen einheimischen Provider und seinen Roamingpartner zu bereichern, wie etwa im Staate Dänemark ...
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Serie "Mein Leben als Ausländer"

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Auswanderer
Das Fernweh packt viele Deutsche - nicht umsonst beschäftigen sich TV-Sendungen und unzählige Blogs mit dem Auswandern. Doch wer zieht überhaupt weg? Und wie viele sind es? SPIEGEL ONLINE gibt einen Überblick.
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Ziele
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Profil
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Die Studie unterscheidet zwischen Deutschen einerseits und Migranten und Deutschen mit Migrationshintergrund andererseits. Bei der zweiten Gruppe zeigt sich, dass die Auswanderer deutlich älter, oft Rentner und oft arbeitslos sind. Je länger jemand in Deutschland lebt, desto geringer ist aber die Wahrscheinlichkeit, dass er auswandert.