Die erstaunlichsten Blüten treibt die Bürokratie, wenn es um das Thema Sicherheit geht. Und wie immer, wenn sich irgendwo eine Sicherheitslücke auftut, reagiert der Staat mit neuen Regeln. Viele Gesetze und Vorschriften, denken sich Politiker in den meisten Ländern dieser Welt, sind ein Zeichen für entschlossenes Handeln. Sicherheitslücken sind die Sternstunden der Bürokraten.
In Pakistan, das seit dem Einmarsch der alliierten Truppen im Nachbarland Afghanistan von Terroranschlägen erschüttert wird, ist Sicherheit ein Dauerthema.
Ein paar Wochen nachdem die Welt erfahren hatte, dass Osama Bin Laden jahrelang unbehelligt mitten in Pakistan gelebt hatte, erhielt ich eine SMS von meinem Mobilfunkbetreiber. Ich möge bitte meine Personalausweis- oder Reisepassnummer an eine bestimmte Nummer schicken. Man wolle die Identitäten der Handybesitzer überprüfen, das sei eine reine Sicherheitsmaßnahme, hieß es zuvor in Zeitungsartikeln. Die Regierung hatte beschlossen, unter falschem Namen registrierte Mobiltelefone ausfindig zu machen. In der SMS wurde mir angekündigt, dass man "innerhalb von sieben Tagen" meine Sim-Karte blockieren würde, sollte ich der Aufforderung nicht nachkommen.
Ich verschickte also die Reisepassnummer - und bekam als Antwort, dass diese Nummer nicht dem pakistanischen Standardformat entspreche und deshalb nicht akzeptiert werde. Also fuhr ich zur Telefongesellschaft, eine private Firma mit schickem Kundenzentrum in Islamabad, wartete brav eine halbe Stunde, bis ich dran war, und erläuterte dem Kundenbetreuer mein Problem. Der tippte meine Passnummer in den Computer und sagte: "So, das ist erledigt."
Ich bedankte und verabschiedete mich.
Zwei Tage später bekam ich wieder eine SMS mit der Androhung, mein Telefon werde abgeschaltet, wenn ich nicht sofort meine Passnummer melde.
Wieder fuhr ich zur Telefonfirma, wieder wartete ich eine halbe Stunde. Nun war es eine Frau, die sich um mich kümmerte.
"Sagen Sie, ich dachte, Ihr Kollege hätte das vor zwei Tagen geklärt."
Sie tippte auf ihrem Computer herum, fünf ewige Minuten, dann sagte sie: "Alles in Ordnung. Wenn Sie wieder eine SMS erhalten, ignorieren Sie sie einfach."
Einen Tag später kam eine SMS. Ich ignorierte sie.
Am Abend war mein Telefon tot.
Am nächsten Morgen also wieder zum Telefongeschäft. Diesmal nicht warten, sondern einfach zum Tresen gehen, Telefon auf den Tisch legen, sich um einen freundlichen Ton bemühen.
"Ich komme jetzt zum dritten Mal und kann trotzdem nicht mehr telefonieren. Könnten Sie mir bitte freundlicherweise helfen?"
"Haben Sie Ihren Ausweis dabei?", fragte mich diesmal ein junger Kerl mit zu großem Hemd. Ich gab ihm meinen Pass, er fütterte seinen Computer mit meinen Daten und lächelte mich an. "So, sollte in einer Stunde wieder funktionieren. Tut mir leid, Sir, wir können nichts dafür. Für die Sicherheitskontrollen und für das Abschalten ist die Telekommunikationsbehörde zuständig. Wenn Sie sich beschweren wollen, rufen Sie dort an."
Und tatsächlich, nach einer Stunde ging das Telefon wieder. Kein Grund, sich zu beschweren.
Ein paar Tage später: die gleiche SMS.
Jetzt erkannten mich die Mitarbeiter des Ladens schon.
"Oh, gibt's Probleme?"
"Ja, ich habe wieder eine SMS bekommen mit der Warnung. Ich möchte unbedingt verhindern, dass mein Telefon erneut abgeschaltet wird."
"Einen Moment bitte", sagte nun ein Mann, den ich noch nicht kannte. Er verschwand in ein Hinterzimmer, kam nach fünf Minuten wieder und erklärte: "Machen Sie sich keine Sorgen, Ihr Telefon wird nicht abgeschaltet. Wir haben alle nötigen Daten von Ihnen."
Drei Tage später war mein Telefon wieder tot.
Diesmal beschloss ich, deutlicher zu werden.
"Was soll das? Warum funktioniert das verdammte Ding schon wieder nicht?"
"Haben Sie uns Ihre Passnummer mitgeteilt?", fragte eine junge Frau, die mich offensichtlich noch nicht kannte.
"Selbstverständlich, ich war doch schon vor drei Tagen hier!"
"Ja, aber Sie hätten vor zwei Wochen kommen müssen. Da lief die Frist zur Meldung aus. Das ist eine Sicherheitsmaßnahme."
Was kann man gegen Bürokraten tun, ohne wie ein Don Quijote bei seinem kläglichen Kampf gegen Windmühlen zu enden? Ich dachte mir: Versuch's mal auf die harte Tour.
"Ich war vor zwei Wochen hier! Heute komme ich zum fünften Mal!", brüllte ich. "Was erhoffen Sie sich von diesem Unsinn? Glauben Sie, irgendein Terrorist kommt hierher, legt seinen Ausweis auf den Tisch und lässt seine Daten überprüfen?"
Schweigen.
"Wenn das die Art ist, wie Sie oder Ihre Regierung für Sicherheit sorgen wollen, wundert mich nicht, dass Bin Laden jahrelang unentdeckt in Pakistan leben konnte!"
Meine Frau, die mich diesmal begleitete, gab mir unter dem Tresen einen Tritt. Im Laden war es jetzt still, alle Berater und Kunden, insgesamt etwa 50 Menschen, starrten mich an.
Plötzlich kümmerten sich drei Mitarbeiter um mich, darunter der Chef der Filiale. Sie konzentrierten sich schweigend auf den Monitor, während einer von ihnen wild herumtippte. Ein anderer holte eine neue Sim-Karte und legte sie in mein Telefon. Nach zehn Minuten reichten sie mir es zurück.
"Wir geben Ihnen eine neue Karte. Sie behalten selbstverständlich Ihre alte Nummer. Bis morgen sollte die Leitung wieder frei sein."
"Bis morgen?" Meine Frage geriet etwas zu laut, aber mit der Höflichkeit war es eh vorbei.
Wieder starrten alle still auf den Bildschirm und gaben etwas in den Rechner ein.
"Okay, sollte in spätestens vier Stunden funktionieren."
Das ist nun ein paar Wochen her. Ich habe seither wieder zwei SMS erhalten, die ich versuche zu ignorieren. Ich habe meinen Beitrag im Kampf gegen Terroristen geleistet.
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