Von Christoph Schult, Brüssel
Mein ältester Sohn geht seit einiger Zeit zum Schwimmunterricht. Der Unterricht findet statt im Gemeindeschwimmbad von Zaventem, einem flämischen Vorort von Brüssel. Als ich ihn zur ersten Schwimmstunde begleitete, trug ich Bermuda-Schwimmshorts. Kaum hatte ich die Schwimmhalle betreten, kam ein junger Bademeister auf mich zu und erklärte mir, dass meine Badekleidung verboten sei. Erlaubt seien nur richtige Badehosen aus echtem Badehosenstoff. Warum, wollte ich wissen, aber der junge Herr gab mir keine Erklärung. Ob ich denn das Schild am Eingang nicht gelesen hätte, fragte er zurück. Ich sagte ihm, ich wolle gar nicht ins Wasser, sondern nur am Beckenrand sitzen, aber er schickte mich nach draußen. Also kaufte ich mir eine richtige Badehose aus echtem Badehosenstoff.
Wer gedacht hat, dass die Deutschen Weltmeister in Regelwut sind, der hat noch nicht in Belgien gelebt. Dort gibt es mindestens genauso viele Regeln und ziemlich eigenartige zudem.
Das hängt zum einen mit dem Konflikt zwischen Flamen und Wallonen zusammen. An der Kasse des Schwimmbads von Zaventem hängt, gleich über dem Badehosen-Erklär-Schild, ein anderes Schild. Es weist die Besucher darauf hin, dass es den Mitarbeitern des Schwimmbads verboten sei, als "Verkehrssprache" eine andere als Flämisch zu sprechen. Das Schild ist netterweise auf Französisch, Deutsch und sogar Türkisch übersetzt worden, aber die Kassiererin weigert sich beharrlich, ein Wort Französisch zu verstehen oder zu sprechen.
Überhaupt drängt sich nach einiger Zeit in Belgien der Eindruck auf, die Flamen seien regelungsverliebter als die Wallonen. Sie sind uns Deutschen kulturell näher, bewundern die deutsche Wirtschaftskraft und die Bundeskanzlerin. Die frankophonen Wallonen hingegen fühlen sich eher dem Süden Europas zugehörig und zeigen in der Euro-Krise mehr Mitleid mit den Griechen, Spaniern oder Portugiesen. Belgien vereinigt nordeuropäische Disziplin und südeuropäisches Laisser-faire. So ist Belgien nicht nur besonders hoch verschuldet, seine Bürger sparen auch so viel wie kaum ein anderes europäisches Volk. Die Steuersätze sind eher skandinavisch, das Ausmaß der Schwarzarbeit orientiert sich mehr an Südeuropa.
Belgiens Polizei greift gerne und hart durch
Aber Regeln gibt es überall. Und wo es Regeln gibt, gibt es auch Ordnungskräfte, die sie durchsetzen. Die belgische Polizei greift gerne und hart durch. Vor einigen Jahren ging ein deutscher Diplomat, der gerade nach Brüssel versetzt worden war, zum ersten Mal in eine Sauna. Nichtsahnend entledigte sich der Diplomat seiner Kleidung und betrat die Sauna-Kabine. Wenig später erschien die Polizei. Zeugen hatten sie gerufen und wollte ihn nun festnehmen, wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses.
In Belgien geht man mit Badehose in die Sauna. Man geht auch mit Badehose duschen. In den Schwimmbädern, die ich bislang besucht habe, duschen Frauen und Männer im selben Raum. Wie soll man (und vor allem frau) da die Seife von der Haut kriegen? Und das ausgerechnet in dem Land, das der Welt mit der Stadt Spa den Inbegriff für Wasser und Wellness geschenkt hat.
Neulich habe ich beobachtet, wie eine Mutter in der Rue Franklin mit ihrem Auto anhielt, weil sie einen der chronisch mangelnden Parkplätze ergattern wollte. Die Mutter hatte Kinder dabei und es dauerte etwas, bis sich das andere Auto aus der Parklücke gekurbelt hatte. Ein beistehender Polizist hatte jedoch keine Gnade: Er klopfte der Mutter auf das Autodach und wies sie an, weiter zu fahren. Ich fragte den Polizisten, seit wann es verboten ist, auf einen frei werdenden Parkplatz zu warten. "Ce n'est pas votre problème", schnaubte der Polizist. Inzwischen hatte die Mutter eine Runde gedreht, doch den Parkplatz hatte ihr ein anderer Autofahrer weggeschnappt.
Auch wenn man selbst die Polizei um Hilfe bittet, kann sich das in Belgien schnell rächen. Eine deutsche Freundin war nachts mit dem Auto unterwegs, als eine Belgierin ihr die Vorfahrt nahm und ihr in die Seite fuhr. Um nur ja keinen Fehler zu begehen, bestand die Freundin darauf, die Polizei zu holen. Die belgische Fahrerin gab bei Eintreffen der Beamten sofort zu, dass sie Schuld habe, aber die Polizisten interessierten sich schon nicht mehr für den Unfall. Sie wollten die grünen Versicherungspapiere der Deutschen sehen. Unsere Freundin hatte nur den Fahrzeugschein dabei, aber ein deutsches Kennzeichen reicht laut Gesetz als Nachweis einer Kfz-Versicherung. Doch was taten die Polizisten? Orderten einen Abschleppwagen, konfiszierten den Wagen und ließen unsere Freundin nachts um 23 Uhr bei winterlichen Temperaturen auf einer menschenleeren Straße stehen.
Es geht übrigens noch dreister: Einem Deutschen wurde einmal das Auto konfisziert und als er es wieder auslösen wollte, hatte die Polizei vergessen, wo sie den Wagen abgestellt hatte.
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