Bürokratie-Wahnsinn in Italien Scusi! Hier sind Sie leider falsch

Italiens Bürokratie hat ihre Bürger fest im Griff. Geduldig stehen sie Schlange und zahlen horrende Gebühren. Sie kennen es nicht anders. Zugereisten fällt es schwerer, den Amtsterror zu ertragen. Ausländische Investoren machen lieber einen Bogen um Bella Italia.

Müllberge in Neapel: Eine überall präsente, allmächtige Bürokratie
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Müllberge in Neapel: Eine überall präsente, allmächtige Bürokratie


Menschen machen Müll. Und dafür müssen sie zahlen. Das gilt in Deutschland wie in Italien, also auch im kleinen toskanischen Städtchen Massa Marittima. Wer dort ein Haus oder eine Wohnung kauft, muss sich umgehend zur Müllgebühr anmelden. Sonst drohen satte Strafen.

Also ab ins Rathaus, zur Müllverwaltung, Erdgeschoss links. "Sprechstunde werktags von 10 bis 12 Uhr" steht auf der Tür. Die Zeit ist okay, aber die Tür ist zu. Ein vorbeieilender Angestellter weiß, die Kollegin ist auf einem Lehrgang. Das muss ja auch sein, oder? Klar. Ein paar Tage später ist die Kollegin zurück, hat viel zu tun, die Kunden stauen sich vor der Tür. Schließlich ist man an der Reihe, seine Bitte vorzutragen, doch die Lehrgangsabsolventin schüttelt ungläubig den Kopf. Sie sei zwar zuständig für den Müll, wenn es zum Beispiel Probleme mit der Rechnung geben sollte. Aber für die Anmeldung sei sie nicht zuständig. Das mache man mit einem Formular bei Equitalia, einer Agentur, die ausgelagerte Arbeiten für viele italienische Kommunen übernehme. Freundlich beschreibt sie den Weg dorthin.

Das Equitalia-Büro ist winzig, deshalb stehen die meisten Bittsteller draußen auf der Straße und warten auch hier ein Weilchen. Das Müllformular, sagt der Agenturmann hinter einer Panzerglasscheibe, gebe es nicht bei ihm, sondern im Rathaus, im Erdgeschoss, gleich links. Freundlich will er den Weg beschreiben, aber der ist ja bekannt. Vielleicht die Stadtkasse, im vierten Stock, munkelt ein lokaler Verwaltungskenner. Nein, sagen die Stadtkassierer, zuständig sei das Büro im Parterre, gleich links vom Eingang.

Der Ausgang der kleinen Bürokraten-Posse ist noch offen. Weitere Erkundungen sind nötig. Das kann dauern.

Wartezeit beim Einwohnermeldeamt: Eineinhalb Jahre und mehr

Größere Bürokraten-Possen dauern mitunter Jahre. Etwa die Anmeldung beim römischen Einwohnermeldeamt. Nur regelmäßige Besuche in den Büro-Waben der zuständigen Behörden führten nach eineinhalb Jahren zum Erfolg. Am Ende gab es Glückwünsche vom längst vertrauten Amtspersonal, das bei jedem Besuch des Antragstellers bester Laune hinter den Formularbergen hockte und unendlich viel Zeit für spaßige Unterhaltungen hatte.

Denn viele Möchtegern-Bürger der Ewigen Stadt, raunte einer der Herren der Anträge, warteten nämlich noch viel länger auf ihre Einbürgerung. "Hier, dieser Vorgang zum Beispiel, der liegt schon vier Jahre hier!" Freudigen Dank an die andere Schreibtischseite deshalb auch vom glücklichen Neubürger. Nun kann der endlich die Anträge stellen, bei Strom und Gas den günstigen Römer-Preis zahlen zu dürfen, statt des deutlich höheren Tarifs für "Nichtangemeldete".

Der Preis des Bürokratie-Wahnsinns

Eine überall präsente, nahezu allmächtige Bürokratie ist die Geißel von Bella Italia. Zigtausende von Stunden verbringen die Bürger in den Warteschlangen vor Schaltern und Büros, sei es im Rathaus oder bei der Post. Unendlich viele Arbeitsstunden gehen unproduktiv verloren. Der Aufwand und die Gebühren ersticken viele wirtschaftliche Initiativen. Produktivitäts- und Wachstumsverluste, hohe Arbeitslosigkeit gerade unter den jungen Italienern sind der Preis des Bürokratie-Wahnsinns. Alles muss registriert, notifiziert, beurkundet und natürlich bezahlt werden.

Wer ein altes Moped für ein paar hundert Euro an den Nachbarn verkaufen will, muss zum Notar. Der garantiert - natürlich gegen ein sattes Honorar von Käufer und Verkäufer -, dass dem Staat die fälligen Gebühren zufließen. Wer ein Solarpaneel auf sein Hausdach setzen will, kann bei der Anmeldung Pech haben: Er genehmige solche Anträge grundsätzlich nicht, beschied der zuständige Amtsmann im toskanischen Manciano eine solarinteressierte Bürgerin. "Aus der Sonne Profit schlagen", nein, das werde er verhindern. Jedenfalls in seinem Herrschaftsbereich.

Wer außerhalb der Stadtgrenzen neben sein Häuschen eine winzige Holzgarage setzen will, muss mit Gebühren von einigen tausend Euro rechnen. Etwa für umfangreiche Gutachten, die bei jeder noch so schlichten Baumaßnahme immer wieder neu erstellt werden müssen, obwohl stets das Gleiche darin bescheinigt wird: "Kein Erdbebengebiet", etwa, oder "kein Bach in der Nähe", der verschmutzt werden könnte. Im Süden Italiens, wo die Überwachung nicht so funktioniert wie weiter im Norden, wird dann eben "schwarz" gebaut. Ganze Stadtteile sind so entstanden.

Möbelriese Ikea kapituliert vor Pisa-Verwaltung

Die Bürokratie trifft die Italiener weit häufiger und härter als die auf Zeit Zugereisten. Aber die Ureinwohner des Landes mit den riesigen Amtsschimmel-Herden nehmen es gelassener. So stornierte der Möbelriese Ikea jüngst seinen Plan, in die Nähe von Pisa ein weiteres Möbelhaus zu stellen und so en passant etwa 350 Jobs zu schaffen. Sechs Jahre Wartezeit auf eine Genehmigung war den Skandinaviern einfach zu viel. Und weil viele fremde Unternehmer und Manager ähnlich wenig Geduld haben, ist der Anteil der Auslandsinvestitionen in Italien auch nur halb so hoch wie im Durchschnitt der Euro-Länder.

Doch manchmal reicht es auch dem Einheimischen. Dann flippt mitunter sogar der Chef einer Bürokratentruppe öffentlich aus. Seine Angestellten, erregte sich vergangene Woche Matteo Renzi, der Bürgermeister von Florenz, hätten nichts anderes im Kopf als ihren Feierabend. Schon eine Viertelstunde vor Büroschluss stünden sie in Schlangen im Innenhof, um pünktlich um 14 Uhr ihre Stempelkarte zu drücken. Dass ausgerechnet ein Linker wie Renzi dergleichen sage, erregt nun die linken Gewerkschaften.

Andere nehmen es gelassener. Was Renzi auf die Palme bringe, so ein erfahrener Behördenkenner, sei doch nichts speziell Florentinisches. Das sei doch fast überall so.



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