Bulgarien Kidnapper machen Jagd auf Manager

Angehörige bekommen abgehackte Gliedmaßen geschickt, und wenn sie dann nicht zahlen, sind die Entführten so gut wie tot: Bulgariens Unterwelt hat das Kidnapping von Geschäftsleuten als Business entdeckt. Der neue Premier sagt den Gangstern den Kampf an - doch korrupte Polizisten unterstützen sie auch noch.

Von Renate Flottau, Belgrad


Sofia - "Welche Sensation! Kommt schnell, hier wird ein Krimi gedreht", riefen sich die Kinder im Sofioter Stadtteil Suchata Reka gegenseitig zu. Und alle strömten herbei und staunten. Vor dem Garagentor auf der Rückseite des Mietshauses in der Gawrail-Krastewitch-Straße hielten vier maskierte Männer den hünenhaften Schauspieler fest.

Bulgariens neuer Regierungschef Bojko Borissow: Der ehemalige Leibwächter will Kidnapper lebenslang wegsperren
DPA

Bulgariens neuer Regierungschef Bojko Borissow: Der ehemalige Leibwächter will Kidnapper lebenslang wegsperren

Der schrie "Hilfe, Hilfe - wenn ihr wirklich Polizisten seid, nehmt die Masken ab!" Dann erhielt er eine Spritze in den Hals und die Gangster zerrten ihn in den bereitstehenden weißen Renault. "Was wird hier gespielt?", fragte ein vorbeigehender Passant. "Hau ab", fauchte einer der Maskierten zurück, "hier wird auf Fleisch geschossen." Dann raste der Peugeot - das Standardfahrzeug bulgarischer Polizeistreifen - mit quietschenden Reifen und Vollgas davon. Zurück blieben ein paar Münzen, ein Schlüsselbund und eine kleine, sehr realistisch aussehende Blutlache vor der Garage.

Die Blutlache war echt. Am 16. April 2009 um 18.15 Uhr wurde der 64-jährige bulgarische Geschäftsmann Vene Sotirow entführt. Vermutlich ist er mittlerweile tot. Entführungen sind heute ein lukrativer Nebenerwerb der bulgarischen Unterwelt. Das Risiko ist gering, die Polizei nicht nur desinteressiert an der Erfassung der Täter, sie wird - gemeinsam mit ehemaligen Geheimdienstbeamten - in vielen Fällen sogar als Drahtzieher hinter den Entführungen vermutet.

Mord ist Teil des Plans

Doch es sind nicht die spektakulären Fälle der letzten Monate, die selbst Brüssel - an unheilvolle Nachrichten aus dem neuen EU-Mitgliedsland mittlerweile gewohnt - erneute Mahnungen an Sofia schicken lässt. Beängstigend ist vor allem die Dunkelziffer, vermutlich 80 Prozent der Entführungen, die der Polizei nicht gemeldet werden und Schätzungen zufolge derzeit über 50 Personen betreffen.

Viele Familien fürchten, ein Einschalten der Polizei gefährde das Leben ihrer Angehörigen. Doch damit ermutigen sie Kleinkriminelle, auf den Zug mit dem vermeintlich risikolosen Business aufzuspringen. Eine Gewaltspirale, die eines Tages so unkontrollierbar werden könnte wie die bereits wuchernde Korruption im Balkanstaat.

Wenn das Ritual zwischen Entführung und Lösegeldübergabe nicht planmäßig abläuft, hängt das Leben des Opfers am seidenen Faden. Denn Mord ist eingeplant. Wer falsch verhandelt, begreift spätestens beim Erhalt eines Päckchens mit einem Körperteil des Entführten, dass die Verhandlungsfrist abgelaufen ist.

Abgehackte Finger, mysteriöse Spende

Der im April 2004 gekidnappte Sohn des Inhabers eines Fußballclubs, Dimitar Stefanow, gilt immer noch als verschollen, obwohl die Familie angeblich 1,5 Millionen Euro zahlte - nachdem sie ein Ohr des Verschleppten erhielt. Vermutlich zu spät. Auch die Entführer des Sohnes von Ex-Transportminister Wilhelm Kraus, Mihail, zögerten nicht, ihrem Opfer einen Finger abzuschneiden, um 300.000 Euro Lösegeld zu erpressen. Er hatte Glück und ist wieder auf freiem Fuß.

Weil sie bei der Übergabe des Lösegelds entdeckten, dass die Frau des Opfers von getarnten Polizisten begleitet wurde, ließen die Entführer im Fall des 48-jährigen Geschäftsmanns Angel Bontchew diesen zwar nach 50-tägiger Gefangenschaft mit zwei abgehackten Fingern frei - kidnappten jedoch im Gegenzug seine Ehefrau. Der Ex-Präsident des Fußballclubs Litex Lowetsch war am 22. Mai 2008 vor seinem Wohnhaus im Sofioter Stadtteil Darwenitza entführt worden. Später kam nach einer mysteriösen Spende von 157.000 Euro an eine Krebsstiftung auch Ehefrau Kamelia wieder frei.

Wie viel von der ursprünglich geforderten Lösegeldsumme von zehn Millionen für Bontschew bezahlt wurden ist ebenso wenig bekannt wie die Summe, die die Entführer für die Freilassung des bulgarischen Geschäftsmannes Kiro Kirow tatsächlich erhielten. Der 70-jährige ehemalige Rennfahrer, der heute die größte Zulieferfirma für Bautechnik in Bulgarien besitzt, wurde eigenen Aussagen zufolge am 27. März dieses Jahres um 19.30 Uhr vor seinem Haus von maskierten Männern entführt und 17 Tage in Handschellen in einem drei Quadratmeter großen Verließ gehalten.

Eigene Entführung zur Geldwäsche vorgetäuscht

Kirow zieht aus seiner Schreibtischschublade ein Foto hervor, das ihn mit blutunterlaufenem Auge, aufgesprungener Lippe und einer Tageszeitung in der Hand zeigt: Dieses Bild sei seinem Sohn als Beweis zugeschickt worden, dass er noch lebe. "Das Schlimmste war meine Angst, dass ich aufgrund eines Missverständnisses die Maske nicht rechtzeitig überstülpen werde, wenn die Entführer mir Essen brachten", sagt der Geschäftsmann: "Hätte ich nur einmal ihre Gesichter gesehen, wäre dies mein sicheres Todesurteil gewesen." Nachts träume er immer noch von Entführungen, bei welchen er selbst zwar nicht das Opfer aber Zuschauer sei, gesteht der Inhaber der Kirov-Holding freimütig. Leibwächter begleiten ihn jetzt auf Schritt und Tritt.

Doch so sehr die einzelnen Schicksale auch auf ein Martyrium der Betroffenen schließen lassen, die Öffentlichkeit verfolgt die Leiden der Geiseln mit zunehmender Skepsis. Einige der spektakulärsten Fälle der vergangenen Monate seien vermutlich "Selbst-Entführungen" gewesen, behauptet nicht nur Jane Janew von der Oppositionspartei "Gesetzlichkeit und Gerechtigkeit" (RSS) und Vorsitzender des Ausschusses zur Korruptionsbekämpfung: "Hier sei es vor allem um Geldwäsche gegangen." Ein Verdacht, dem sich viele Experten der Verbrechensbekämpfung anschließen. Die tatsächlichen Entführungsfälle, so Janew, würden selten veröffentlicht und sie beträfen längst nicht nur reiche Bulgaren.

Auch ausländische Firmen geraten zusehends ins Visier von Mafiaclans und den mit ihnen kooperierenden korrupten Politikern, Justiz- und Polizeibeamten. Man mag sich das Erstaunen jenes US-Managers und Direktors einer amerikanischen Firma vorstellen, der eines Morgens in seinem Haus in einer bulgarischen Kleinstadt aufwachte und sich de facto unter Hausarrest befand. Bürgermeister, Polizei und Staatsanwalt waren in der Nacht zum Haus des Amerikaners geschlichen und hatten dieses komplett mit Stacheldraht eingezäunt - angeblich, weil es sich bei dem Gebäude um ein "illegales Bauwerk" handle.

Ausländische Manager im Visier

Der tatsächliche Grund: Die US-Firma hatte sich geweigert, Schutzgelder zu zahlen. Um den Mann noch mehr einzuschüchtern, wurden bulgarische Angestellte seines Unternehmens bestochen, vor dem Haus zu randalieren und eine Voodoo-Puppe symbolisch für die Person des US-Firmenchefs in Brand zu setzen. Als er zahlte, verschwand auch der Spuk samt Stacheldraht. Auch deutsche Firmen bleiben von den blühenden Phantasien krimineller Bürgermeister, die wie Feudalherren ihre Gemeinden regieren und ihre Mandate durch Stimmenkauf sichern, nicht verschont.

Weil ein deutsches Unternehmen im bulgarischen Ort Petritsch an der griechischen Grenze seine obligatorischen "recket"-Gebühren an die Grenzzöllner nicht bezahlte, habe man deren Lkw-Fahrer am Grenzübergang Kulata wegen angeblich fehlerhaften Zollunterlagen festgenommen, erzählt Janew. Allerdings durfte er eine Rechtsanwältin anrufen - zufällig die Ehefrau des Kreisrichters von Petritsch. Die deutsche Firma zahlte ihr Schutzgeld als angebliches "Honorar" an die Anwältin, insgesamt 50.000 Euro. Damit war der Fall erledigt.

Dass unter den Geschäftsleuten mittlerweile die Angst grassiert, ist verständlich. Ob die mittlerweile auf Entführungen spezialisierte bulgarische Versicherungsfirma Lev-Ins in Zusammenarbeit mit Lloyd's einen umfassenden Entführungsschutz bieten kann, sei in Frage gestellt. Hinter Lev-Ins stehen Insidern zufolge ehemalige Geheimdienstmitarbeiter. Dafür expandiert - trotz Wirtschaftskrise - eine andere Branche: Ausbildungslehrgänge für Leibwächter.

Hochbezahlte Karriere als Bodyguard

Allein im Gebäude der Grundschule im Sofioter Stadtteil Musagenica werden derzeit von einer Firma 150 Männer und Frauen in Judo, Karate, im Schießen und Aufspüren von Explosivstoffen trainiert. Kurzlehrgänge, sagt Leiterin Ilka Aleksiewa, werden vorrangig von Firmen für deren Wachpersonal gebucht. Wer dagegen die zweijährige professionelle Ausbildung absolviert, auf den wartet später eine hochbezahlte Karriere .

Zu den Kunden von Frau Aleksiewa, einer ehemaligen Armeeoffizierin, zählen neuerdings auch Manager und Geschäftsleute, die sich in speziellen Kursen die "Verhaltensregeln" für den Fall ihrer Entführung beibringen lassen. Wichtig, so die Leiterin, sei dabei vor allem die Psychologie der Entführer. Vene Sotirow würde vielleicht noch leben, hätte seine Tochter nicht den gravierenden Fehler gemacht, in einem offenen Brief an die Medien den Entführern auszurichten, ihr Vater besitze kein Geld, man sei arm.

Jetzt ruht alle Hoffnung auf Bulgariens neuem Regierungschef Bojko Borissow - einem ehemaligen Leibwächter. Er kündigte bereits ein Gesetz an, das Entführer lebenslang hinter Gitter bringen soll. Dafür müssen sie allerdings erst einmal gefasst werden.



insgesamt 31 Beiträge
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cassandra13 05.08.2009
1. Willkommen in der EU
was sollte man zu diesem Artikel mehr schreiben?
blowup 05.08.2009
2. Rätselhaft
Ist Bulgarien nicht auch groß im Euro fälschen? Mir ist diese EU-Erweiterung - insbesondere Bulgarien und Rumänien - immer noch ein Rätsel. Da ging es doch wohl augenscheinlich nur um die Interessen der Wirtschaft. Ein Fehler.
Fischkopp-Cop 05.08.2009
3. .
Was soll man da groß diskutieren? Bulgarien ist klassischer Balkan und hätte nie und nimmer, wie auch Rumänien nicht, in die EU gehört. Diese weitverbreitete korrupte und kriminelle Einstellung ist noch im Großen und Ganzen lediglich deren innerstaatliches Problem. Allerdings bemerkt man durchaus schon, dass die alten EU-Staaten mit deren Mitgliedschaft dem Verbrechen Tür und Tor geöffnet haben, um derartige Verhältnisse zu importieren.
herbert 05.08.2009
4. solch ein Land in die EU ?
Rumänien und Bulgarien sind Länder wo die Bestechung und Amigo voll in der Blüte steht ! Ob Polizisten oder Politiker, alle nehmen gerne schwarzes Geld und sei es durch kriminelle ´Handlungen. In Rumänien ist es normal, hier schon im kleinen, dass man bei einem Arzttermin oder sonstige Behördentermine ein Geschenk mitbringt. Dies kann ein Pfund Kaffee sein oder eben schwarzes Geld. Erst dann öffnen sich die Türen. Hier in Deutschland undenkbar ! Da nun in diesen Ländern viele zu Geld kommen, entsteht wieder ein Futterneid. Früher alles Amigokomunisten und heute ist es eine Art Mafia. Ich frage mich, ob alle EU Gelder auch wirklich da hinkommen, so sie sollen. Oder ob sich gewisse Figuren an dem Geld bereichern. Rumänien und Bulgarien ist noch lange nicht reif für eine EU. Was ist denn, wenn sich die kriminellen Elemente auf die ganze EU verbreiten?
Frank.W, 05.08.2009
5. Harte Sanktionen
Die EU sollte Bulgarien ein Ultimatum stellen! Herrscht nicht in 12 Monaten rechtsstattliche Verhältnisse -> Rauswurf aus der EU! Nicht dass 2011 mit der endgültigen Absetzung des Schengenabkommens dem ganzen noch Tür und Tor geöffnet wird! Und das ganze natürlich klammheimlich und ohne öffentliches Aussehen... P.S. und die die nun sagen Rauswurf aus der EU geht nicht weil nicht vorgesehen - man kann jedes Gesetz auch ändern! Aber irgend wo is mal Schluß mit Lustig!
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