Präsident Gauck in Afrika Nachhilfe vom Demokratielehrer

Den Jahrestag seiner Präsidentschaft verbringt Joachim Gauck im fernen Äthiopien. Das deutsche Staatsoberhaupt will dort über Freiheit und Demokratie sprechen. Die Gastgeber kann er damit wenig begeistern.

DPA

Aus Addis Abeba berichtet


Die ganz große Bühne macht den Bundespräsidenten ganz klein. Joachim Gauck ist kaum zu sehen, als er in Addis Abeba ans Rednerpult im gigantischen Saal der Afrikanischen Union (AU) tritt. Der Deutsche darf als erster Nicht-Afrikaner zum 50-jährigen Jubiläum der AU reden. Doch das ist schwieriger als man gemeinhin so denken würde.

Gauck will über Demokratie sprechen. Nur: Wie macht man das vor einer Versammlung von Politikern, die es zu einem erheblichen Teil mit der Demokratie - vorsichtig gesagt - nicht immer so genau nehmen?

"Ich bin nicht gekommen, um ein europäischer Lehrer zu sein", hat der Bundespräsident dem Auftritt vorangeschickt. Doch ein selbsternannter Demokratielehrer wie Gauck kann natürlich auch in Afrika nicht aus seiner Haut. Viel habe man in dieser Hinsicht erreicht auf dem Kontinent, aber das reiche eben nicht, sagt er diplomatisch. Gauck benutzt geschickt immer wieder Zitate afrikanischer Denker und Politiker, um seine Argumente zu unterstreichen. Von oben herab, so will er hier auf keinen Fall wirken. "Es lebe Afrika, die Wiege der Menschheit", sagt Gauck am Ende seiner Rede. Die Menge applaudiert. Gauck wirkt erleichtert. Geschafft.

Wellblechhütten neben der Hotel-Luxusinsel

Es ist in mehrfacher Hinsicht eine bemerkenswerte Reise. Denn dieser Montag, der 18. März, ist ein besonderer Tag für den Präsidenten: Vor genau einem Jahr wurde Gauck zum Staatsoberhaupt gewählt. Er hat die vergangenen zwölf Monate eine sehr ordentliche Figur als Bundespräsident gemacht. In den Zeitungen aus der Heimat kann er an diesem Tag fast nur lobende Worte über sich lesen. Ein Bürgerpräsident wollte Gauck sein, ein Präsident vieler Bürger ist er geworden.

Schön für Gauck. Er ist mit sich zufrieden, gibt sich aber bescheiden. "Ich bin 73 Jahre alt, da spielt ein Jahr eine geringe Rolle", sagt der Präsident im Garten der deutschen Botschafter-Residenz.

Dass ausgerechnet Gauck zu seinem ersten Jahrestag in Addis Abeba gelandet ist, entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Äthiopien ist ein Staat, der selbst nach afrikanischen Maßstäben alles andere als ein demokratisches Vorzeigeland ist. Aber die AU hat nun mal ihren Sitz in der äthiopischen Hauptstadt.

Äthiopien versucht sich seit dem Sturz des kommunistischen Militärregimes 1991 am chinesischen Weg: So wenig Demokratie wie nötig, so viel Staatskapitalismus wie möglich. Das hat zur Folge, dass unter den 547 Parlamentsabgeordneten genau einer von der Opposition sitzt, dazu kommt ein unabhängiger Parlamentarier. Freie Medien gibt es keine, Nichtregierungsorganisationen werden massiv in ihrer Arbeit behindert oder gleich verboten. Erst dieser Tage wurden 43 oppositionelle Demonstranten in der Hauptstadt verhaftet. Aber das Bruttoinlandsprodukt Äthiopiens wächst dafür so stark wie kaum irgendwo auf dem Kontinent.

Wenn der Präsident aus seiner Suite im mondänen Sheraton-Hotel blickt, sieht er Hochhäuser mit Leuchtreklame, neue Apartmenthäuser und Baukräne. Aber profitieren alle Äthiopier von dem Aufschwung? Gauck muss nur ein bisschen nach links oder rechts schauen, dann sind da: eine Wellblechhütte neben der anderen. Das Hotelgelände, diese Luxusinsel, ist natürlich schwer bewacht.

"Wir haben uns hier versammelt, einen Märtyrer zu ehren"

Natürlich hat Gauck erst mal brav den ausgestopften Löwen im Premierspalast gestreichelt und anschließend nicht an Lob für die positiven Entwicklungen in Äthiopien gespart - aber dann hat er die demokratischen Defizite im Land offen angesprochen. Ministerpräsident Hailemariam Desalegn hörte sich das dem Vernehmen nach sehr freundlich an - aber entgegnete dem Bundespräsidenten dann ebenso freundlich, dass man hier eben andere politische Vorstellungen habe.

Äthiopien ist ein sehr stolzes Land: Als einziges in Afrika war es nie unter Kolonialherrschaft. Man lässt sich deshalb gerade von Europäern ungern belehren, obwohl man ihre Entwicklungshilfe selbstredend annimmt. Deshalb sind die Chinesen so gern gesehen in Äthiopien - ihnen ist das mit der Demokratie dort genauso schnuppe wie zu Hause.

Gauck will das nicht akzeptieren. Immer wieder formuliert er seine Sorge um die Menschenrechte und die Zivilgesellschaft in Äthiopien und versucht, Zeichen zu setzen. So wie am späten Montagvormittag, als er auf dem internationalen Friedhof Gulele ein Blumengebinde am Grab von Gudina Tumsa niederlegt. Der protestantische Pfarrer Tumsa war wegen seines Widerstands gegen die Militärdiktatur 1979 ermordet worden. "Wir haben uns hier versammelt, einen Märtyrer zu ehren", sagt Gauck. "Das wollen wir nicht vergessen."

Aber was dem Bundespräsidenten wichtig ist, wird die äthiopische Öffentlichkeit wohl auch in diesem Fall nicht erfahren - kein einheimischer Journalist ist mit ans Grab Tumsas gekommen.

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insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
forumgehts? 18.03.2013
1. Was
Zitat von sysopDPADen Jahrestag seiner Präsidentschaft verbringt Joachim Gauck im fernen Äthiopien. Das deutsche Staatsoberhaupt will dort über Freiheit und Demokratie sprechen. Die Gastgeber kann er damit wenig begeistern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/bundespraesident-gauck-zu-besuch-in-aethiopien-a-889578.html
Gauck sagt, ist den Gastgebern doch egal, solange er nur finanzielle Hilfen verspricht. Seine Zuhörer sind alle handverlesen und hören nur das, was sie hören wollen.
Humboldt 18.03.2013
2. Ja, schon...
Zitat von forumgehts?Gauck sagt, ist den Gastgebern doch egal, solange er nur finanzielle Hilfen verspricht. Seine Zuhörer sind alle handverlesen und hören nur das, was sie hören wollen.
...aber er sagt es wenigstens! Ich kenne viele westliche Politiker, welche sehr gerne wachsweiches Schwurbeldiplomatendeutsch benutzen oder Klippenthemen gleich ganz umschiffen, um der mitgereisten Industriedelegation nur ja keinen Auftrag zu versauen!
crocodoc_jl 18.03.2013
3. Hat Gerhard Polt...
als Demokratielehrer im Auftrag der Hans Seidel Stiftung nicht schon alles zum Thema Demokratie in Afrika gesagt? "Dear Tschurangrattlers, after Plato and Cicero came directly... Dr Müller. Or, as we call him in Bavaria, the Ochsensepp. What do democrats actually want? Democrats always want a majority. In Bavaria, absolute majority. How, ladies and gentlemen, do you get a majority? This is not so easy." Ernsthaft, in einer Zeit, in der das Wort Demokratie bei uns umgedeutet wird in "Konsequentes brechen des Eides, dem Volk zu dienen in einem Maße, bis die Wut des Volkes in reine Resignation übergeht und die Untertanen alles mit sich machen lassen", brauchen wir anderen Staaten bestimmt nichts über Demokratie erzählen. Wenigstens hat Herr Gauck in Äthiopien sicher seine Ruhe vor diesem lästigen Frauenpack, das ständig gleichberechtigt sein will. Dort praktiziert man noch Infibulation und dann ist Ruhe.
Mancomb 18.03.2013
4.
Zitat von crocodoc_jlals Demokratielehrer im Auftrag der Hans Seidel Stiftung nicht schon alles zum Thema Demokratie in Afrika gesagt? "Dear Tschurangrattlers, after Plato and Cicero came directly... Dr Müller. Or, as we call him in Bavaria, the Ochsensepp. What do democrats actually want? Democrats always want a majority. In Bavaria, absolute majority. How, ladies and gentlemen, do you get a majority? This is not so easy." Ernsthaft, in einer Zeit, in der das Wort Demokratie bei uns umgedeutet wird in "Konsequentes brechen des Eides, dem Volk zu dienen in einem Maße, bis die Wut des Volkes in reine Resignation übergeht und die Untertanen alles mit sich machen lassen", brauchen wir anderen Staaten bestimmt nichts über Demokratie erzählen. Wenigstens hat Herr Gauck in Äthiopien sicher seine Ruhe vor diesem lästigen Frauenpack, das ständig gleichberechtigt sein will. Dort praktiziert man noch Infibulation und dann ist Ruhe.
Verdammt, das wollte ich auch gerade sagen... die Ähnlichkeiten sind frappierend. Ich denke auch, dass belehrende Worte, noch dazu aus dem Kontinent, der Afrika dereinst versklavte und ausbeutete, hier wohl eher Fehl am Platz sind. Die Afrikaner wollen nicht bemuttert werden, das will doch eigentlich niemand.
cato-der-ältere 18.03.2013
5. Irrelevant
Absolut vorhersehbar was Gauck sagt. Von ihm kommt sicher nichts mehr in den weiteren vier (!) Jahren, das irgendwie unsere oder sonst eine Gesellschaft voranbringen würde. In Afrika ein bisschen nett verdruckste Belehrungen zu erteilen, das ist ebenso relevant als ob in China ein Sack Reis umfällt. Vielen Dank lieber Spiegel, Bildzeitung und sonstige "Leitmedien" für diesen Präsidenten. Aber klar, zu den obligatorischen Anlässen müht man sich halt wieder ein anerkennendes Textchen ab, und freut sich still über den Coup den man gelandet hat: dem Volk eine neoliberale Schlaftablette verpasst.
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