Gauck in der Schweiz Feuerwehrmann der Freundschaft

Joachim Gauck ist auf mühsamer Mission in der Schweiz. Das Nachbarland gilt vielen Deutschen inzwischen als Hort der Steuerflucht und der Fremdenfeindlichkeit. Der Bundespräsident will das gestörte Verhältnis reparieren.

Bundespräsident Gauck: "Ein Freund bei Freunden"
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Bundespräsident Gauck: "Ein Freund bei Freunden"

Aus Bern berichtet


Eigentlich habe er später kommen wollen, gegen Jahresende, verrät Joachim Gauck, als er gerade erst in Bern gelandet ist. Dann aber sei einiges passiert zwischen den Deutschen und den Schweizern. Deshalb, sagt der deutsche Bundespräsident, "erschien es mir wichtig, diesen Besuch vorzuziehen".

Nun steht er im Gästehaus des Schweizer Bundespräsidenten neben seinem Gastgeber Didier Burkhalter und versucht, den Wortstamm "Freund" in jedem Satz mindestens einmal unterzubringen. Und das klingt so: "Dies ist ein Besuch eines Freundes bei Freunden." Er spricht von "Netzwerken der Freundschaft", die entstanden seien. Irgendwas muss faul sein mit dieser Freundschaft, die derart der Betonung bedarf.

Kaum ein Land hat zuletzt einen heftigeren Imageverlust erlitten als die Schweiz - zumindest aus Sicht vieler Deutscher. Bis vor kurzem war es das leicht schrullige, aber immer liebreizende Land der Toleranz und der Friedfertigkeit, es war Zufluchtsort für die Verfolgten aller Länder und das Land des Geistes, auch der großen Literaten.

Inzwischen ist es für viele Deutsche das Land, in dem Uli Hoeneß steuerfrei mit Hunderten Millionen zocken konnte und dessen Bürger Angst vor Fremden haben.

Gauck kommt als Feuerwehrmann, will Verdächtigungen und Misstrauen entgegenwirken, ehe das Verhältnis beider Staaten und Völker noch trüber wird.

Steuern? Ein unangenehmes Thema

Denn es hat sich ja tatsächlich etwas verschoben. Es stimmt ja, dass die Schweizer Bürger am 9. Februar in ihrer Volksabstimmung mit knapper Mehrheit eine Initiative gegen "Masseneinwanderung" angenommen haben, die eine klare Begrenzung der Zuwanderung vorsieht - auch wenn der Politik ein Zeitraum von drei Jahren eingeräumt wurde, um diese umzusetzen. Gerade EU-Bürger, für die bislang volle Personenfreizügigkeit galt, werden davon betroffen sein. Auch Deutsche.

Und natürlich erleichtert es die Schweiz Bürgern der Bundesrepublik mit ihrem Bankgeheimnis noch immer, den deutschen Staat zu betrügen. Für Gauck sind die Steuern ein unangenehmes Thema. Bei Bundespräsident Burkhalter spricht er es gar nicht erst an.

Stattdessen spricht Gauck von "windigen Äußerungen, die entstanden sind", und meint den Sozialdemokraten Peer Steinbrück und dessen Äußerung, im Kampf gegen das Schweizer Steuergeheimnis die "Kavallerie" loszulassen. Gauck ist das erkennbar peinlich.

Auf die Frage, ob er den wachsenden Ärger in Deutschland verstehen könne, dass Deutsche ihr Geld noch immer in der Schweiz verstecken können, reagiert der Schweizer Bundespräsident, als habe er sie nicht verstanden. "Wir in der Schweiz machen unsere Steuererklärungen selbst", sagt Didier Burkhalter etwa. Er hätte auch sagen können: Ein Spiel dauert 90 Minuten.

Dann tut Burkhalter so, als sei das Problem der Steuerhinterziehung ein längst gelöstes Ärgernis aus der Vergangenheit. Man arbeite ja an einem internationalen Informationsaustausch mit. "Aber die Regeln müssen für alle gelten." Er spielt darauf an, dass Deutsche ihr Geld auch in anderen Ländern verstecken können. Das mag zwar stimmen, aber eine Rolle als Vorbild wird sein Land so nicht einnehmen.

Zufluchtsort für freie Geister

Im Umgang mit dem Zuwanderungsvotum, das zur Aufkündigung der bilateralen Abkommen zwischen der Schweiz und der EU führen kann, ist größeres Problembewusstsein erkennbar.

Gauck ermahnt, indem er hemmungslos lobt. Die Schweiz sei immer wieder das Ziel jener gewesen, "die vor geistiger Enge flohen", ein "Refugium für verfolgte Künstler" und "freie Geister". Er zitiert auch den Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg, der es einst als Wesenszug seiner Landsleute beschrieb, dass "jedem grundsätzlich erst einmal Vertrauen entgegengebracht" werde. Will ein solches Land sich nun selbst dem Vorwurf geistiger Enge aussetzen? So lautet die unausgesprochene Frage dahinter.

Er sei optimistisch, dass die Schweiz die bevorstehenden Jahre nutzen werde, um eine Lösung im Umgang mit dem Votum zu finden. "Wir können noch nicht sagen, worin dieser Optimismus begründet ist", bekennt Gauck, und sein Publikum muss lachen.

Denn in der Schweiz herrscht derzeit Ratlosigkeit. Man kann den Bürgern ja nicht einfach erklären, dass sie falsch gewählt haben und bitte noch mal ranmüssten.

Gleich nach seiner Ankunft ahnte Gauck offenbar, dass sein spontaner Einsatz als Feuerwehrmann der Freundschaft nicht lange genug dauern würde, um alle Brandherde zu löschen. "Ich wünschte, der Besuch könne zehn Tage dauern."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 211 Beiträge
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Seite 1
pikup 02.04.2014
1. Eine hohe Meinung hatte ich pers.
von Gauck noch nie. Dieses verzapfen von Besserwisserei bestätigt mich in meiner Meinung. Gauck sollte sich in kirchlichen Gefielden bewegen, da gehört er hin.
Hübitusse 02.04.2014
2. Amüsant
"Die Deutschen" sollten gerade was Fremdenfeindlichkeit angeht nicht so sehr mit den Fingern auf andere Zeigen. "Die Deutschen" sollten sich in Sachen Steuern auch mehr auf sich selbst konzentrieren - schliesslich nimmt man uns im Ausland mittlerweile als Volk wahr, dass sich nur zu gerne gegenseitig betrügt: Das wichtigste Element der Steuerflucht sind nämlich die Steuerflüchtlinge. Und davon scheint es gerade in Deurschland mehr zu geben als anderswo...
radeberger78 02.04.2014
3. Politische Tretmine
Zitat von sysopDPAJoachim Gauck ist auf mühsamer Mission in der Schweiz. Das Nachbarland gilt vielen Deutschen inzwischen als Hort der Steuerflucht und der Fremdenfeindlichkeit. Der Bundespräsident will das gestörte Verhältnis reparieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/bundespraesident-gauck-zu-besuch-in-der-schweiz-a-962048.html
jetzt vergräzt Herr Gauck auch noch die Eidgenossen. Er sollte lieber mal ein bisschen Verständnis aufbringen, schließlich haben auch wir und der Rest der EU Einwanderungsbeschränkungen. Und im Interesse des kleinen Bürger ist eine zu lasche Einwanderungspolitik schon aus dem Grund nicht, weil durch die vielen Einwander Lohn-Dumping betrieben wird. Das haben die Schweizer richtig erkannt. Und Lohn Dumping ist eines der Grundprobleme in der EU, dass wird Deutschland als Hauptsünder noch auf die Füße fallen.
Steffen K. 02.04.2014
4. ***
Zitat von sysopDPAJoachim Gauck ist auf mühsamer Mission in der Schweiz. Das Nachbarland gilt vielen Deutschen inzwischen als Hort der Steuerflucht und der Fremdenfeindlichkeit. Der Bundespräsident will das gestörte Verhältnis reparieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/bundespraesident-gauck-zu-besuch-in-der-schweiz-a-962048.html
Für mich gilt die Schweiz als Hort der Demokratie und ausgeschlafener Bürger - die sich nicht für dumm verkaufen lassen.
Creedo! 02.04.2014
5. hm ...
Zitat von sysopDPAJoachim Gauck ist auf mühsamer Mission in der Schweiz. Das Nachbarland gilt vielen Deutschen inzwischen als Hort der Steuerflucht und der Fremdenfeindlichkeit. Der Bundespräsident will das gestörte Verhältnis reparieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/bundespraesident-gauck-zu-besuch-in-der-schweiz-a-962048.html
Welche Mission verfolgt BP Gauck? Möchte er, dass sich der deutsche Steuerflüchtling zukünftig in der Schweiz willkommen fühlt, wenn er dort persönlich aufläuft? Es ist ja nicht so, dass die Schweiz irgendwie wichtig wäre. Von Bedeutung ist sie ja nur für Steuerflüchtlinge oder als Ruhestätte für Gelder verflossener Diktatoren und ermorderter Volksscharen. Wenn BP Gauck Verhältnisse zu Staaten verbessern will, könnte er eben im Osten Europas, sprich in Russland, mehr Sinnbringendes tun.
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