Entscheidung am Sonntag: So sieht die Welt die deutsche Wahl

Von unseren Auslandskorrespondenten

Kanzlerin Merkel: Die Briten nennen sie "Queen of Europe" Zur Großansicht
REUTERS

Kanzlerin Merkel: Die Briten nennen sie "Queen of Europe"

Das soll ein politischer Schlagabtausch sein? Mancher Beobachter im Ausland schüttelt den Kopf über den deutschen Wahlkampf. Wahre Exportschlager hingegen sind Stinkefinger und Schlandkette. Von Moskau über Kapstadt bis nach Rio: So blickt die Welt auf Deutschland.

Hamburg - Es wäre übertrieben zu sagen, dass die Welt auf diesen 22. September hinfiebert. Auch im Ausland wird über einen lahmen Wahlkampf in Deutschland gestöhnt, sieht man das Rennen doch bereits zugunsten der Kanzlerin entschieden. Außerdem plagen jedes Land seine eigenen Probleme.

Doch je näher der Sonntag kommt, desto stärker rückt die Wahl in Deutschland auch in fernen Ländern in den Fokus. Die Euro-Staaten schauen ohnehin mit Sorgen und Hoffnungen auf das Rennen ums Kanzleramt. Schließlich gibt Berlin den Takt bei Schuldenkrise und Euro-Rettung vor.

Und die Skurrilitäten des Wahlkampfs, Schlandkette und Steinbrück-Finger, haben die Wahl auch in entlegene Winkel der Welt bekannt gemacht. In Brasilien gilt Herausforderer Peer Steinbrück als "leicht erregbarer Feuerkopf", in Südafrika wundert man sich über ein Wort aus dem CDU-Wahlprogramm.

Viele Länder haben ihren ganz eigenen Blick auf diese deutsche Wahl. Korrespondenten von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE berichten aus aller Welt: Wo ruhen die Hoffnungen der Konservativen auf der Alternative für Deutschland? Wie blicken Chinas Blogger auf Kanzlerin "Mo Ke Er"? Und in welchem Land spielt Claudia Roth eine wichtige Rolle für den Wahlausgang?

Klicken Sie auf die Bilder oder wischen Sie sich durch die Texte.

So blickt das Ausland auf die Bundestagswahl
REUTERS

USA: Die deutsche Obsession mit der Privatsphäre

Die "New York Times" berichtete kürzlich ausführlich über den Bundestagswahlkampf. Eine Reporterin bemühte sich nach Düsseldorf, wo die Kanzlerin den Endspurt einläutete. Sie schrieb über Merkels "hohe Popularität", über die typisch deutsche "Koalitionsmathematik", über den "weithin erwarteten" Sieg der CDU. 467 Wörter schrieb die Reporterin. Die Worte "Peer" und "Steinbrück" waren nicht darunter.

Typisch: Amerikas politische Elite verfolgt den Wahlkampf - doch quasi nur mit einem Auge. Niemand erwartet eine Niederlage Merkels. "Die Chancen, dass Peer Steinbrück das Land nach der Wahl regiert, sind gering", weiß das "Wall Street Journal", das Steinbrück immerhin beim Namen nennt und ihm "gute Noten für seine Kenntnis komplexer Fragen" einräumt.

Keine Aufregung also: Alles bleibt beim Alten. Dank dem NSA-Skandal und der Syrien-Debatte sind die deutsch-amerikanischen Beziehungen zurzeit zwar etwas unterkühlt. Zugleich ist Merkel für Washington aber eine bekannte Größe. Man weiß, dass sie letztlich ein verlässlicher Partner ist und die jetzigen Störungen nicht zuletzt nur Wahlkampf sind.

Selbiger sei "langweilig", nörgelt "US News & World Report" und mokiert sich unter anderem über Merkels und Steinbrücks "vorgefertigte Reden". Ab und zu flackern Wahlkampf-Kuriosa durch die US-Medien. Zuletzt etwa Steinbrücks Stinkefinger oder die Probleme der Kandidaten mit dem Internet, die das "Wall Street Journal" auf die "ältere Bevölkerung" und das deutsche "Besessensein von der Privatsphäre" zurückführt.

Marc Pitzke, New York

Stefan Simons

Frankreich: SPD-Fahnen unter dem Eiffelturm

Rote Fahnen mit SPD-Emblemen neben Flaggen der Sozialistischen Partei Frankreichs, Flugblätter und Genossen im Gespräch mit deutschen Touristen. Zwischen Eiffelturm und Trocadero verteilten gut drei Dutzend in Paris ansässige Sozialdemokraten Anfang des Monats Parteipropaganda an Urlauber aus der Heimat: Die symbolische Kundgebung an der Seine blieb die bisher auffälligste Erscheinung des bundesdeutschen Wahlkampfs.

Der stößt ansonsten in Frankreich auf Gleichgültigkeit. Die eigenen Probleme, Wirtschaftsmisere, Steuererhöhungen und Rentenreform, haben das Rennen jenseits des Rheins zur Nebensache degradiert, und die leidenschaftslose Auseinandersetzung in Deutschland sorgt nicht gerade für enormes Medieninteresse. "Ein Nicht-Ereignis", urteilte das Wirtschaftsblatt "La Tribune".

Dabei ist Deutschland durchaus keine Nebensache: Der Frankreich-Besuch von Präsident Joachim Gauck, dessen Verneigung vor den Opfern der Nazi-Besatzer in Oradour-sur-Glane fand in den Zeitungen und im Fernsehen ein durchweg breites, positives Echo. Doch der Wahlkampf? Bis kurz vor dem Urnengang blieb der in Frankreich unter dem Radar: Dann erst berichteten Radio und TV-Stationen von vor Ort. Die Zeitungen, je nach politischer Couleur, titelten "Deutschland - die Kehrseite eines Modells" ("Libération") oder "Die Franzosen wählen Merkel" ("Le Figaro").

Während Merkel als "eiserne Madame" charakterisiert wird, gilt der SPD-Herausforderer als ziemlich unbekannte Größe. Als "liebsten Sozialisten der Deutschen", beschreibt ihn "Le Figaro" und fragt wortspielerisch: "A qui perd Peer?" (Gegen wen verliert Peer?) Nur der Stinkefinger-Pose verdankt er neuerdings eine gewisse Bekanntheit. "Steinbrück schockiert Deutschland", glaubt "Le Monde".

Stefan Simons, Paris

AFP

Großbritannien: Tories hoffen auf die AfD

Die diesjährige Bundestagswahl stößt bei den Briten auf größeres Interesse als frühere Wahlen. Seit Angela Merkel in der Euro-Krise zur "Queen of Europe" verklärt wurde, gilt das Amt des Bundeskanzlers als europäischer Schlüsselposten. Wer in Berlin regiert, so die neue Vorstellung auf der Insel, bestimmt die Geschicke der gesamten EU.

Über den Ausgang der Wahl haben die meisten Kommentatoren keinen Zweifel: Merkel gilt als sichere Siegerin, die SPD spielt allenfalls als möglicher Koalitionspartner eine Rolle. Die Stimmung in Deutschland sei ähnlich wie 1957, als Adenauer mit dem Slogan "Keine Experimente" punktete, kommentiert Deutschland-Kenner David Gow auf der Webseite "British Influence".

Der "Economist" spricht in einem Leitartikel eine Wahlempfehlung für Merkel aus: Sie sei eine "sicherere Wahl" als Peer Steinbrück. Das liberale Blatt hofft, dass sie in der dritten Amtszeit ihr altes Reform-Ich von 2005 wiederfinden und die deutsche Blockadehaltung auf EU-Ebene aufgeben möge. Diese Hoffnung wird jedoch von kaum jemandem geteilt. Merkel werde ihre zögerliche Politik fortsetzen, schreibt die "Financial Times". Nach der Wahl werde sie wahrscheinlich noch weniger Spielraum haben, den Forderungen der Südländer entgegenzukommen.

Mit Spannung wird auf der Insel das Abschneiden der Euro-Gegner-Partei Alternative für Deutschland erwartet. Der Druck von rechts werde Merkel dazu bringen, gemeinsam mit Premier David Cameron Machtkompetenzen aus Brüssel auf die nationale Ebene zurückzuholen, hoffen euroskeptische Tories.

Carsten Volkery, London

REUTERS

Russland: Merkel und die deutsche Seele

Im Kreml geht man davon aus, dass Angela Merkel mit großer Wahrscheinlichkeit Kanzlerin bleibt. Wladislaw Below, Deutschland-Experte der Akademie der Wissenschaften und Regierungsberater, ist sich sicher, dass die Kanzlerin die Wahl gewinnt: "Merkel allein wird entscheiden, welche Koalition regieren wird. Die Chance auf Schwarz-Gelb ist größer als auf eine Koalition mit der SPD."

Wunschmodell des Kreml wäre allerdings eine Koalition mit dem russlandfreundlicheren Sozialdemokraten. Mit Altkanzler Gerhard Schröder (SPD), heute in Diensten des russischen Energieriesen Gazprom, verbindet Präsident Wladimir Putin eine enge Freundschaft, mit Merkel liegt er oft über Kreuz.

Die schlechteste Variante für ihn wäre wohl ein schwarz-grüner Zusammenschluss. Dann würden Menschen- und Bürgerrechte von den Deutschen noch häufiger zum Thema in den in letzter Zeit angespannten deutsch-russischen Beziehungen. Der Grüne Volker Beck hat sich auch in Moskau einen Namen gemacht, weil er mehrmals in der russischen Hauptstadt für Homosexuellenrechte demonstrierte.

Merkel kann man trotz der Differenzen immerhin einschätzen. Der Politologe Nikolaj Pawlow vom Moskauer Institut für Internationale Beziehungen beurteilt die Kanzlerin so: "Merkel ist einfach keine charismatische Person und eine schlechte Rednerin. Aber sie setzt auf ihre Stärken: eine stabile Politik, von der wenig Überraschungen zu erwarten sind. Aber das liegt den Deutschen ja in der Seele."

Claudia Thaler, Moskau

REUTERS

Italien: Das Leid mit "La Merkel"

Wenn die Bundestagswahlen zum Thema werden, was eher selten geschieht, dann geht es um die "Politik in Berlin", repräsentiert durch "La Merkel", um Deutschlands dominante Rolle in Europa, um Deutschlands Egoismus und ökonomischen Rigorismus. Die Deutschen setzten sich "mit starkem Willen" durch, schrieb etwa die "Repubblica"-Kolumnistin Barbara Spinelli, und verträten ihre ökonomischen Konzepte als " erhabene moralische Ansichten": Da sind dann "Schulden gleich Schuld".

Auch beim gemeinen Volk, beim Plausch in der Kaffeebar wie in Internetforen, geht es darum, dass der "Euro für Deutschland ein Segen", für Italien dagegen "ein Unheil" sei, dass "die Deutschen" das Wort Solidarität aus ihrem Wortschatz gestrichen hätten und "La Merkel" ungeeignet sei, Europa zu führen. Und, "purtroppo", leider, werde sie wohl auch nach den Wahlen regieren.

Gelegentliche Gegenpositionen zur Merkel-Politik werden in italienischen Medien eher an Intellektuellen festgemacht, etwa am Nobelpreisträger Günter Grass - Zitat: "Mit einem Marshall-Plan für Europa könnte die Linke Merkel schlagen" - oder am Soziologen Ulrich Beck mit seinem Wortspiel "Merkiavelli".

Ein Mann namens Steinbrück kam in den Berichten über das TV-Duell mit Merkel zwar kurz vor (Ausgang: "unentschieden" für die linksliberale "Repubblica", "ein Sieg nach Maß für Merkel", so der konservative "Corriere della Sera") - ansonsten spielt er keine Rolle. Über die Wahrnehmungsschwelle eines größeren Teils der Italiener hüpfte er im Februar einmal kurz, als er höhnte, "zwei Clowns" hätten die italienischen Wahlen gewonnen. Aber auch das war bald vergessen.

Hans-Jürgen Schlamp

Getty Images

Südafrika: Özil schlägt Merkel

Wahlen? Wo? In Deutschland? Die Südafrikaner interessiert das Thema genauso wenig wie der berühmte Sack Reis, der irgendwo in China umfällt. Eine gewisse "Missis Angela Merkel", die kennt man, die regiert ja schon ewig und taucht manchmal als Herrscherin Europas und Retterin des Euro in den Nachrichten auf.

In den Zeitungen ist mehr über den Fußballer Mesut Özil zu lesen als über die deutsche Bundeskanzlerin. Das liegt an seinem spektakulären Wechsel zum englischen Club FC Arsenal. Denn alles, was im Vereinigten Königreich, der ehemaligen Kolonialmacht, geschieht, wird lang und breit ausgewalzt, von Premierminister David Camerons Syrien-Debakel bis zu den Windeln des königlichen Babys von William und Kate. Aber Germany? Das ist eine ökonomische Großmacht, die gerade ihre Atomkraftwerke demontiert und die Welt mit Mercedes und Porsche beglückt.

Deutschland ist nach China der zweitwichtigste Handelspartner der Kap-Republik. Was dort politisch los ist, will außer ein paar Wirtschaftsexperten niemand so genau wissen. Einzige Ausnahme im Wahlkampf: die schwarz-gold-rote Halskette, die die Bundeskanzlerin beim TV-Duell mit Peer Steinbrück trug.

Eine Meldung von "news 24", dem größten Nachrichtenportal Südafrikas, spießt die zwölfmalige Erwähnung des Wortes "Lärm" im Wahlmanifest der CDU auf. Die Leser konnten sich selber einen Reim darauf machen: Deutschland, ein Nachtwächterstaat, in dem demnächst gewählt wird.

Bartholomäus Grill, Kapstadt

DPA

Türkei: Ein Land sieht Roth

Die Türkei hat wegen der vielen türkischstämmigen Menschen, die in Deutschland leben, ein besonderes Verhältnis zur Bundesrepublik. Was deutsche Politiker sagen, wird deshalb genau wahrgenommen - und bewertet. Sowohl Bundeskanzlerin Angela Merkel als auch Herausforderer Peer Steinbrück sind bekannte Namen.

Auch bei dieser Wahl ist für die Türkei die Frage der EU-Mitgliedschaft wichtig: Zwar häufen sich die Stimmen in der Regierung in Ankara, man strebe das nicht mehr an. Aber offizielle Politik ist noch, in die EU aufgenommen werden zu wollen. Und genau deshalb ist man Angela Merkel in herzlicher Abneigung verbunden. Die türkische Regierung macht sie dafür verantwortlich, dass die Türkei weit von diesem Ziel entfernt ist. Die Union, merkt man spitz an, sei die einzige deutsche Volkspartei, die es in ihrem Programm ausdrücklich ablehne, die Türkei in die EU aufzunehmen.

Auch der NSU-Prozess wird von der türkischen Politik und der türkischen Presse zum Thema gemacht. Manche Kolumnisten fordern hartes Durchgreifen der deutschen Politik gegen die Terroristen - in Verkennung der Tatsache, dass das Urteil Sache des Gerichts, nicht der Politik, ist.

Bei den Deutschtürken liegt diversen Umfragen zufolge Rot-Grün weit vor Union und FDP. Ähnlich war die Stimmung lange in der Türkei. Doch beide haben an Zustimmung verloren: die SPD wohl auch wegen der umstrittenen Thesen Thilo Sarrazins, die Grünen vor allem wegen des Solidaritätsbesuchs von Grünen-Chefin Claudia Roth bei den Gezi-Demonstranten.

Die Türken sind gespalten, und viele halten dem autoritär, aber wirtschaftlich erfolgreich regierenden Premierminister Recep Tayyip Erdogan die Treue. Eine Einmischung deutscher Politiker in die Proteste kommt bei ihnen gar nicht gut an.

Hasnain Kazim, Istanbul

China: Eine Kanzlerin namens Mo Ke Er

Die Deutschen sind die Lieblingseuropäer der Chinesen, das beweist ein Blick in Chinas belebte Blogosphäre. Aber wenn es um die bevorstehende Bundestagswahl geht, überwiegen Ironie und Selbstironie. Seit August informiert die Deutsche Botschaft in Peking auf ihrem Weibo-Account (87.000 Follower; die US-Botschaft hat 700.000) täglich über die Wahl. Manche Kommentare sind pfiffig und lehrreich, andere eher resigniert: "Die Deutschen", schreibt einer, "haben den Marxismus exportiert, halten selbst aber demokratische Wahlen ab." Ein anderer fragt: "Können wir einmal diesen Wahlzettel sehen?" Ein Dritter: "Tante Mo! Tante Mo! Tante Mo!" Damit ist Bundeskanzlerin Angela Merkel gemeint. Ihr chinesischer Name lautet: Mo Ke Er.

Als die Botschaft letzte Woche einen Eintrag über eine 18-jährige Deutsche postete, die gerade in Peking ist und hier zum ersten Mal wählt, kommentierte ein Chinese: "Ich bin 27 und habe in meinem Leben noch keinen Wahlzettel gesehen. Schande, Schande." Ein anderer stellt fest: "Während die Menschen sich in einem demokratischen Staat ihre politischen Führer aus einer Gruppe von Parteien und Kandidaten aussuchen können, warten wir hier immer noch auf die Erscheinung eines weisen Kaisers."

Das offizielle China erwartet keine Überraschungen von der Wahl und misst das Land an einem Maßstab, der auch in China höchste Priorität hat: Stabilität. "Um Deutschlands politische Trends in den kommenden Wochen zu verstehen", schreibt Chen Yongjie von der Sun Yat-sen-Universität in Guangzhou, "muss man diese Nation kennen, deren Menschen Risiken verabscheuen – was immer gerade das politische System ist. Deutsche Politik gleicht ihrem Stil nach ein wenig der deutschen Wirtschaft: Auch die überrascht selten, wird dafür aber auch unter Druck nie nervös."

Bernhard Zand, Peking

AP

Brasilien: Steinbrück, der Feuerkopf

Der Kult um die Kette hat es bis nach Rio geschafft. Der wahre Sieger der TV-Debatte sei der Halsschmuck der Kanzlerin, schrieb die brasilianische Zeitung "O Globo". Nicht die Euro-Krise und erst recht nicht der Syrien-Krieg. Wahlkämpfe in Deutschland galten in Brasilien noch nie als Straßenfeger. Deutschland gilt als solide, ein bisschen langweilig und allen Experimenten abgeneigt – und so wird auch der Wahlkampf wahrgenommen, sofern überhaupt über ihn berichtet wird.

Peer Steinbrück ist in Brasilien ein unbeschriebenes Blatt. Als leicht erregbaren Feuerkopf, der kein Fettnäpfchen auslasse, beschreibt ihn Brasiliens wichtigster Nachrichtensender GloboNews. Er sei ein "Risikokandidat" und auch innerhalb der SPD umstritten. Merkel gelte dagegen als "ehrlich"; sie verkaufe sich als "die deutsche Mutter, die ihre Kinder vor der Euro-Krise beschützt". Reporterin Elisabeth Carvalho verglich sie mit Helmut Kohl und Konrad Adenauer, weil sie voraussichtlich ebenso lange an der Macht bleiben werde.

"Wie deutsch wird Europa?", fragt Carvalho und staunt, dass die Euro-Krise nicht im Zentrum des Wahlkampfs steht. Im Rahmen einer vierteiligen Serie über Deutschland vor der Wahl hat sie mehrere Zwergparteien aufgesucht, darunter die AfD, die NPD und die Piraten. Diese hätten zwar keine Chance auf Mandate im Bundestag, aber sie seien symptomatisch für die Aufsplitterung des politischen Systems.

Jens Glüsing, Rio de Janeiro

REUTERS

Indien: 1,2 Milliarden andere Sorgen

Der Wahlkampf hat begonnen in Kusumpur Pahari, dem größten Slum Neu-Delhis. Voraussichtlich im November wird in der indischen Hauptstadt ein neues Regionalparlament gewählt, und Kandidaten aller Parteien entdecken nun ihr Herz für die rund 300.000 Bewohner des Elendsquartiers. Auch diesmal soll alles besser werden, sogar Abwasserleitungen wollen einige Politiker legen lassen. Weil es die bisher nicht gibt, müssen die Armen ihre Notdurft im Freien erledigen, unter Sträuchern auf einer Schutthalde.

"Die Politiker beschimpfen sich alle gegenseitig, wer mag ihnen glauben?", fragt Schabab. Der 24-Jährige hat keinen Job, er hilft ab und zu bei einer Schule aus, die von einer NGO betrieben wird. Dass derzeit auch im fernen Deutschland Wahlkampf toben soll, hört er zum ersten Mal. Es interessiert ihn auch nicht wirklich. Schahab und seine 1,2 Milliarden Landsleute haben andere Sorgen. Die Wirtschaft wächst nur noch mit halber Kraft, der Wechselkurs der Rupie fällt und fällt, die Preise für Öl und Lebensmittel steigen.

Über Politik und Wirtschaft liest Schahab in den Zeitungen. Angela Merkel oder ihr Herausforderer kommen da kaum vor, die meisten Blätter haben keine Berlin-Korrespondenten. Die große Tageszeitung "Hindu" lässt den deutschen Wahlkampf beispielsweise von Paris aus beobachten. Doch Schahab und seine Nachbarn haben genug zu tun mit dem Kampf ums tägliche Überleben. Ständig bricht hier Streit ums Trinkwasser aus. Auch dafür geloben die Wahlkämpfer nun Abhilfe. "Vor Wahlen versprechen sie viel, danach lassen sie sich nicht mehr blicken", sagt Schahab. Zumindest in diesem Punkt, vermutet er, dürften sich Wahlkämpfe in Indien und Deutschland nur wenig unterscheiden.

Wieland Wagner, Neu-Delhi

AP

Spanien: "Das sind auch unsere Wahlen"

Señora Merkel ist nicht gerade beliebt in Spanien, aber sie ist präsent. Was immer die Kanzlerin in der Euro-Krise fordert, sagt oder nicht sagt, wird aufmerksam beobachtet. Einige stilisieren die Bundestagswahl gar zum alles entscheidenden Wendepunkt. "Die deutschen Wahlen sind auch unsere Wahlen", orakelt "El Periódico".

Doch tatsächlich glauben viele Spanier angesichts der Umfragewerte, die Wahl sei bereits gelaufen. Merkel bleibt Kanzlerin. Was nach der Wahl geschieht, wird mit einer Mischung aus Angst und Hoffnung betrachtet – wie wohl in vielen Krisenstaaten. Angst, weil Merkel-Deutschland als hartherziger Sparmeister gilt.

So sind immer wieder Appelle zu hören, Deutschland müsse stärker als bisher auf Wachstum setzen. "Die Bundestagswahl sollte den Weg dazu freimachen, dass dringend benötigte Projekte wie die Bankenunion oder die Überwindung der Griechenland-Krise endlich vorankommen", meint die Zeitung "El País".

Hoffnung, weil Regierungskreise jetzt raunen, Berlin wolle den Sparkurs lockern. Auch wenn in Deutschland davon nicht die Rede ist. Diese Hoffnung stützt sich auch darauf, dass es eine Große Koalition geben könnte und die SPD weniger hart für Sparmaßnahmen eintritt. Die SPD gilt als sensibler und offener für die Nöte der Südeuropäer.

Doch einen wirklich großen Schwenk in der Euro-Politik in ihrem Sinne – das wissen die Spanier – können sie von den deutschen Parteien nicht erwarten. Für viele bleibt auch die Enttäuschung, dass das Thema Europa und Euro-Krise im deutschen Wahlkampf ausgeklammert wurde.

Katharina Peters

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 105 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Altkanzler Helmut Schmidt warnt vor großen EUROKRISE -
Epikurus 20.09.2013
Schweigen in den deutschen Medien. Heisse Eisen werden im Wahlkampf ausgeklammert. Helmut Schmidt äußerte im Interview bei der Bild-Zeitung am 20.09.13, dass "die Zukunft der Europäischen UNION und unserer Währungsgruppe aus 17 Staaten höchst zweifelhaft ist" . Er sagt, dass dieses Thema im Wahlkampf zu kurz gekommen sei. Er sagt, " spätestens im Laufe des Jahres 2013 werden die Deutschen - vor allem wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage in Griechenland, in Portugal und in anderen Staaten Südeuropas - von allen Seiten zur Kasse gebeten werden". Da ist es kein Wunder, wenn in den ausländischen Medien der Kopf geschüttelt wird, wenn man den Eindruck hat, die Hauptaufgabe im Wahlkampf sei es den Stinkefinger von Steinbrück richtig zu deuten.
2.
jeff 64 20.09.2013
Es ist schon traurig zu sehen, dass die "web-Gemeinde" nicht mal in der Lage ist, ihre eigenen Nationalfarben-Kombination zu erkennen. Die Farbstellung der Kette zeigt die BELGISCHE Flagge . Deutschland hat Schwarz- Rot - Gold. Belgien: Schwarz - Gold - Rot.
3. -------------
brux 20.09.2013
Für Frankreich ist die Analyse einfach falsch. Es stimmt zwar, dass die Franzosen mit ihrer als Republik verkappten Monarchie und ihrer extremen politischen Polarisierung die deutsche Koalitionsarithmetik nicht begreifen, aber das deutsche Modell bei der Wirtschafts- und Sozialpolitik wird seit langem heftig diskutiert. Sarkozy hatte Merkels Deutschland im Wahlkampf zum Vorbild erklärt und die Sozialisten haben mit der Duldung Hollandes mit übler Hetze gegen Deutschland reagiert (Godwin´s law kennt man in Frankreich leider nicht). Jetzt fürchtet man, dass Merkel Hollande für seine Dummheit und Arroganz bestrafen wird. Das wird so nicht kommen (obwohl er es verdient hätte), aber viele erwarten eben doch, dass Deutschland unter Merkel Frankreich nicht mehr wirklich ernst nehmen und nach eigenen Vorstellungen in Europa davon ziehen wird.
4. ------------------
brux 20.09.2013
Zitat von EpikurusSchweigen in den deutschen Medien. Heisse Eisen werden im Wahlkampf ausgeklammert. Helmut Schmidt äußerte im Interview bei der Bild-Zeitung am 20.09.13, dass "die Zukunft der Europäischen UNION und unserer Währungsgruppe aus 17 Staaten höchst zweifelhaft ist" . Er sagt, dass dieses Thema im Wahlkampf zu kurz gekommen sei. Er sagt, " spätestens im Laufe des Jahres 2013 werden die Deutschen - vor allem wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage in Griechenland, in Portugal und in anderen Staaten Südeuropas - von allen Seiten zur Kasse gebeten werden". Da ist es kein Wunder, wenn in den ausländischen Medien der Kopf geschüttelt wird, wenn man den Eindruck hat, die Hauptaufgabe im Wahlkampf sei es den Stinkefinger von Steinbrück richtig zu deuten.
So ist das bei Wahlen eben. Wir wählen ja nicht einmal den Kanzler, sondern ein Parlament, was offenbar keinem auffällt. Die Debatte zur Übernahme der Schulden der anderen wird aber so sicher kommen wie das Amen in der Kirche, zumal Deutschland das gar nicht leisten kann, selbst wenn es wollte. Kommt die AfD über 5%, beginnt die Debatte sogar schon am Montag.
5. Finger, Ketten und Niveau
libertin666m 20.09.2013
Wenn sich Wähler mit Stinkefinger und Halsketten beschäftigen lässt dies vermuten, dass sie sich weder mit Parteiprogrammen noch mit den Leistungen bzw. Nicht-Leistungen der einzelnen Parteilen beschäftigen. Traurige Vermutungen über diese "mündigen" Wähler lassen erklären wieso Parteien welche sich durch Lobbysmus und Steuerzahler finanzieren lassen überhaupt noch gewählt werden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Bundestagswahl 2013
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 105 Kommentare


Wahlkampf-Blog
  • DPA
    SPIEGEL-ONLINE- und SPIEGEL-Redakteure schreiben im Wahlkampf über Ungewöhnliches, Kurioses und Bemerkenswertes - nah dran und persönlich.
  • Zum Wahlkampf-Blog