Britisches Lob für AfD "Lucke säße in London im Kabinett"

In Deutschland ist die AfD eine Splitterpartei, in Großbritannien läge sie im Mainstream: Konservative Euro-Skeptiker sind voll des Lobes für die Newcomer. Sie hoffen, dass sich Kanzlerin Merkel von den Euro-Gegnern treiben lässt - und zusammen mit Premier Cameron Reformen in Brüssel durchsetzt.

Von , London

AfD-Chef Bernd Lucke: Fans auf der Insel
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AfD-Chef Bernd Lucke: Fans auf der Insel


Als Bernd Lucke vor der Sommerpause zu Besuch in Großbritannien war, wurde der Gast regelrecht hofiert. Abgeordnete der regierenden Konservativen trafen sich mit dem Parteichef der Alternative für Deutschland (AfD) zu Vieraugengesprächen. Die Hauptnachrichtensendung des Landes, die BBC-Show "Newsnight", lud ihn zur besten Sendezeit zum Gespräch ins Studio. Niemand beschimpfte ihn als Rechtspopulist, stattdessen lobten alle seine Intelligenz.

"Bernd Lucke ist ein sehr beeindruckender Mann", sagt Douglas Carswell, einer der führenden EU-Skeptiker der britischen Konservativen: "Er ist bei den Tories hochangesehen."

Das Abschneiden der AfD bei der Bundestagswahl wird auf der Insel mit Spannung erwartet. Die Anti-Euro-Partei gilt als überfälliger Neuzugang in der deutschen Politik. Konservative wie Carswell hoffen, dass sie doch noch Gleichgesinnte in Deutschland finden werden. Während die AfD im Bundestagswahlkampf teilweise in eine Schmuddelecke gestellt wird, können die Briten so gar nichts Anstößiges an ihr erkennen. "In Großbritannien wäre Lucke ein moderater Mainstream-Konservativer", sagt Carswell. "Er säße wahrscheinlich im Kabinett."

"Wäre ich Deutscher, würde ich AfD wählen"

Als Lucke im Juni vor einer Wand mit schwarz-rot-goldenen Flaggen im "Newsnight"-Studio saß, kündigte ihn Moderator Jeremy Paxman als Mann des Tabubruchs an. Es gebe in Deutschland eine neue Partei, "die das bislang Unaussprechliche zu sagen wagt", sagte Paxman. "Der Euro ist Wahnsinn." Lucke lächelte höflich und beantwortete die wohlwollenden Fragen in fließendem Englisch.

Die konservative Politik-Website ConservativeHome schreibt, das Programm der AfD sei aus britischer Sicht "nichts Besonderes". Die Partei sei nicht mit der britischen Unabhängigkeitspartei Ukip zu vergleichen, die den Austritt aus der EU fordert. Die AfD stehe vielmehr inhaltlich den Tories am nächsten, die ebenfalls den Euro ablehnen und die EU reformieren wollen. Die Partei von Premierminister David Cameron sei "in deutschen Augen offensichtlich eine rechtspopulistische Bewegung".

Der konservative Kommentator Andrew Gimson schreibt: "Wäre ich ein deutscher Wähler, würde ich mich so sehr über die Weigerung der beiden großen Parteien ärgern, über Europa zu debattieren, dass ich AfD wählen würde." Der Sieg der neuen Partei könne die große Geschichte des Wahlsonntags werden, schrieb Gimson am Dienstag in der "Times": "Eine Gruppe ehrlicher und eloquenter Euro-Skeptiker hat Deutschlands erdrückenden politischen Konsens aufgebrochen und den Bundestag erreicht."

Cameron setzt auf Merkel

Die Sympathisanten der AfD sitzen jedoch - wie Carswell - auf den hinteren Bänken im Unterhaus. Die Regierung hingegen setzt weiterhin auf die Schwesterpartei CDU. Premier Cameron hofft, dass Angela Merkel ihm in ihrer dritten Amtszeit hilft, nationale Zuständigkeiten aus Brüssel in die Hauptstädte zurückzuholen.

Aus Camerons Sicht ist der Aufstieg der AfD ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite kann er hoffen, dass Merkel unter dem Druck von rechts ihre EU-Kritik verschärft und die britischen Forderungen in Brüssel unterstützt. Die jüngsten positiven Signale der Bundesregierung werden in London auch auf den Einfluss der AfD zurückgeführt.

Auf der anderen Seite würde ein Einzug der Euro-Gegner in den Bundestag jedoch wohl Schwarz-Gelb verhindern und zu einer Großen Koalition führen. Eine Regierungsbeteiligung der SPD ließe eine deutsche Unterstützung für die Renationalisierung der EU aber in weite Ferne rücken.

Ein Sieg der AfD wäre "bad news" für David Cameron, schrieb Mats Persson, Chef der Euro-skeptischen Denkfabrik Open Europe, in einem "Telegraph"-Blog. "Dann müsste Merkel fast sicher mit der SPD regieren." Eine große Koalition würde sich jedoch eher an Paris als an London ausrichten.

Für Carswell spielen solche taktischen Erwägungen eine untergeordnete Rolle. Er drückt Luckes Truppe die Daumen. "Wir alle in Europa profitieren, wenn Merkel gezwungen wird, die Euro-Skepsis der Deutschen ernst zu nehmen".



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 176 Beiträge
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Seite 1
Marc Anton 18.09.2013
1. optional
Die AfD in die Schmuddelecke zu stellen war auch gerade SPON ein großes Anliegen. Wir werden es sehen, was passiert. Solange es bei den Auszählungen korrekt zugeht, gehe ich von >5% aus. Die Frage ist doch: Braucht der Bundestag nicht Querdenker, die das Eingefahrene in Frage stellen?
hr_schmeiss 18.09.2013
2. Würden...
...die deutschen Mainstream-Medien, und dazu gehört leider auch "Spiegel-Bild", nicht ein derart negatives und falsches Bild über Parteien links der SPD verbreiten, dann wären diese Parteien sehr viel mehr Mainstream. Ein Segen für CDU-SPD, dass die Bürger -inzwischen zumeist nur noch "Menschen" genannt- ihr Kreuzle direkt aufs Papier machen dürfen, anstatt ihre Wünsche in den Wahlomaten zu tippen.
schlagfertig1 18.09.2013
3. Bravo.
Bin ja eigentlich kein Fan der Briten. Aber wo sie recht haben, haben sie recht. Bleibt nur zu hoffen das der deutsche Michel das auch begreift!
steinzeitmann 18.09.2013
4. Wie war noch die Geschichte?
Der Prophet im eigenen Land
Dr.Krümelmonster 18.09.2013
5. Gute Reise!
---Zitat--- "Lucke säße in London im Kabinett" ---Zitatende--- Na, dann weiss Herr Lucke ja, wohin die Reise gehen sollte. Ab auf die Insel! ;-) *sentimental mit einem Taschentuch wink*
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