Bundeswehr-Einsatz in der Türkei: Gerangel in der "Patriot"-Kaserne

Von

DPA

Politisch gilt der "Patriot"-Einsatz der Bundeswehr als Freundschaftsgeste gegenüber der Türkei. Doch am Einsatzort kriselt es gewaltig zwischen Türken und Deutschen. Ein Bericht des Wehrbeauftragten beschreibt Schikanen der türkischen Armee - eine Feldjägerin wurde attackiert.

Berlin - Bei der Zusammenarbeit der Bundeswehr mit der türkischen Armee im Rahmen des "Patriot"-Einsatzes gibt es massive Spannungen zwischen den Soldaten der beiden Nato-Partner.

In einem mehrseitigen Bericht nach einer Reise in der Türkei beklagt der Wehrbeauftragte des Bundestags nicht nur erhebliche Missstände bei der Unterbringung der deutschen Soldaten. Nachdem Hellmut Königshaus (FDP) Ende der Woche das Ministerium über die Ergebnisse seiner Reise informiert hatte, sandte er den Bericht nun am Freitagnachmittag ans Parlament.

Die Einschätzung von Königshaus ist eindeutig: Die Kooperation mit der türkischen Seite werde bei der Bundeswehr "überwiegend als problematisch empfunden". Demnach klagten die eingesetzten Soldaten in der Mehrzahl, die Türken würden sie keineswegs wie willkommene Gäste empfangen, obwohl sie von der türkischen Regierung eingeladen worden seien. Von den Bundeswehrsoldaten, so der Bericht, werde die türkische Seite als "wenig hilfreich" empfunden.

Absichtliche Schikane?

Was Königshaus bei seinem Besuch in der Türkei erfuhr, klingt zunächst wie das normale Beschwerde-Programm bei Auslandseinsätzen. So bemängeln die Soldaten die schlechten sanitären Einrichtungen in der Kaserne in Kahramanmaras, wo seit einigen Wochen deutsche Soldaten den Nato-Partner Türkei mit "Patriot"-Flugabwehrraketen vor Angriffen aus dem benachbarten Syrien schützen sollen. Demnach seien die Toiletten in den Stabsgebäuden völlig verdreckt, kniehoch sollen dort Schlamm und Fäkalien gestanden haben. Ebenso schlecht sei die Ausstattungen der eigentlichen "Patriot"-Stellungen mit mobilen Toiletten.

Im Kern aber entsteht durch den Bericht von Königshaus der Eindruck, dass die türkische Armee die Deutschen absichtlich schikaniere. So unterbinde die türkische Seite jeglichen Kontakte ihrer Soldaten mit den Deutschen, wer gegen das Verbot verstoße, werde umgehend "gemaßregelt". Von Kooperation ist offenbar wenig zu sehen bei dem gemeinsamen Nato-Einsatz. Als kürzlich ein deutscher Sanitäter seine türkischen Kollegen in ihrem Lazarett besuchen wollte, wurde er vom Lagerkommandeur regelrecht rausgeschmissen. Im Verteidigungsministerium werden die Beobachtungen von Königshaus durchaus ernst genommen. Eine Sprecherin sagte SPIEGEL ONLINE am Samstag, man prüfe die Vorwürfe umgehend.

Überdeutlich wurde die gespannte Lage, als Verteidigungsminister Thomas de Maiziére Ende Februar das Lager in der Südtürkei besuchte. Kurz vor dem Eintreffen des Politikers wies der türkische Lagerkommandeur die Deutschen plötzlich an, alle deutschen Fahnen im Lager zu entfernen. Als Begründung gab er an, dass dies immer noch eine türkische Kaserne sei. Selbst die bei den Soldaten als Erinnerung an die Heimat beliebten deutschen Ortsschilder mussten die Deutschen wieder einpacken.

Ausgerechnet zum Ministerbesuch gipfelte die angespannte Situation sogar in einem Gerangel.

Prellungen nach Rangelei

So gerieten kurz vor Ankunft von Thomas de Maiziére eine junge deutsche Feldjägerin und der Lagerkommandeur, ein General der türkischen Armee, heftig aneinander. Die offizielle Version liest sich eher undramatisch: Demnach wollte die Feldjägerin für die Ministerkolonne eine Straße absperren und stoppte dafür die dunkle Limousine mit dem türkischen Offizier im Fond. Zunächst diskutierte der mit dem Oberfeldwebel, dann sei es zu einer kurzen Schubserei gekommen.

Beteiligte Soldaten schildern die Situation anders, demnach habe es eine handfeste Rangelei gegeben, der General sei regelrecht ausgerastet, nur herbeieilende deutsche Kameraden hätten die Feldjägerin beschützt. Mehrere Prellungen, die später von einem Arzt dokumentiert worden sind, stützen eher die zweite Version.

Die handfeste Rangelei passt ins Bild der Beschwerden der deutschen Soldaten, die sich von den Türken schlecht und vor allem willkürlich behandelt fühlen. Am meisten nervt die Deutschen, dass sie sich außerhalb des Lagers nur sehr begrenzt in Kahramanmaras bewegen dürfen, schon zu Ankunft hatten die Türken ausschließlich die Innenstadt der Stadt als "Green Zone" für die Deutschen freigegeben. Viele Maßnahmen der Türken wirken tatsächlich wie pure Schikane, so hält der Zoll die deutsche Feldpost oft über Tage oder gar Wochen fest.

Probleme melden auch die Feldjäger der Truppe: Da die Türken die deutschen Truppenpolizisten strikt angewiesen haben, außerhalb des Lagers keine Waffen zu tragen und auch nicht in ihren fahlgrünen Jeeps zu fahren, fragen sich einige von ihnen, ob sie im Fall eines Angriffs ihre Kameraden mit den bloßen Fäusten verteidigen sollen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1021 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
jacko2013 02.03.2013
sprachlos!
2. ein weiterer Grund
delponte 02.03.2013
warum unsere türkischen Freunde schnellstens in die EU müssen, nicht wahr Guido?
3. Lösung
matthias_b. 02.03.2013
Die einzige Lösung kann sein, unsere Freunde vom Bosporus sofort in die EU aufzunehmen und mindestens 100 bazillionen Euro als Entschädigung und Entwicklungshilfe zu überweisen.
4. Sollte doch eigentlich ganz einfach sein...
azapf1972 02.03.2013
...wenn ich bei mir zu Hause meine Gäste nicht ordentlich behandle, gehen sie und kommen nicht wieder... und eventuell gehen sie in Zukunft dort hin, wo sie willkommen geheißen werden...
5. Und raus da
lynx999 02.03.2013
Wenn wir dort augenscheinlich nicht Willkommen sind dann raus dort. Die Gefahr durch Syrien ist kaum noch da. Warum also dafür weiter Geld zum Fenster rausblasen?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Bundeswehr
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1021 Kommentare
Fotostrecke
"Patriot"-Einsatz in der Türkei: Wütender Protest gegen Nato-Hilfe

Karte
Fotostrecke
Deutsche "Patriot"-Systeme: Letzter Test für den Türkei-Einsatz

Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 74,724 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt: Abdullah Gül

Regierungschef: Recep Tayyip Erdogan

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Türkei-Reiseseite