Bundeswehr in Afghanistan: "Für die Soldaten ist es Krieg"

Auch wenn die Bundesregierung es nicht so nennen will - für die Bundeswehr herrsche Krieg in Afghanistan, sagt der Wehrbeauftragte des Bundestages. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview kritisiert Reinhold Robbe "semantische Klimmzüge" und fordert mehr moralischen Rückhalt für die Truppe.

SPIEGEL ONLINE: Verteidigungsminister Jung will die Afghanistan-Mission der Bundeswehr weiter nicht als Krieg bezeichnen, er spricht lieber vom Stabilisierungseinsatz. Ärgert Sie das?

Robbe: Warum sollte es? Es ist ja richtig - formal zumindest. Der Isaf-Einsatz ist eine Unterstützungsmission für Afghanistan. Zusammen mit den Verbündeten hilft Deutschland dabei, dem Land eine Perspektive zu geben.

Bundeswehr-Konvoi (im April 2009 bei Kunduz): "Im Moment ist Krieg" Zur Großansicht
REUTERS

Bundeswehr-Konvoi (im April 2009 bei Kunduz): "Im Moment ist Krieg"

SPIEGEL ONLINE: Aber hier wird mit einem rechtlichen Kriegsbegriff argumentiert. Den Soldaten vor Ort ist die akademische Diskussion aber ziemlich egal.

Robbe: Darum geht es, um die Stimme der Truppe. Ich war gerade in Afghanistan, und die Soldaten haben mir, emotional zum Teil sehr nahe gehend, klar gemacht: Herr Robbe, hier werden gerade keine Brunnen gebaut und auch keine Schulen eröffnet - im Moment ist hier Krieg. Damit hat ein Hauptfeldwebel auf den Punkt gebracht, was auch seine Kameraden empfinden. Wenn sie sehen, dass links und rechts Kameraden verwundet werden, wenn, wie am Dienstag, Kameraden fallen, dann ist doch klar, dass die Soldaten das als kriegsähnliche Situationen wahrnehmen. Dafür habe ich vollstes Verständnis. Von semantischen Klimmzügen halte ich überhaupt nichts.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sich dann nicht ein paar klare Worte wünschen - vielleicht nicht nur vom Verteidigungsminister, sondern auch von der Bundeskanzlerin?

Robbe: Ich kritisiere und kommentiere nicht, was führende Verantwortungsträger in unserem Land sagen. Das sollen diese selber verantworten. Ich will auch gar keine künstlichen politischen Gegensätze erzeugen. Mit geht es darum, dass in der Gesellschaft angemessen gewürdigt wird, was unsere Soldaten Tag für Tag unter Einsatz ihres Lebens im Interesse unseres Landes leisten.

SPIEGEL ONLINE: Da scheint erheblicher Nachholbedarf zu bestehen. In Umfragen sagen die weitaus meisten Deutschen, die Bundeswehr sollte raus aus Afghanistan.

Robbe: Die Soldaten fordern von ihren Mitbürgern mehr moralische Unterstützung ein. Und im 60. Jubiläumsjahr der Bundesrepublik wäre es an der Zeit, einmal intensiver darüber nachzudenken, wie wir das freundliche Desinteresse gegenüber der Bundeswehr - pathetisch gesagt - in ehrliche menschliche Zuwendung umwandeln können. Da sind alle in der Pflicht, nicht nur die Politik, sondern vor allem die großen gesellschaftlichen Organisationen, Kirchen, Gewerkschaften. Man könnte beispielsweise auch auf einer Mai-Kundgebung mal der Tausenden deutschen Soldaten gedenken, die sich auf der ganzen Welt für deutsche Interessen einsetzen. Jeder muss doch erkennen, dass die Soldaten nicht aus eigenem Antrieb in Afghanistan sind. Der Bundestag hat sie dorthin entsandt. Sie leisten Aufbauhilfe, …

SPIEGEL ONLINE: … im Moment leisten sie vor allem heftige Feuergefechte gegen die Taliban …

Robbe: … ja, aber immer mit dem einen Ziel: so stabile Strukturen zu schaffen, dass sie dort eines Tages auch wieder rausgehen können.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Bundeswehr noch ausreichend gerüstet für diesen Einsatz?

Robbe: Im Großen und Ganzen ja. Es gibt aber immer wieder Nachsteuerungsbedarf. Die Taliban haben gelernt, sich von Tag zu Tag auf neue Gegebenheiten einzustellen, ihre Strategien zu ändern - offensichtlich auch mit massiver Unterstützung von dritter Seite. Das ist ein ganz neues Bedrohungsszenario, das die Truppe natürlich immer wieder vor neue Herausforderungen stellt. Deswegen muss jeden Tag sensibel geprüft werden: Haben wir das richtige Material, haben wir genug davon, haben wir ausreichend Personal? Ich habe da auch meine Eindrücke und konkrete Hinweise mitgebracht.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich?

Robbe: Die diskutiere ich nicht öffentlich, ich habe sie dem Verteidigungsausschuss mitgeteilt.

SPIEGEL ONLINE: Beim Gefecht am Dienstag forderten die Deutschen einmal mehr Luftunterstützung der Verbündeten an - bräuchte die Bundeswehr eigene Kampfhubschrauber, die bedrängten Bodentruppen sofort helfen können?

Robbe: Ich will mich nicht zu militärischen Strategien äußern, das ist Sache der militärischen Führung und des Verteidigungsministeriums. Ich nehme auf, was die Soldaten mir sagen, mir vielleicht sogar etwas offener als ihren militärischen Vorgesetzten. Ich versuche dazu beizutragen, dass die Soldaten bekommen, was sie wirklich benötigen. Dazu gehört vor allem, zum optimalen Schutz der Soldaten beizutragen.

SPIEGEL ONLINE: Auch mit schwererem, stärker gepanzertem Gerät?

Robbe: Ich weiß sehr wohl, dass es keinen hundertprozentigen Schutz gibt, dass die Soldaten nicht nur in geschützten Fahrzeugen unterwegs sein können, und dass es immer Situationen gibt, wo auch der beste Schutz nichts nützt, wo die Sprengladung so stark ist, dass auch kein "Dingo", kein "Fuchs" und auch kein noch so gepanzertes Fahrzeug hilft.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Ihnen denn die Soldaten vor Ort? Brauchen sie mehr schweres Gerät?

Robbe: Sie brauchen einen Mix aus verschiedenen Fahrzeugen. Aber sie sagen beispielsweise auch, dass schwere Fahrzeuge auf unbefestigten Wegen, wie es sie in Afghanistan überwiegend gibt, nicht einsetzbar sind. Man muss sehr genau hinschauen, welches Gerät im Einzelfall das richtige ist. Es gibt offensichtlich keine Patentrezepte.

SPIEGEL ONLINE: Vor gut einem Jahr wurde das Kontingent auf 4500 Soldaten erhöht, der Einsatz von Awacs-Aufklärungsmaschinen, an dem die Bundeswehr ebenfalls beteiligt ist, steht vor der Verabschiedung. Glauben Sie, dass noch mehr deutsche Soldaten an den Hindukusch geschickt werden müssen?

Robbe: Hier kann man keine Prognose abgeben. Wir wissen nicht, ob sich die Situation in Afghanistan weiter zuspitzt. Wenn das der Fall sein sollte, muss neu überlegt werden, wie wir der Gewalt begegnen können.

Das Interview führte Philipp Wittrock.

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