Bundeswehr in Afghanistan Wenn Taliban-Terror zur Randnotiz wird

Der deutsche Einsatz in Afghanistan wird immer riskanter. Nun muss sich das Verteidigungsministerium mit dem Vorwurf auseinandersetzen, es gebe Berichte über Angriffe auf die Bundeswehr nicht bekannt - aus Sorge vor der Bundestagsabstimmung über die Einsatz-Verlängerung.

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Hamburg - Es war eine kleine Meldung der Nachrichtenagentur AP am vergangenen Freitag: "Deutsche Militärpolizisten stellen sieben mutmaßliche Taliban". Dass es bei der Gelegenheit auch eine Explosion an der Hauptwache des Bundeswehr-Feldlagers Camp Marmal gab, gleich in der Nähe der nordafghanischen Stadt Masar-i-Scharif, die Aufständischen also womöglich einen Anschlag auf das Camp mit 1165 deutschen Soldaten vorhatten - das meldete AP am Rande. Dennoch war die Agentur die einzige, die den Vorfall überhaupt registrierte.

Bundeswehrsoldat auf Patrouille bei Kunduz: Beschluss im Oktober
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Bundeswehrsoldat auf Patrouille bei Kunduz: Beschluss im Oktober

Deutsche Journalisten waren gar nicht erst auf die Explosion aufmerksam geworden. Ein Umstand, der auch der Informationspolitik der Bundeswehr geschuldet sein könnte: Auf deren Homepage vermerkt eine Meldung, an der Hauptwache sei es zur "Explosion eines Fahrzeugs" gekommen. Verletzte habe es nicht gegeben, und die Hintergründe seien noch unklar. AP-Reporter Matthew Pennigton dagegen hat die Nachricht auf der Internetseite der Internationalen Afghanistan-Schutztruppe Isaf gefunden. Er sagte SPIEGEL ONLINE, er habe nicht mit der Bundeswehr gesprochen - und die Bundeswehr mit keinem Journalisten.

Immer deutlicher wird inzwischen der Verdacht geäußert, dass die Bundeswehr und das Verteidigungsministerium Berichte über die konkreten Gefahren für die 2735 deutschen Soldaten in Afghanistan deckeln: seit die US-Armee von einem bevorstehenden "blutigen Sommer" gesprochen hat, seit die Gewalt auch im Norden Afghanistan zunimmt - und seit Gerüchte kursieren, dass die Bundeswehr auch im Süden des Landes zum Einsatz kommen könnte. Zuletzt haben Politiker der Großen Koalition Zweifel an der Vorgehensweise der Regierung geäußert: In einem gemeinsamen Brief an das Verteidigungsministerium verlangen die Wehrexperten Bernd Siebert (CDU) und Rainer Arnold (SPD), "schneller und detaillierter" über die "Sicherheitslage" in Afghanistan informiert zu werden, berichtete der SPIEGEL.

Das Ministerium entscheidet "von Fall zu Fall"

Als Grund für die Geheimhaltungspolitik der Bundeswehr gilt die im Oktober anstehende Bundestagsabstimmung über ein verlängertes Afghanistan-Mandat. Die Bundesregierung fürchte, dass Abgeordnete Schwierigkeiten machen könnten, wenn sie sich um die Sicherheit der Soldaten sorgen.

Das Verteidigungsministerium weist diesen Verdacht zurück. "Nach meiner Information hat es am Wochenende keine Anfragen seitens der Presse gegeben", sagt Ministeriumssprecher Ingo Gerhartz im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zu der Explosion bei Masar-i-Scharif. Die Informationspolitik der Bundeswehr habe sich nicht geändert - entgegen aller Beschuldigungen, es habe eine interne Weisung gegeben, Anschläge auf deutsche Soldaten geheim zu halten.

"Wir entscheiden von Fall zu Fall, ob wir aktiv an die Agenturen gehen oder den Vorfall 'nur' ins Internet stellen", sagt Gerhartz. Der erste Selbstmordanschlag vor einigen Monaten im Norden Afghanistans sei aktiv über die Bundespressekonferenz kommuniziert worden. Ein Raketeneinschlag anderthalb Kilometer vom deutschen Feldlager entfernt hingegen sei nicht gemeldet worden: "Da können ja auch andere gemeint gewesen sein."

"Zwei, drei Tage nachher wurde im Internet berichtet"

Die Bundeswehr hatte auch eine Panzerfaust-Attacke auf eine Patrouille am 9. August nahe Kunduz zunächst nicht mitgeteilt; der SPIEGEL berichtete über diesen Fall. Ministeriumssprecher Gerhartz verteidigt: "Zwei, drei Tage nach dem Vorfall wurde im Internet darüber berichtet - wir sehen das als Bekanntmachung."

Zumindest ins Bild passt die Forderung von Verteidigungsminister Franz Josef Jung, Journalisten sollten die Bundeswehr am Hindukusch im August und September nicht mehr besuchen. Das Ministerium rechtfertigt dies mit der Gefahrenlage: Man könne für die Sicherheit der Journalisten keine Verantwortung übernehmen, sagt Gerhartz. Wenn aber ein Reporter, der sich ohnehin vor Ort aufhalte, einem Camp einen Besuch abstatten wolle, sei das noch niemanden verwehrt worden.

Sicher ist vor allem eines: Die Gewalt in Afghanistan lässt nicht nach. Heute wurden bei einem Selbstmordanschlag auf einen Nato-Konvoi in Kabul mindestens fünf Menschen getötet, darunter ein britischer Soldat. Auch 640 deutsche Soldaten sind in der afghanischen Hauptstadt stationiert. Ob der Bundestag eine Verlängerung des Mandats beschließt, könnte auch daran liegen, wie viele solcher Schreckensmeldungen in Deutschland eintrudeln.



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