Bundeswehr in der Ukraine-Krise Testfall für die Trümmertruppe

Die Nato will eine schnelle Eingreiftruppe bilden, und die Bundeswehr wäre gern Teil dieser "Speerspitze". Doch bei den Panzergrenadieren von Marienberg zeigt sich exemplarisch, wie schwach die Truppe aufgestellt ist.

Von , Marienberg

Bundeswehrsoldaten in Marienberg: Wie sieht es aus mit der "Speerspitze"?
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Bundeswehrsoldaten in Marienberg: Wie sieht es aus mit der "Speerspitze"?


Für den Besuch bei seinen Jungs hat sich der General ein paar markige Sätze zurechtgelegt. Stramm steht Bruno Kasdorf, als Heeresinspekteur Chef aller deutschen Bodentruppen, in der Erzgebirgskaserne im sächsischen Marienberg. Hinter ihm sind Soldaten vom Panzergrenadierbattaillon 371 angetreten.

"Die Weltlage kennen Sie ja, sie hat sich in den letzten Monaten erheblich verändert", sagt der General. Für die Männer der 371er hat das Folgen. "Wir wollen ab April innerhalb von fünf bis sieben Tagen abmarschbereit sein", sagt der Chef.

Für Kasdorf ist das Datum ein Erfolg. Seit Wochen hat er geplant, wie Deutschland sein Versprechen bei der Nato einhalten kann. Nach der russischen Intervention in der Ostukraine beschloss das Bündnis, eine superschnelle Eingreiftruppe aufzustellen. Innerhalb von Tagen soll die "Speerspitze" von 5000 Mann bei Krisen vor Ort sein - ein Signal an die östlichen Partner: Wir helfen euch im Ernstfall. Deutschland meldete sich als Führungsnation für 2015. Die Bundeswehr wird nun mit einigen anderen Ländern testen, ob man die "Speerspitze" tatsächlich einsatzbereit machen kann.

Eingreiftruppe in der Ukraine: In Marienberg macht sich die Bundeswehr bereit
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Eingreiftruppe in der Ukraine: In Marienberg macht sich die Bundeswehr bereit

Zumindest die Bilder in Marienberg passen zur agilen Selbstdarstellung der Allianz. Vor den Garagen sieht es aus, als ob die deutsche Panzertruppe gleich loslegen will. Mehrere tonnenschwere "Marder" und "Boxer" sind aufgefahren, Dutzende Maschinengewehre und fertig gepackte Rucksäcke auf dem Boden aufgereiht, Scharfschützen sind in Stellung gegangen. General Kasdorf wartet nicht lange, um vor der Kulisse eine zentrale politische Message des Besuchs unterzubringen: "Auf uns, auf die Deutschen, kann sich die Allianz verlassen", sagt er.

Dass die Bundeswehr mit der Aufstellung der "Speerspitze" überfordert war, weiß Kasdorf, wohl auch deswegen spricht er ständig von einer "anspruchsvollen Aufgabe". Tatsächlich wurde der Bundeswehrführung deutlich, dass die Erzgebirgstruppe zwar auf dem Papier gut aufgestellt war, in der Realität aber nur professionell ihre Mängel verwaltete. Es fehlte an Gewehren, Pistolen, Schutzwesten, Nachtsichtbrillen. So eklatant waren die Lücken, dass die Soldaten bei einer Übung einen bemalten Besenstiel als Kanonenattrappe auf einen "Boxer" steckten.

Der Inspekteur des Heeres, Bruno Kasdorf: "Viele Fachleute meinen, dass das gar nicht geht"
DPA

Der Inspekteur des Heeres, Bruno Kasdorf: "Viele Fachleute meinen, dass das gar nicht geht"

Die Causa Besenstiel war ziemlich peinlich. Tagelang zerriss sich die Presse bis zur "New York Times" das Maul über die deutsche Trümmertruppe. Da nutzte es wenig, dass Generalinspekteur Volker Wieker schon Ende 2014 Abhilfe befohlen und für die 371er Vollausstattung angeordnet hatte. Die letzten Teile dieser Bestellung, ein Schwung kugelsichere Westen, erwarten die Panzergrenadiere dieser Tage. Angesprochen auf die vorherigen Mängel geben sich die Soldaten wortkarg. "Es ist gut, dass sich nun endlich etwas bewegt", sagt einer.

Was sich wie eine Fehlplanung einer Einheit anhört, ist allerdings die schnöde Realität der Bundeswehr. Wie die Panzergrenadiere sind alle Truppenteile derzeit nur mit Dreiviertel des nötigen Materials an Panzern oder auch Gewehren ausgestattet, überall gibt es Ausbildungslücken. Wohl auch deswegen ist Kasdorf vorsichtig mit Ankündigungen. Immer wieder spricht er vom sogenannten testbed für die endgültige "Speerspitze". Man probiere in der Testphase dieses Jahr aus, was möglich ist. "Viele Fachleute meinen, dass das gar nicht geht", gibt Kasdorf zu.

Die Aufstellung der Nato-Truppe könnte so sehr viel mehr als nur ein Probedurchgang werden. Vielmehr, so der General, sei 2015 ein "Testfall für die ganze Bundeswehr" und die Frage, wie man die Armee verändern müsse. Klar scheint zu sein, dass es wie bisher nicht weitergeht: Allein für die Vollausstattung der 371er musste Gerät bei anderen Einheiten abgezogen werden. Ausbildungen wurden gestoppt, damit die für die Nato-Truppe vorgesehenen Soldaten Vorrang bekommen. Nach dem Jahr, sagt Kasdorf, müsse man sehen, "wo man noch nachlegen muss".

Den ersten großen Test für die "Speerspitze" will die Bundeswehr bereits im Juni absolvieren. Bei der ersten Übung "Depex" sollen Tausende Soldaten der Nato-Truppe aus Deutschland und einigen anderen Nationen inklusive Gerät und Gefechtsstand innerhalb von Tagen nach Zagan in Polen gebracht werden und sich dort für ein Manöver aufbauen. Spätestens dann entscheidet sich, ob der Probelauf der deutschen Panzergrenadiere erfolgreich ist und ob sich die Bundeswehr für Missionen wie diese noch einmal grundlegend reformieren muss.



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