Bundeswehr in Nordafghanistan Auf Tuchfühlung mit dem Feind

Raketen, Anschläge, geplante Hinterhalte: Die Bundeswehrsoldaten im afghanischen Kunduz werden fast täglich in Abwehrkämpfe ums eigene Leben verwickelt. Die Truppe reagiert mit einem robusteren Vorgehen gegen die Taliban - eine Mission mit ungewissem Ausgang.

Aus Kunduz berichtet


Wenn Manfred Terlinde* vom Krieg redet, spricht er besonnen, als ginge es um die Taktik beim Schach. Es ist 16 Uhr in Kunduz, sengend heiß steht die Sonne am Himmel. Der 31-jährige Soldat vom Jägerbatallion 292 aus Donaueschingen trägt eine riesige schwarze Sportsonnenbrille, die man sonst nur von US-Soldaten kennt. Er spricht über den 7. Mai, als er und sein Zug, rund 30 Mann, fünf Kilometer vom Camp in Kunduz von Taliban angegriffen wurden. "Das Nachdenken ist in dem Moment ausgeschaltet, man funktioniert, tut was man gelernt hat", sagt er, "und schießt zurück."

Terlinde berichtet militärisch exakt, was sich am 7. Mai abspielte. Dass die Soldaten eigentlich nur unterwegs waren, um den neuen Zugführer ins Gelände auf der sogenannten Westplatte einzuweisen. Dass es Meldungen eines Hubschraubers über mehrere Motorräder mit schwerbewaffneten Männern in der Region gab. Dass die Beifahrer plötzlich von den Motorrädern absprangen und sich in Stellung brachten, als sie auf einem Feldweg seitlich der Bundeswehrpatrouille fuhren. Die Uhrzeit kann er nicht genau angeben. Eins sei aber klar gewesen: "Als der erste Schuss gegen uns fiel, brauchte es keinen Befehl mehr."

Die Ruhe kommt den Soldaten verdächtig vor

Die Geschehnisse vom 7. Mai erregten große Aufmerksamkeit. Nach dem langen Feuergefecht, in das sich auch die afghanische Polizei einschaltete, wurden zwei Angreifer von deutschen Kugeln getötet. Ein "Bild"-Reporter fragte Terlinde später, ob ihn diese Nachricht nicht mit Genugtuung erfüllt habe, schließlich war erst am 29. April ein Kamerad des 31-Jährigen bei einem anderen Hinterhalt der Taliban von einer Panzerfaust tödlich getroffen worden. Es sei ein Duell gewesen, sagt Terlinde, doch ein body count, das Abzählen von getöteten Feinden, spiele für ihn keine Rolle.

Was Terlinde erzählt, beschreibt die Lage in Kunduz sehr plastisch. In den vergangenen Wochen ist die Bundeswehr im einst als relativ ruhig bezeichneten Norden immer häufiger von den Taliban, Kriminellen und anderen Feinden angegriffen , in teils gut geplante Hinterhalte gelockt worden. Aus der "Stabilisierungseinheit", von der in Berlin immer gern die Rede ist, aus den manchmal verspotteten "deutschen Entwicklungshelfern in Uniform", ist eine Truppe geworden, die sich verteidigen muss. Wenn es nach draußen geht, raus aus dem mit riesigen Mauern umgebenen Camp, steht jeden Tag das Leben auf dem Spiel.

In dem Raum, in dem Terlinde sitzt, hängt ein Kalender mit vielen roten Einträgen. Der Presseoffizier hat alle Vorfälle seit Januar 2009 eingetragen: "IED", die Abkürzung für Sprengstofffallen, "Raketen", "Beschuss" und "Hinterhalt" reihen sich aneinander. 25 solcher im Jargon der Internationalen Schutztruppe Isaf bürokratisch "sicherheitsrelevante Vorfälle" genannten Einträge hat er dieses Jahr schon gemacht. Seit dem 16. Mai ist nichts mehr passiert. "Verdächtig ruhig", sagen die Soldaten und spekulieren, ob die Gegenseite wohl etwas Größeres vorbereite. Mit dauerhafter Ruhe jedenfalls rechnet niemand.

Es hat sich viel verändert in Kunduz, auf beiden Seiten. Nicht nur die Taliban, der Feind, hat in diesem Jahr deutlich mehr Aktivitäten gezeigt. Auch die Bundeswehr, vom Kommandeur hinab bis zum einfachen Soldaten, zeigt sich ohne einen Befehl, ohne einen öffentlich verkündeten Paradigmenwechsel, robuster als zuvor. Offiziere bezeichnen die Auseinandersetzung der 667 Soldaten mit dem Gegner als "sportliche Angelegenheit". Der Kommandeur Oberst Georg Klein, 48, erst vor acht Wochen angetreten, bringt es auf eine einfache Formel: "Wir werden mit der Härte, die geboten ist, zurückschlagen."

Das Wort aggressiv will im Lager niemand gern hören

DER SPIEGEL

Dass die Gegner aggressiver geworden sind, daran gibt es keinen Zweifel. Geheimdienste haben Hinweise, dass Taliban-Kommandeur Mullah Salam, offen als "Schattengouverneur von Kunduz" bezeichnet, Befehle der Peschawar-Shura - einem der wichtigsten Führungsgremien der Taliban, bekommen hat - in Kunduz und Umgebung aktiver zu werden als bisher. Er und seine Kämpfer finden vor allem in den von Paschtunen bewohnten Regionen weiter Schutz bei der Bevölkerung. Das Potential für Angriffe auf die Bundeswehr, Waffen und Kämpfer, haben die Taliban. Für Attacken, so ein Offizier, stehe alles bereit, es brauche nur eine Gelegenheit - und die gibt es jeden Tag.

Die brenzlige Lage in Kunduz hat den Bundeswehreinsatz maßgeblich verändert. Seit rund zwei Wochen ist eine Einheit der sogenannten Schnellen Eingreiftruppe (QRF) angerückt, um für mehr Sicherheit zu sorgen. Gemeinsam mit den Soldaten aus Kunduz scheuen sie sich auch nicht mehr, nah an den Gegner heranzugehen. In Chahar Darreh, einer Hochburg der Taliban, haben die Deutschen mittlerweile in der Polizeiwache der Afghanen gemeinsam mit der Polizei eine Art Mini-Posten aufgebaut. Von dort gehen sie fast jede Nacht auf Patrouille durch die Dörfer, sie nehmen Fühlung mit dem Feind auf.

Das Wort aggressiv will im Lager niemand gern hören, zu belastet ist der Begriff durch die Rambo-Mentalität der US-Truppen im Land. Robust, damit können sich Soldaten und Kommandeure anfreunden. Nach den Feuergefechten der vergangenen Wochen haben viele die Medienberichterstattung und auch die Worte von Verteidigungsminister Franz Josef Jung, der jedem Angreifer mit Verfolgung drohte, gut aufgenommen. Auch Hauptmann Terlinde sagt, er sei ein bisschen stolz, das Wort gestählt nimmt er schnell wieder zurück. "Wir haben bewiesen, dass wir eine solche Situation meistern können", sagt er.

In Chahar Darreh scheint das Prinzip des Heranrückens an den Feind aufzugehen, zumindest die Zahl der Raketenangriffe geht gen Null. Die Taliban hätten ein bisschen Respekt bekommen, heißt es unter den Offizieren. Für den Fall, dass es in der Region, bei den Soldaten wegen der Flussläufe des Kunduz auch "Zweistromland" genannt, zu heftigeren Kämpfen und möglichen Zerstörungen durch die Bundeswehr kommen sollte, wurden von Militär und Außenamt Sonderfonds eingerichtet, um wütende Bauern zu beruhigen. Irgendwann sollen die Landwirte dann die Seiten wechseln, so die Hoffnung.

"Wir können Gebiete nicht dauerhaft halten"

Das Zusammenspiel zwischen Wiederaufbau und Kampf gegen die Islamisten ist schwierig. Schon jetzt betreibt die Bundeswehr in Kunduz nur noch eine sogenannte "taktische Aufbauhilfe". Soldaten unterstützen die Afghanen beim Anlegen von Straßen und Brücken - aber nur, wenn diese auch dazu dienen, dass die Fahrzeuge der Bundeswehr schneller zu möglichen Einsatzorten kommen. In Chahar Darreh verteilen die Soldaten zudem Koran-Bücher und Gebetsteppiche. Moscheen, die auf diese Weise versorgt werden, so jedenfalls die Hoffnung, sollen sich mit Hasspredigten gegen die ausländischen Truppen schwerer tun.

Illusionen gibt sich in Kunduz niemand hin. Dass es auf Aktionen der Bundeswehr auch Reaktionen des Feinds geben wird, ist eine Binsenweisheit. Zudem verlagern sich die Taliban seit der deutschen Präsenz in Chahar Darreh in andere Regionen und terrorisieren Mädchenschulen, greifen die Polizei an. "Wir können Gebiete militärisch nehmen, aber nicht dauerhaft halten", sagt ein Offizier. Folglich tut die Bundeswehr alles, um die afghanische Armee und die Polizei bei ihrem Aufbau zu unterstützen. Erste Erfolge gibt es. Doch bis die Afghanen Kunduz selber sichern können, wird noch viel Zeit vergehen.

*Name von der Redaktion geändert

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