Bundeswehr Zwei Deutsche sterben bei Taliban-Angriff - General verletzt

Die Täter tarnten sich mit afghanischen Uniformen: Ein Selbstmordkommando der Taliban hat ein hochrangig besetztes Treffen zwischen Bundeswehr und Afghanen attackiert. Zwei Bundeswehrsoldaten und mehrere afghanische Offizielle starben, darunter der Polizeichef der Region. Der deutsche General Kneip überlebte knapp.

REUTERS

Von und Shoib Najafizada


Talokan - Bei einem Anschlag der Taliban auf ein Sicherheitstreffen von afghanischen Militärs und Spitzenpolitikern und einer hochrangigen deutschen Bundeswehrdelegation in Nordafghanistan sind am Samstag zwei deutsche Soldaten getötet worden. Fünf weitere Soldaten, darunter auch General Markus Kneip, der Kommandeur der Internationalen Schutztruppe Isaf in Nordafghanistan, wurden verwundet, teilte das Einsatzführungskommando der Bundeswehr mit. Zunächst war von drei verletzten Bundeswehr-Soldaten die Rede gewesen. Unter den fünf Verwundeten ist zudem der deutsche Oberstleutnant, der dem kleinen Stützpunkt der Bundeswehr in Talokan vorsteht. Dort sind rund 30 Bundeswehrsoldaten stationiert.

Sowohl der Oberstleutnant als auch der Regionalkommandeur sind mittlerweile in einem stabilen Zustand, erfuhr SPIEGEL ONLINE aus Bundeswehrkreisen. Beide werden derzeit in Masar-e-Sharif im größten Bundeswehrlager medizinisch versorgt, sie sollen aber nicht nach Deutschland ausgeflogen werden.

Bei dem Anschlag auf dem Gelände des Gouverneurssitzes in der afghanischen Provinzhauptstadt Talokan wurden der Polizeichef von ganz Nordafghanistan, zwei seiner Bodyguards und der Sekretär des Gouverneurs getötet. Der Gouverneur selbst überlebte die Attacke schwer verletzt, schwebt aber mittlerweile nicht mehr in Lebensgefahr. Aus dem lokalen Hospital hieß es, der Politiker habe schwere Brandverletzungen erlitten.

Die sogenannten Sicherheitstreffen der Deutschen mit den Afghanen gehören zur Routine der Schutztruppe. Am Samstag wollten die Deutschen mit den Afghanen besonders über die gewaltsamen Proteste vor einem kleinen Bundeswehrstützpunkt sprechen, bei denen nach massiven Angriffen auf das Lager zehn Angreifer getötet worden waren. Anwesend waren mehrere Armeeoffiziere der Afghan National Army, der im ganzen Land bekannte Polizeichef von Nordafghanistan und eine hochrangige Delegation der Bundeswehr.

Nur rund eine Stunde nach dem Anschlag auf das Treffen meldeten sich die Taliban per Telefon bei mehreren Journalisten und bekannten sich zu dem Angriff.

Der Sprecher des Gouverneurs Abdul Dschabar Takwa sagte SPIEGEL ONLINE, mehrere Selbstmordattentäter hätten sich in der Halle des Amtssitzes des Gouverneurs in die Luft gesprengt, als die afghanischen und deutschen Militärs und Politiker vom ihrem Treffen im Büro des Gouverneurs im zweiten Stock heruntergekommen seien. Lal Mohammed Ahmaidsai, der Sprecher des getöteten Polizeichefs Daud Daud, berichtete von mehreren Explosionen. Diese hätten sich nach dem Ende des Treffens ereignet. "Überall war Rauch, auf dem Boden lagen Tote und Verletzte", sagte der Augenzeuge. "Alle schrien nach Hilfe und Ärzten."

General Wesa, der die afghanischen Truppen in Nordafghanistan kommandiert, berichtete von schrecklichen Szenen nach dem Anschlag. Auf dem Boden habe er die Leichen der beiden Polizeioffiziere gesehen. Der Gouverneur habe schwere Brandwunden erlitten und habe leblos dagelegen. Im zweiten Stock sei nach den Explosionen Feuer ausgebrochen, so der Armeeoffizier, der eng mit den Deutschen zusammenarbeitet.

Tötung des Polizeichefs Propagandaerfolg für die Taliban

Stunden nach dem Anschlag berichtete Verteidigungsminister Thomas de Maiziere (CDU) über die Attacke. Sichtlich betroffen sagte der Minister, er müsse die Öffentlichkeit erneut über den Tod von deutschen Soldaten informieren. Erst vor einigen Tagen war ein Hauptmann nahe der Stadt Kunduz bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen. Der Minister zeigte sich "bitter traurig" über den "unfassbaren" Anschlag und sprach den Angehörigen sein Beileid aus.

Der Preis für das deutsche Engagement sei "bitter hoch", sagte der Wehrminister, gleichwohl müsse der Einsatz weitergehen. "Die Attentäter und ihre Befehlshaber sind Kriminelle", sagte de Maiziere, "doch sie werden nicht das letzte Wort behalten". Deutschland werde den Weg der Partnerschaft mit den Afghanen nicht verlassen, auch wenn solche Vorfälle viele zum Zweifeln am Sinn der Mission anregten.

Der Befehlshaber für die Auslandseinsätze betonte, dass man noch nicht viele Informationen über die Attacke habe. Erst am Morgen hätten die deutschen Bundeswehrsoldaten, unter ihnen auch der Regionalkommandeur, in Kunduz von dem kürzlich gefallenen Hauptmann Abschied genommen. Danach habe es ein Treffen der militärischen Kommandeure gegeben. Am Nachmittag dann sei die deutsche Delegation nach Talokan geflogen.

Die Attacke ist einer der schwersten Angriffe auf die Isaf in ganz Afghanistan. Noch nie zuvor ist ein so hochrangiger Kommandeur wie General Kneip, der neben den knapp 5000 Bundeswehrsoldaten in Nordafghanistan auch die dort stationierten US-Streitkräfte und mehrere hundert Soldaten aus anderen Nationen befehligt, derartig gezielt angegriffen worden. Grundsätzlich sichern mehrere Dutzend Deutsche gemeinsam mit vielen afghanischen Soldaten solche Treffen ab und riegeln Straßen rund um den Amtssitz ab.

Offenbar aber hatten die Taliban exakte Informationen über das Treffen. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE aus afghanischen Sicherheitskreisen war der Selbstmordattentäter in der Halle des Amtssitzes, als die Gruppe von dem Gespräch aus dem Zimmer des Gouverneurs herunter kam. Augenzeugen sagten gegenüber der afghanischen Polizei aus, dass der Angreifer eine Uniform der lokalen Polizei trug und auf einem Sofa in der Halle gewartet habe.

In der jüngsten Vergangenheit haben die Taliban häufiger Uniformen von Armee oder Polizei, die man überall in Afghanistan leicht beschaffen kann, als Tarnung für ihre Kämpfer benutzt. Die Bundeswehr sprach zunächst von mehreren Angreifern, verwies aber auf die laufenden Ermittlungen.

Der Gouverneur der Provinz vermutet hingegen, der Angreifer sei mit einer der Delegationen von afghanischen Offiziellen in das Gebäude gekommen. "Die Sicherheit für dieses Treffen war extrem streng", sagte Abdul Dschabar Takwa am Abend im Hospital von Talokan. Sein Gesicht war während des kurzen Statements mit Verbänden bandagiert. "Der oder die Attentäter können nur mit einer der Wagenkolonnen auf das Gelände gekommen sein", sagte er. Umfangreiche Ermittlungen seien eingeleitet worden. Der Befehlshaber der Auslandstruppen der Bundeswehr wollte in Berlin noch nichts zu den Details des Anschlags sagen, man sei noch bei den Recherchen über den genauen Ablauf der Tat.

Die Folgen des Anschlags sind noch kaum abzuschätzen. So wurde mit Daud Daud einer der wichtigsten Vertreter der Kabuler Zentralregierung getötet, er gilt seit Jahren als einer der einflussreichsten Köpfe im Einsatzgebiet der Bundeswehr. Der frühere Kommandeur der Nordallianz war einer der engsten Vertrauten der Bundeswehr, die seit dem Beginn des deutschen Einsatzes im Norden eng mit ihm kooperiert. Bevor Daud, der in der Provinz Tachar geboren ist, Polizeichef für den Norden wurde, hatte er diverse hochrangige Posten in Nordafghanistan und kurzzeitig auch in Kabul inne.

Dass es den Taliban gelungen ist, einen so gut geschützten Offiziellen zu töten, werden sie massiv für ihre Propaganda ausschlachten. Daud Daud galt als hartnäckiger Feind der Radikalislamisten, die in Nordafghanistan immer mehr an Macht gewinnen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, sie sie "schockiert und traurig". Der Anschlag zeige "eine mörderische Menschenverachtung", so Merkel. Auch mit Blick auf die afghanischen Opfer sprach sie am Samstag den Angehörigen ihr Mitgefühl aus und wünschte den Verletzten baldige Genesung. Über eine Mitteilung drückte der afghanische Präsident Hamid Karzai der Kanzlerin sein Beileid für die beiden gefallenen Bundeswehrsoldaten aus und verurteilte die Attacke aufs Schärfste.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP), zurzeit auf einer neuntägigen Reise durch mehrere Länder unterwegs, sagte am Samstag in der Hauptstadt des Oman, Maskat: "Ich bin bestürzt über diesen barbarischen Terrorakt. Wir trauern um die Opfer und bangen um die Verletzten". Auch die Schutztruppe Isaf verurteilte den Anschlag.

insgesamt 296 Beiträge
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Ernst666 28.05.2011
1. 51
51 Soldaten sind jetzt während des Einsatzes in Afghanistan gefallen und es werden nicht die letzten sein. Den Sinn oder Unsinn dieser Opfer kann man nur dann ermessen wenn unsere Soldaten aus Afhanistan abziehen. Denn ob es besser ist dieses Land sich selbst zu überlassen erfahren wir nur dann. Ruht in Frieden
Coz, 28.05.2011
2. ...
Offensichtlich haben die Deutschen immer noch nicht gelernt, dass man den Sicherheitskräften dort nicht unbedingt trauen und die Sicherheit solcher Treffen komplett in die eigene Hand nehmen sollte. Die Naivität der Bundeswehr scheint immer noch grenzenlos, selbst nach dem Vorfall vor ein paar Wochen, ale ein afghanischer Soldat, ein "Verbündeter", ein paar deutsche Soldaten von hinten erschossen hat. Manche müssen es halt auf die harte Tour lernen. Schade um die Männer. Und bitte liebe Politiker, verschont uns mit den ewig gleichen Phrasen. Kassiert eure Gelder und haltet uns nicht für blöde.
Baikal 28.05.2011
3. Nun, das..
Zitat von sysopDie Täter tarnten sich mit afghanischen Armeeuniformen: Ein Selbstmordkommando der Taliban hat ein hochrangig besetztes Treffen zwischen Bundeswehr und Afghanen attackiert. Drei Bundeswehr-Soldaten und mehrere afghanische Offizielle starben, darunter der Polizeichef der Region. Der deutsche General Kneip überlebte nur knapp. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,765497,00.html
.. ist nur ein Vorgeschmack auf die Bundeswehrreform des Generalinspekteurssohnes: überall in aller Welt demnächst der deutsche Schlachtruf gellt. Grüne und Sozis sind dafür - in welchen Zeiten leben wir nur. Mein Beileid gilt denen, die zu solchen Einsätzen befohlen werden.
Emmi 28.05.2011
4. Sicherheitsmaßnahmen!?
Bei einem so hochkarätig besetzten Treffen verwundert es schon sehr stark, dass Taliban (und sei es in Uniformen der afghanischen Armee) in das Gebäude eindringen konnten. Entweder sind selbst die Leute, die bei einem solchen Treffen für die Sicherheit zuständig sind, mittlererweile von den Taliban unterwandert (oder bestochen?) oder die Sicherheitsmaßnahmen sind wirklich so lächerlich, dass da jeder in einer geklauten Uniform oder aber als in die Armee eingeschleuster Talib (deren Existenz ja nun lange kein Geheimnis mehr ist) rein laufen kann, noch dazu mit Sprengstoff/Bomben... Langsam sollte auch dem letzten Hardliner klar werden, dass die Sache dort aussichtslos und verloren ist. Weg da!
peterregen 28.05.2011
5. ...
Wie lange will die Bundesregierung noch zuschauen? Wann werden endlich mehr Soldaten und schwere Waffen zur Verstärkung geschickt?
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