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28. Februar 2011, 06:31 Uhr

Bundeswehroperation Nafurah

Riskante Rettungsmission hinter feindlichen Linien

Aus Kairo berichtet

In einer geheimen Mission haben Bundeswehr und britische Royal Air Force 132 Europäer aus Libyen gerettet, darunter 22 Deutsche. Die Transall-Maschinen landeten mitten im Krisengebiet. Trotz des hohen Risikos sah die Bundesregierung keine Alternative.

Kairo - Tagelang hatte man in Berlin und London die Operation Nafurah geplant, am Ende ging alles ganz schnell. Innerhalb von rund 45 Minuten landeten am Freitagabend gegen 18 Uhr Ortszeit in der Wüste von Libyen, mitten im derzeit völlig unüberschaubaren Krisengebiet in Nordafrika, vier schwere Militärflugzeuge. Zwei Maschinen der Bundeswehr, zwei weitere der britischen Royal Air Force.

Soldaten in Wüstenuniformen sprangen aus den Ladeklappen, sicherten mit ihren Schnellfeuerwaffen das Gelände. Derweil kletterten kleine Gruppen von jeweils 40 Europäern in die Militärflugzeuge. Die Piloten ließen die Motoren laufen, starteten sofort wieder durch. Ab in die Luft, raus aus Libyen, das im Chaos versinkt.

Die Operation in Libyen war eine der riskantesten Missionen der Bundeswehr der letzten Jahre, geplant unter striktester Geheimhaltung. Ein Einsatz hinter feindlichen Linien, im unbekannten Gelände eines Landes, in dem sich die Lage innerhalb von Stunden ändern kann.

Landestrip im Nirgendwo

Gleichwohl sah die Bundesregierung bereits Mitte der Woche schlicht keine andere Möglichkeit mehr, die Gruppe der Europäer anders als durch das Militär zu retten. Auf verschiedenen Wegen hatten sich die 22 Deutschen nach Nafurah im Nordosten Libyens, nahe einer Ölraffinerie, vor den bürgerkriegsähnlichen Zuständen geflüchtet. Auch rund hundert weitere Europäer, darunter viele britische Ölarbeiter, waren dort mehr oder minder eingebunkert.

Eine Rettung aus der Luft, ohne eine Kontaktaufnahme zur libyschen Regierung oder den Rebellen: Von Beginn an war sie ein Risiko. Gleichwohl plante der Krisenstab geheim sehr schnell die militärische Lösung, trotz des Afghanistan-Kriegs und der Auslandseinsätze nach wie vor ein heikles Thema in Deutschland. Die Bundeswehr verlegte mehrere Transall-Flugzeuge in den Mittelmeerraum. Sie holten zu Beginn der Woche rund hundert Deutsche aus Tripolis ab. Weniger offensichtlich bereiteten sich in der Kaserne im niedersächsischen Seedorf hochspezialisierte Fallschirmjäger vor. Wie für Afghanistan, wo diese Eliteeinheiten an vorderster Front kämpfen, bekamen sie Wüstenuniformen, über die Mission hatten sie absolutes Stillschweigen zu bewahren.

Die Drähte im Auswärtigen Amt liefen auch für die politische Koordination heiß. Gemeinsam mit den Briten, die ihre in der libyschen Ölindustrie beschäftigten Landsleute retten wollten, schmiedete man den Plan zur Operation Nafurah. Der kurze Landestrip in der Wüste Nordostlibyens, irgendwo im Nirgendwo, schien von Beginn an geeignet für eine unauffällige Landung und schnelle Abholung der Europäer aus der Krisenzone. Die Gegend, das meldeten die Militärgeheimdienste, war mit Satelliten aus dem All gut zu beobachten. Jeder Angreifer wäre in der kargen Wüstenlandschaft schnell aufgefallen. Trotzdem blieben gerade in Deutschland Zweifel, ob man die heikle Mission wirklich angehen sollte - zu unberechenbar schien die Lage im Chaosland Libyen.

Keine Alternative zur spektakulären Aktion

Doch letztlich überwog die Sorge um die Europäer, die trotz der Einöde der Wüste keineswegs sicher waren. Denn die Ölindustrie drohte in dem Machtkampf zwischen dem Regime von Muammar al-Gaddafi und seinen Gegnern zum Kampfschauplatz zu werden. Mittlerweile haben die Rebellen die meisten wichtigen Ölanlagen an der Küste und im Land unter ihre Kontrolle gebracht. Mitte der Woche aber befürchteten westliche Geheimdienste, dass Gaddafi so weit gehen könnte, besetzte Anlagen bombardieren zu lassen. Dem exzentrischen Despoten wird mittlerweile alles zugetraut, um sich irgendwie noch an der Macht zu halten.

Am Freitagnachmittag stimmten sich Außenminister Guido Westerwelle (FDP), Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und das Kanzleramt deswegen endgültig ab, die Operation durchzuziehen. Vorsorglich, schließlich handelte es sich um einen für den Notfall durchaus robust bewaffneten Auslandseinsatz der Bundeswehr, wurden auch die Fraktionschefs aus dem Bundestag unterrichtet. Schnell war man sich einig, dass man zu der spektakulären Aktion keine Alternative mehr sah. Kaum waren die formalen Hürden überwunden, starteten die Transalls gemeinsam mit den britischen Flugzeugen in Richtung Libyen.

Die schnelle Entscheidung stellt durchaus eine neue Qualität für zukünftige Krisenfälle dar. Einsätze der Bundeswehr oder gar der Spezialeinheiten sind in Deutschland stets ein schwieriges Thema. Oft überwiegen im Krisenstab die Zweifler, die fürchten, bei einem Fehlschlag könnten sie politisch verantwortlich gemacht werden. Symbolisch für diese Vorsicht steht noch immer die gescheiterte Befreiung des von Piraten vor Somalia gekaperten Frachters "Hansa Stavanger". Obwohl die nach Kenia entsendete Sondereinheit GSG 9 einen Sturm des Schiffs für machbar hielt, versandete die Entscheidung in den politischen Querelen. Am Ende blies man die Aktion ab, die Piraten erpressten ein Millionen-Lösegeld.

Bundeswehr-Transalls bleiben weiter im Mittelmeerraum

Mitentscheidend für das grüne Licht war wohl auch die Beteiligung der Briten. Das Militär des Landes ist zwar weit entfernt von den Fähigkeiten der USA, gleichwohl aber wesentlich routinierter in heiklen Missionen als die Bundeswehr.

Folglich konnte Großbritannien vor allem bei der Sicherung des Flugfelds in der Wüste und der Überwachung des Luftraums Sicherheiten anbieten, über die die Bundeswehr nicht verfügt. Die Reihenfolge der Flugzeuge symbolisierte dies ein bisschen. Als erste Maschine landete ein britischer Transportflieger, dann kamen zwei deutsche Maschinen, den Abschluss flogen wieder Piloten der Royal Air Force.

Die Anspannung zuvor war den deutschen Politikern anzumerken. Das Wehrressort bat SPIEGEL ONLINE am Freitag ausdrücklich, trotz eindeutiger Hinweise auf die Vorbereitungen einer militärischen Evakuierung nicht über diese zu berichten, damit die Operation ohne Störung ablaufen konnte. Dementsprechend erleichtert zeigten sich die verantwortlichen Minister später über den glücklichen Ausgang. Sowohl Westerwelle als auch Guttenberg dankten der Bundeswehr für den erfolgreichen Einsatz bei der heiklen Mission. Gleichwohl ist das Problem der hundert noch immer in Libyen feststeckenden Deutschen mit der Operation Nafurah noch nicht gelöst. Deswegen bleiben die Bundeswehr-Transalls weiter im Mittelmeerraum.

Die Briten holten bereits am Sonntagabend weitere 150 ihrer Landsleute bei einer ähnlichen Mission aus dem Krisenstaat.

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