Gewalt gegen Rohingya: Burma verjagt ein ganzes Volk

Von , Islamabad

Die Welt feiert das Ende der Militärdiktatur in Burma und investiert im Land. Doch für das jahrzehntelang unterdrückte Volk der Rohingya hat sich nichts verbessert: Seit Wochen tobt ein blutiger Kampf, mehr als hunderttausend Menschen sind auf der Flucht. Aber sie wissen nicht, wohin.

Gewalt in Burma: Das Leid der Rohingya Fotos
AP

Das Unheil begann mit einem Mord. Die 26-jährige Thidar Htwe war auf dem Weg nach Hause, in ihr Dorf Thapraychaung, als drei Männer sie Ende Mai überfielen, vergewaltigten, töteten. Schnell sprach sich herum, dass die Täter Muslime waren, vom Volk der Rohingya, einer Minderheit im Westen von Burma. Ihr Opfer war Buddhistin. Die Täter wurden verhaftet, der Fall schien erledigt.

Eine knappe Woche später, Anfang Juni, stoppte ein Mob von mehr als 300 Buddhisten einen Bus mit muslimischen Pilgern. Es waren keine Leute aus der Region, sondern Reisende aus der ehemaligen Hauptstadt Rangun. Die Passagiere wurden gezwungen, den Bus zu verlassen. Die aufgebrachte Menge stürzte sich auf sie, zehn Menschen wurden zu Tode geprügelt. Es sollte eine Rache für Thidar Htwe sein.

Burma hat ein halbes Jahrhundert Militärdiktatur überstanden, die viele Jahre unter Arrest stehende Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi hat seit diesem Jahr einen Parlamentssitz - und die Welt feiert die demokratischen Reformen in Burma. Doch von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommen nimmt die Gewalt gegen die Rohingya zu. Seit dem Angriff auf die Busreisenden verstärkt die Polizei ihre Präsenz in der Öffentlichkeit, aber sie verhindert kaum, dass der unverhohlene Hass sich Bahn bricht.

Demokratisierung hat den Rohingya nichts genützt

Rohingya sind Angehörige einer religiösen und ethnischen Minderheit, beheimatet im Westen Burmas, an der Grenze zu Bangladesch. Von den etwa drei Millionen Rohingya lebt etwa die Hälfte außerhalb Burmas, in Bangladesch, Pakistan, Saudi-Arabien, Thailand, Malaysia und Indonesien, aber auch in Europa und Australien. In Burma ließen sich vor Jahrhunderten arabische Kaufleute und Einwanderer aus Bengalen nieder. Es entstand eine ganz eigene Kultur, eine eigene Sprache und damit eine eigene Identität.

Mit der Entlassung Burmas aus britischer Kolonialherrschaft 1948 erhielten die Rohingya einen Status als Minderheit. Doch das Militär, das 1962 die Macht übernahm, verfolgte eine Politik der "Burmanisierung" des Landes: In den vergangenen Jahren berichteten Flüchtlinge immer wieder von ethnischen Säuberungen in Westburma, von Massenvergewaltigungen und der systematischen Ermordung vieler Männer . Ihnen wird die Staatsangehörigkeit Burmas verweigert, damit sind sie offiziell staatenlos.

Die Hoffnung der Rohingya, nach den ersten Schritten der Demokratisierung würde es ihnen besser gehen, hat sich nicht erfüllt. Wenige Tage nach dem Tod der Pilger gerieten ein Rohingya-Junge auf einem Fahrrad und ein Motorradfahrer in einen Streit. Prompt bildete sich wieder eine Menschenmenge, es flogen Steine, die Polizei schritt ein - nach Aussage von Augenzeugen aber wieder einseitig gegen Rohingya.

Seither sind nach Angaben der Uno mehr als 180.000 Menschen auf der Flucht - nach Bangladesch, nach Thailand, Hauptsache raus aus Burma. Doch nirgendwo sind sie willkommen, oft werden ihre Boote von der jeweiligen Marine ins offene Meer zurückgedrängt, sie werden beschossen oder verhaftet und deportiert. Die britische Organisation Equal Rights Trust teilt mit, das burmesische Militär sei "zunehmend beteiligt an Gewaltakten und anderen Menschenrechtsverletzungen gegen die Rohingya - einschließlich dem Töten und der Massenverhaftung von Jungen und Männern in der Provinz Rakhine". Ein westlicher Diplomat sagt: "Ich kenne keine Minderheit auf dieser Welt, der mit so viel Ablehnung begegnet wird. Ihre Situation ist schlimmer als die der Roma in Europa." Nach Uno-Angaben sind die Rohingya das "am meisten verfolgte Volk der Welt".

Flüchtlingsboote vom Hubschrauber aus beschossen

Menschenrechtler von Amnesty International und Human Rights Watch berichten von Flüchtlingen, die auf dem Weg nach Bangladesch attackiert werden oder verhungern. Selbst wenn sie es auf die andere Seite der Grenze schaffen, sind sie nicht in Sicherheit - die müssen immer damit rechnen, dass die Behörden in Bangladesch sie nach Burma zurückschicken. Kürzlich beschossen Sicherheitskräfte vom Hubschrauber aus Flüchtlinge, die sich per Boot auf den Golf von Bengalen Richtung Bangladesch gewagt hatten. Drei von sechs Booten sanken, mindestens 50 Menschen ertranken. Insgesamt mehrere hundert Menschen sollen in den vergangenen Tagen umgebracht worden sein. Soldaten brannten in Dörfern, in denen Rohingya leben, mehr als tausend Häuser nieder.

Burmas Präsident Thein Sein verhängte den Notstand über Teile von Rakhine. Westliche Diplomaten berichten, die Lage habe sich seither ein wenig entspannt. Doch ein Ende des Konflikts zwischen den Rohingya und den Buddhisten ist nicht in Sicht. Der Präsident erklärte Uno-Vertretern, die einzige Lösung für die etwa eine Million in Burma lebenden Rohingya könne sein, in ein Drittland auszuwandern oder in Flüchtlingslager zu ziehen. Sollte ein Drittland bereit sein, sie aufzunehmen, würde Burma sie sofort dorthin ausweisen, erklärte er.

"Schockiert vom offensichtlichen Rassismus"

"Blanken Rassismus" nennt die Gesellschaft für bedrohte Völker mit Sitz in Göttingen diese Drohung. "Statt zur Versöhnung in dem Vielvölkerstaat aufzurufen, betätigt sich der Präsident als populistischer Brandstifter und schürt weitere ethnisch-religiöse Konflikte", sagt Asien-Referent Ulrich Delius.

Ähnlich äußert sich der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning, der das Land im April besuchte. "Ich war schockiert von dem offensichtlichen Rassismus, mit dem viele Akteure den Rohingya begegnen." Die Bundesregierung unterstützt derzeit über die Malteser rund 2000 Flüchtlingsfamilien und ist mit weiteren Hilfsorganisationen im Gespräch. Löning sagt, die Regierung von Burma müsse jetzt dafür sorgen, dass die Gewalt aufhöre.

Moshahida Sultana Ritu, Ökonomin an der Universität in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka, beurteilt die Ereignisse in Burma als "staatlich geförderte ethnische Säuberung". In einem Beitrag für die "New York Times" kritisiert sie, dass westliche Staaten die Geschichte vom demokratischen Wandel unkritisch akzeptiert und Sanktionen gelockert hätten.

Warum den Rohingya ein solcher Hass entgegenschlägt, kann niemand begründen. Staatliche Zeitungen in Burma nennen sie offen "kalar", also "Schwarze". Sie werden als "Araber" und "Bengalen" beschimpft, was verdeutlichen soll, dass sie nicht nach Burma gehören. Selbst Aung San Suu Kyi und ihre Nationale Liga für Demokratie scheuen sich, offen Stellung für die Rohingya zu beziehen. Suu Kyi hat noch kein Wort zu den Gewalttaten gegen die Rohinyga verloren.

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1.
DMenakker 19.07.2012
Zitat von sysopDie Welt feiert das Ende der Militärdiktatur in Burma und investiert im Land. Doch für das jahrzehntelang unterdrückte Volk der Rohingya hat sich nichts verbessert: Seit Wochen tobt ein blutiger Kampf, mehr als Hunderttausend Menschen sind auf der Flucht. Aber sie wissen nicht, wohin. Burma: Gewalt gegen die Minderheit der Rohingya - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,845017,00.html)
Der extreme Islamismus hat dafür gesorgt, dass Muslime überall dort, wo sie nicht die Mehrheit stellen, als die Parias des neuen Jahrtausends gelten. Auf die brutale Art wie im Artikel beschrieben, oder auf subtilere Arten, wie in D betrieben. Nein, versteht mich nicht falsch, ich befürworte das nicht. ABER! Man kann ein Poblem nicht angehen, wenn man es nicht einmal auszusprechen wagt.
2. Abrechnung nach Jahrhunderten
ede1103 19.07.2012
Zitat von sysopDie Welt feiert das Ende der Militärdiktatur in Burma und investiert im Land. Doch für das jahrzehntelang unterdrückte Volk der Rohingya hat sich nichts verbessert: Seit Wochen tobt ein blutiger Kampf, mehr als Hunderttausend Menschen sind auf der Flucht. Aber sie wissen nicht, wohin. Burma: Gewalt gegen die Minderheit der Rohingya - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,845017,00.html)
Die Vorfahren liessen sich nicht nieder sondern kamen als Eroberer d.h. sie verdrängten die damals in diesem Gebiet lebenden Menschen. das wird jetzt wie in Indien auch geschehen rückgängig gemacht. Mir tut es um jeden einzelnen Menschen leid aber ich habe auch ein gewisses Verständnis für die Einheimischen die sich nach Jahrhúnderten der Besetzung gegen die damaligen Besatzer zur Wehr setzen. Es können sich in einem doch sehr religiös geprägtem Staat nicht 2 Religionen die Vorherrschaft sichern - da muss früher oder später eine weichen.
3. Frontstaat?
schon,aber 19.07.2012
Zitat von sysopDie Welt feiert das Ende der Militärdiktatur in Burma und investiert im Land. Doch für das jahrzehntelang unterdrückte Volk der Rohingya hat sich nichts verbessert: Seit Wochen tobt ein blutiger Kampf, mehr als Hunderttausend Menschen sind auf der Flucht. Aber sie wissen nicht, wohin. Burma: Gewalt gegen die Minderheit der Rohingya - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,845017,00.html)
Das ist wieder so ein Thema, zu dem sich zu äußern eine Menge Diplomatie erforderlich ist, sofern der Beitrag eine Chance auf Veröffentlichung haben soll. Beitrag #1 macht es richtig, es wird nur von "Eroberung" geschrieben – vom wem, weshalb, Fehlanzeige. Würde man deutlicher werden und das Kind beim Namen nennen, könnte man sagen, dass im Westen ein großer islamischer Staat existiert (Bangladesh), mit deutlichen Reislamisierungstendenzen (auch in Richtung Indien, weshalb hier eine harte Grenze existiert), da will Burma einfach verhindern, dass ein islamischer Frontstaat als Unruheherd an seiner Westgrenze entsteht. Negativstes Beispiel: Kaschmir, ein ewiger Konfliktherd auf indischem Boden. Leider stellt SPON nur den "Leidens- und Opferpfad" der geschundenen Rohingya dar, was die Hintergründe trefflich kaschiert.
4. Weich
Sherlock70 19.07.2012
Zitat von ede1103Die Vorfahren liessen sich nicht nieder sondern kamen als Eroberer d.h. sie verdrängten die damals in diesem Gebiet lebenden Menschen. das wird jetzt wie in Indien auch geschehen rückgängig gemacht. Mir tut es um jeden einzelnen Menschen leid aber ich habe auch ein gewisses Verständnis für die Einheimischen die sich nach Jahrhúnderten der Besetzung gegen die damaligen Besatzer zur Wehr setzen. Es können sich in einem doch sehr religiös geprägtem Staat nicht 2 Religionen die Vorherrschaft sichern - da muss früher oder später eine weichen.
Na, wie wäre es denn, wenn beide Religionen weichen würden? Mal ganz verwegen gedacht. Das dieses ständige "Dein Grund für Blitze ist blöder als meiner" Gefasel für Morde herhalten kann ist ein gänzlich untragbarer Zustand. Gerade als ich mich mit der weitestgehend gottlosen Religion des Buddhismus halbwegs anfreunden konnte, kommen wieder Eiferer daher und töten im Namen eben dieser Religion. Religion ist eine viel zu gefährliche Waffe, als das man sie der Menschheit überlassen dürfte.
5. verständlich
Sendmann 19.07.2012
dass sich die eigentlich einheimische Kultur gegen diese fremde wehrt. Denn wenn sie sich nicht rechtzeitig gegen diesen fremden Einfluss wehren, geht es ihnen ähnlich wie den Philippinen, Thailand,,, oder sogar Serbien, wo eine muslimische Minderheit ( die lokal die Mehrheit hat) auf Unabhängigkeit drängt, und im Fall von Serbien sogar geschafft hat.
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